Mit dem Camper durchs Baltikum: Estland, Lettland und Litauen im Spätsommer

7. Jan. 2026 | Highlight, Reiseinfos, Weitere Länder

Schon auf dem Weg Richtung Baltikum wird klar, dass der Herbst hier früher beginnt. Die Sonne steht tiefer, das Licht ist weicher und die Felder leuchten in mattem Gold. Hinter Białystok verlassen wir die Autobahn und rollen über schmale Landstraßen, durch Dörfer und Wälder, immer weiter nach Nordosten. Auf dem Weg zur Ostsee müssen wir Kaliningrad umfahren – durch die russische Exklave darf man ohne Visum nicht reisen. Und das wollen wir bei der aktuellen politischen Lage auch nicht. Es ist spät geworden, als wir Masuren erreichen. In Mikołajki, einem kleinen polnischen Ort zwischen Seen und Bootsstegen, finden wir auf einem offiziellen Parkplatz einen ruhigen Platz für die Nacht. Viel sehen wir nicht mehr – nur schemenhafte Umrisse der umliegenden Häuser im Dämmerlicht – und irgendwo aus der Ferne hören wir ein paar Segelmasten, die im Wind klappern. Die Region wirkt reizvoll, weit und wasserreich, doch diesmal bleibt es bei einem kurzen Eindruck. Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Grenze.

Person steht an der stürmischen Ostseeküste in Litauen und blickt auf die Brandung
Stürmische See vor der litauischen Küste: Im Spätsommer und Herbst wird die Ostseeregion wildromantisch… und sieht relativ wenige Touristen © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Kaunas – zwischen Moderne und Geschichte

Nach dem Grenzübertritt nach Litauen verändert sich die Landschaft fast lautlos. Sanfte Hügel, klare Seen, Holzhäuser mit farbigen Fensterläden – das Baltikum öffnet sich unaufgeregt, aber spürbar. Unser erstes richtiges Ziel ist Kaunas, Litauens zweitgrößte Stadt. Wir spazieren durch die Altstadt. Kopfsteinpflaster, Jugendstilfassaden, Streetart – Kaunas wirkt jung, kreativ und zugleich geerdet. Auf der Laisvės-Allee reihen sich Buchhandlungen, kleine Boutiquen und Restaurants aneinander. In einem davon probieren wir Cepelinai: schwere, gefüllte Kartoffelklöße, deftig und überraschend gut. Kaunas war einst Hauptstadt zwischen den Kriegen, heute ist es eine Stadt mit Selbstbewusstsein, ohne laut zu sein.

Campervan auf einfachem Stellplatz in Mikołajki in den Masuren im Herbst
Nicht jeder Stellplatz ist spektakulär: Dieser einfache, aber legale Übernachtungsplatz in Mikołajki (Polen) steht exemplarisch für das Reisen im Herbst, wenn viele Campingplätze bereits geschlossen sind. Man nimmt, was man bekommt – dafür bietet unser fahrbares Zuhause maximale Freiheit: ein kompakter Ford Transit Allrad von Sunlight, der uns zuverlässig begleitet © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Herbst an der Ostsee – Karklė und Klaipėda

Nach dem Stadtstopp zieht es uns weiter Richtung Küste. Nördlich von Klaipėda schlagen wir unser Lager in Karklė auf, auf dem kleinen Campingplatz Karklės Kopos, einem der wenigen Plätze, die hier um diese Jahreszeit noch geöffnet sind. Der Betreiber ist herzlich, der Preis fair, die Atmosphäre ruhig.

Campervan neben rotem Holzhaus auf Campingplatz.
Abendstimmung: Unser Campervan auf dem kleinen Campingplatz Karklės Kopos © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Beim Spaziergang am nahen Strand zeigt sich die Ostsee von ihrer rauen Seite. Wind peitscht die Wellen ans Ufer, der Himmel hängt tief, kaum jemand ist unterwegs. Es ist Herbst – wenig los, das Wetter nicht einladend, aber genau darin liegt der Reiz. Die Küste wirkt ehrlicher, ursprünglicher. Nach einer stillen Nacht geht es am nächsten Morgen nur einen Katzensprung weiter nach Klaipėda, dem Tor zur Kurischen Nehrung.

Herbststrand an der Ostsee bei Karklė in Litauen mit Wellen und Regenbogen
Rauer Charme im Spätsommer: Am Strand von Karklė zeigt sich die Ostsee mit Wind, Wellen und einem Hauch Regenbogen © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Die Kurische Nehrung – zwischen Wind, Wasser und Sand

Eine kurze Fährfahrt – keine fünf Minuten, rund 25 Euro hin und zurück – und plötzlich liegen Ostsee und Haff auf beiden Seiten. Das Licht wird weicher, der Wind salziger, die Zeit träger. Kurz nach der Ankunft passieren wir den Nationalparkposten, an dem nochmals rund 30 Euro für das Wohnmobil fällig werden. Dann zieht sich die schmale Landzunge nach Süden, und Naturwunder reihen sich an Kulturgeschichte.

Holzfiguren im Skulpturenpark Hexenberg in Juodkrantė auf der Kurischen Nehrung
Auf dem Hexenberg von Juodkrantė erzählen über 80 Holzfiguren Märchen und Mythen aus Litauen – ein faszinierender Ort voller Symbolik © Roadtrip/Wolfgang Greiner

In Juodkrantė führt ein Holzpfad hinauf zum Hexenberg, einem Skulpturenpark mit über 80 geschnitzten Figuren aus litauischen Märchen und Mythen. Holzhexen, Kobolde, Waldgeister – ein märchenhafter Spaziergang durch die Fantasie des Landes. Weiter südlich, in Nida, trifft der Weg das Meer. Zwischen bunten Fischerhäusern und Segelbooten erhebt sich die Parnidis-Düne, eine der höchsten Wanderdünen Europas, direkt an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad.

Aussicht von der Parnidis-Düne über Nida und das Kurische Haff in Litauen
Blick von der Parnidis-Düne über Nida: Sand, Meer und Himmel verschmelzen auf der Kurischen Nehrung zu einem endlosen Panorama © Roadtrip

Von oben reicht der Blick weit über das Kurische Haff. Der Wind trägt Sandkörner wie feine Nadeln; in der Ferne glitzert das Wasser metallisch. Es riecht nach Pinien, Salz und Räucherfisch. Wir wandern am Strand, der Hund versinkt im weichen Sand, und im Abendlicht klingt das Meer wie ein tiefes Atmen. Auf dem Rückweg sitzt ein Rotfuchs am Waldrand und sonnt sich ein letztes Mal. Er weiß, dass die Nacht kühl wird. Am Campingplatz stellen wir die Standheizung an.

Nahaufnahme der Thomas-Mann-Statue auf der Parnidis-Düne in Nida
Im Profil des Dichters: Detailansicht der Thomas-Mann-Statue auf der Kurischen Nehrung mit weitem Blick über Dünen und Meer, im Hintergrund der russische Teil der Nehrung (Kaliningrad) © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Von der Küste nach Norden – Richtung Riga

Am nächsten Tag rollen wir zurück aufs Festland, fahren zurück durch Klaipėda, wo Fähren ein- und auslaufen und der Geruch von Salz und Diesel in der Luft liegt. Hinter Palanga verschwinden die Ferienorte; die Straße führt durch Wälder und Felder, bis die Grenze nach Lettland erreicht ist. Kurz darauf taucht Liepāja auf – eine Stadt zwischen Meer und Melancholie, einst Marinehafen, heute Musikstadt mit rauem Charme. Wir spazieren kurz durch die breiten Boulevards, vorbei an alten Holzhäusern und sowjetischen Fassaden, und stehen wenig später am Strand, wo der Wind Gischt über den Sand treibt. Die Stadt trägt ihre Geschichte sichtbar, aber mit Stolz. Von hier führt die Route weiter über Land – durch die weiten Ebenen Kurlands bis nach Kuldīga, wo Europas breitester Wasserfall gemächlich über Felsen hinabrinnt. Dann verändert sich das Tempo: Die Straßen werden breiter, der Verkehr dichter, die Architektur prächtiger.

Schmale Altstadtgasse in Riga mit historischen Fassaden und Kirchturm
Altstadt von Riga: Historische Gasse mit Fahnen und Blick auf einen Kirchturm © Roadtrip

In Riga öffnet sich die Bühne des Lebens: prachtvolle Jugendstilfassaden, Markthallen in alten Zeppelin-Hangars, Straßenkunst und Kaffeehäuser. Zwischen Altstadtgassen, Oper und Uferpromenade spürt man die Mischung aus Geschichte und Aufbruch.

Lettische Nationaloper in Riga, gespiegelt im Stadtkanal
Die Lettische Nationaloper spiegelt sich im Stadtkanal von Riga © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Unser Stellplatz liegt auf der anderen Flussseite, beim Riga City Camping – gleich neben den Messehallen. Nicht schön, aber praktisch und preiswert. Von hier aus ist man in wenigen Minuten zu Fuß und mit dem Bus über die Brücke in der Altstadt, und das ist mehr wert als jeder Panoramablick. Die alternativen Plätze liegen zu weit außerhalb, und wer wie wir lieber mittendrin als nur dabei ist, nimmt dafür gern ein bisschen Asphalt in Kauf.

Campervan auf dem Riga City Camping nahe der Messehallen
Riga City Camping: Praktischer Stellplatz nahe der Altstadt © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wir schlendern durch die Gassen, essen in einem kleinen Lokal in der Albertstraße, wo sich Haus an Haus im Jugendstil schmückt, und stehen wenig später auf dem Turm der St.-Petri-Kirche, wo uns der Wind den Atem raubt und die Stadt zu unseren Füßen liegt.

Großer Schriftzug „RIGA“ mit Hundeskulptur in der Innenstadt von Riga
RIGA-Schriftzug mit Hundeskulptur als modernes Stadtsymbol © Roadtrip/Wolfgang Greiner

1 Tag in Riga – die Highlights

  • Markthallen an der Daugava: Europas größte überdachte Märkte, ein Fest für Sinne und Kamera.
  • Jugendstilviertel rund um die Alberta iela – wie ein Freilichtmuseum des frühen 20. Jahrhunderts.
  • Altstadt (Vecrīga) mit Schwarzhäupterhaus, Dom und den stillen Innenhöfen der Hansezeit.
  • Kanalpromenade & Opernhaus: abends romantisch beleuchtet, friedlich, elegant.

Über den Burtnieks-See nach Pärnu

Hinter Riga verlassen wir die Hauptstraße, folgen schmalen Straßen durch Birkenwälder, bis sich zwischen den Feldern der Burtnieks-See (Burtnieku ezers) öffnet – ein Geheimtipp für Naturliebhaber. Das Wasser spiegelt die Wolken, Fischer sitzen am Ufer, und über allem liegt eine leise Ruhe. Wir machen eine Pause, genießen den Ausblick und die Stille.

Picknickplatz mit Bank und Blick auf den Burtnieks-See in Lettland
Picknickplatz am Burtnieks-See in Lettland © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Dann geht es weiter über die Grenze nach Estland. Pärnu, die „Sommerhauptstadt“ des Landes, empfängt uns mit Licht, Leichtigkeit und einer Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert reicht. Einst ein wichtiger Hafen der Hanse, wurde die Stadt im 19. Jahrhundert zum mondänen Badeort, in dem der estnische Tourismus entstand. Heute mischen sich Jugendstilvillen, Holzarchitektur und Strandpromenade zu einem lässig-eleganten Ganzen.

Historische Holzgebäude in Pärnu bei Abendlicht
Traditionelle Holzarchitektur in einer Straße von Pärnu © Roadtrip

Wir übernachten auf dem Konse Motel & Caravan Camping – ruhig und zentrumsnah gelegen. Bevor die Sonne untergeht, zieht es uns noch in die Stadt und wir finden eines der vielleicht charmantesten Restaurants der Stadt: das Supelsaksad. Ein altes Holzhaus mit Veranda, Blumenkästen und leiser Musik – hier trifft nordische Küche auf Sommerstimmung. Der frische Fisch kommt direkt aus der Bucht, das Bier aus einer kleinen estnischen Brauerei.

Holzsteg zum Strand von Pärnu mit moderner Strandarchitektur
Holzsteg und moderne Strandgebäude am Strand von Pärnu © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Am nächsten Morgen schlendern wir erneut durch die Straßen, vorbei an liebevoll restaurierten Häusern und kleinen Boutiquen. Wir passieren das Tallinner Tor (Tallinna värav) – das letzte erhaltene Stadttor aus dem 17. Jahrhundert – und spazieren weiter zur Villa Ammende, einer Jugendstilvilla von 1905, die heute als Hotel und Café dient. Der Garten ist eine kleine Oase, das Speisezimmer klassisch herrschaftlich. Kaffee und Kuchen schmecken hier wie eine Zeitreise.

Bootsanleger von Pärnu Cruises am Tallinner Tor in der Altstadt von Pärnu
Bootsanleger von Pärnu Cruises am historischen Tallinner Tor © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Später führt uns der Weg zum Pärnu Küstenniederungs-Naturpfad (Pärnu rannaniidu matkarada), einem kurzen Holzsteg-Trail durch die Salzwiesen direkt hinter Strandkneipen und Surfschule. Vom hochgelegenen Trail kann man mit etwas Glück Seeschwalben und Reiher beobachten. Danach geht es natürlich noch einmal an den Strand (Pärnu rand), wo feiner Sand und flaches Wasser den Ort zu einem der beliebtesten Badeziele des Landes machen. Kinder spielen, Hunde toben und über allem liegt dieses typische Pärnu-Gefühl: Sonne, Salz und ein bisschen Nostalgie.

Holzsteg durch Feuchtgebiet am Pärnu Küstenniederungs-Naturpfad
Holzsteg durch das Küstenniederungsgebiet bei Pärnu © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Tallinn – Mittelalter und Moderne

Zwei Stunden später sind wir in Tallinn, wo Kopfsteinpflaster auf Glas trifft. Hinter der mittelalterlichen Stadtmauer ragen Türme in den Himmel, und in den Gassen duftet es nach Kaffee und Zimt. Die Altstadt – Vanalinn – wirkt wie aus einem Märchenbuch: enge Straßen, spitze Dächer, gotische Kirchen und eine Skyline aus Türmen, die im Abendlicht golden schimmern.

Raekoja plats in Tallinn mit historischen Giebelhäusern, Cafés und Menschen auf dem Marktplatz
Auf dem Raekoja plats, dem historischen Marktplatz von Tallinn © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Auf dem Raekoja plats, dem Marktplatz, reihen sich Cafés und kleine Lokale aneinander. Hier und da verkaufen Einheimische in traditionellen Kostümen Souvenirs. In der historischen Ratsapotheke, die seit dem 15. Jahrhundert besteht, riecht es nach Kräutern und alten Rezepturen. Wer durch die schmalen Gassen hinauf zum Kohtuotsa-Aussichtspunkt auf dem Domberg steigt, hat die Stadt zu Füßen: rote Dächer, Kirchturmspitzen, das Meer im Hintergrund.

Aussicht vom Kohtuotsa-Aussichtspunkt über die Altstadt von Tallinn bis zur Ostsee
Blick vom Kohtuotsa-Aussichtspunkt über Tallinns Altstadt und die Ostsee © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Tallinns kulinarische Szene ist lebendig, lokal und kreativ. In der Rataskaevu-Straße, unweit des Marktplatzes, liegt das kleine Restaurant Rataskaevu 16 – ein Lieblingsort der Einheimischen und ein Tipp, für den man am besten reserviert. Hier wird moderne estnische Küche mit herzlicher Selbstverständlichkeit serviert, die man selten findet. Das Personal ist aufmerksam, Hunde sind willkommen, und wer die Toilette aufsucht, blickt durch eine Glasplatte auf alte Ausgrabungen aus der Hansezeit – Geschichte zum Anfassen, mitten im Alltag.

Domberg in Tallinn mit der Alexander-Newski-Kathedrale und Zwiebeltürmen
Alexander-Newski-Kathedrale auf dem Domberg in Tallinn © Roadtrip

Ein paar Straßen weiter, im Viertel Telliskivi, schlägt das Herz des neuen Tallinns: Streetart, Designshops, Craft-Beer-Bars und Foodtrucks in alten Fabrikhallen. Hier treffen Start-up-Mentalität und Bohème aufeinander – ein Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Weißes Kreuz und alter Industrieschornstein auf einer Grünfläche in Tallinn bei Abendlicht
Ein stilles Motiv im Übergang zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Weißes Kreuz und alter Industrieschornstein im Zentrum von Tallinn © Roadtrip

Am Abend laufen wir entlang der Pirita-Promenade (Pirita tee), wo die Sonne über dem Hafen sinkt. Jogger ziehen ihre Runden, Möwen kreischen, Boote glitzern im letzten Licht. Tallinn wirkt plötzlich vertraut, fast nordisch – kühl im Ton, warm im Herzen. Unser Stellplatz liegt etwas nördlich der Innenstadt, am alten Olympiahafen von Pirita. Am Pirita Top Marina Camping steht man auf Asphalt, direkt am Hafenbecken. Es ist kein Luxusplatz, aber mit allem, was man braucht: Strom, saubere Toiletten, Frischwasser und Entsorgung. Duschen gibt es nur in der kleinen Sauna des Hafen-Cafés, dafür ist der Preis mit rund 25 Euro pro Nacht fair. Der Blick auf die Boote, die im Wind schaukeln, entschädigt für fehlenden Komfort.

Sportboote liegen ruhig im Hafenbecken der Pirita Top Marina in Tallinn, spiegelglattes Wasser am frühen Morgen
Boote im Hafenbecken der Pirita Top Marina am ehemaligen Olympiahafen von Pirita in Tallinn © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Auf dem Weg zum Stellplatz passieren wir, von der Innenstadt kommend, das Maarjamäe memoriaal, ein sowjetisches Ehrenmal, das sich wie eine Betonlandschaft über den Hang zieht – kantig, kühl und zugleich monumental. Erbaut in den 1970er-Jahren, sollte es einst an die Soldaten der Roten Armee erinnern, die im Zweiten Weltkrieg gefallen waren. Heute wirkt die Anlage, mit ihren langen, spitz zulaufenden Betonrampen und den teils bröckelnden Wänden, wie ein Mahnmal für eine vergangene Ideologie. Zwischen Gras, Moos, bröckelndem Zement und dem weiten Blick auf die Ostsee liegt eine eigenartige Ruhe über dem Ort – irgendwo zwischen Pathos und Verfall. Das Maarjamäe memoriaal ist nicht das einzige brutalistische Überbleibsel der Sowjetzeit in Tallinn. Nur wenige Kilometer weiter steht die Linnahall, damals als Konzert- und Sporthalle für die Olympischen Spiele 1980 errichtet. Ein gewaltiger Betonkomplex, der sich wie eine unvollendete Treppe ins Meer schiebt. Heute ist er überzogen mit Graffiti, das Metall rostet, das Glas ist gesprungen – und doch hat dieser Ort eine seltsame Faszination. Wie ein gestrandetes Raumschiff liegt die Linnahall am Hafen, bizarr, monumental und doch Teil der Stadtgeschichte.

Brutalistische Betonlandschaft des sowjetischen Maarjamäe memoriaal in Tallinn mit Blick über den Hang zur Ostsee
Das Maarjamäe memoriaal bei Tallinn: monumentale Betonrampen aus der Sowjetzeit zwischen Gras, Verfall und weitem Blick zur Ostsee © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Auch der Hafen, an dem wir schlafen – die Pirita Top Marina –, gehört zu den alten Olympia-Einrichtungen. Die olympische Flamme, die einst hier am Becken brannte, ist längst erloschen, aber zwischen Molen, Stegen und alten Lagergebäuden finden sich noch Spuren der Spiele. Damals fanden in Tallinn die olympischen Segelwettbewerbe statt, während das eigentliche Event in Moskau ausgetragen wurde. Heute glitzern hier nur noch die Masten der Boote im Wind, und das Rauschen des Wassers ersetzt den Applaus von einst.

Ehemaliges olympisches Regattazentrum von Pirita bei Tallinn mit markantem Betonbau und Flaggenmast
Das ehemalige olympische Regattazentrum von Pirita erinnert an die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele 1980 © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Nur wenige Kilometer von der Pirita Top Marina ragt der Tallinner Fernsehturm (Tallinna Teletorn) in den Himmel – 314 Meter hoch, erbaut ebenfalls für die Olympischen Spiele. Von oben reicht der Blick über Stadt, Meer und Wald bis nach Finnland. Im Inneren erzählt eine interaktive Ausstellung von Estlands Weg in die digitale Moderne; wer Mut hat, kann auf dem Außenturm über dem Abgrund stehen – gesichert, aber frei im Wind. Unten im „Café Teletorn“ wird estnische Küche serviert.

1 Tag in Tallinn – die Highlights

  • Altstadt (Vanalinn): UNESCO-Weltkulturerbe mit Kopfsteinpflaster, der gotischen Rathausapotheke, dem Rathausplatz (Raekoja plats), den Aussichtspunkten Patkuli und Kohtuotsa auf dem Toompea-Hügel – und unzähligen Cafés in mittelalterlichen Gewölben.
  • Telliskivi Creative City: Das kreative Herz der Stadt mit Streetart, Boutiquen, Ateliers und kleinen Lokalen. Hier spürt man den modernen Puls Estlands.
  • Kadriorg-Park & Palast: Barocke Gartenanlage, angelegt von Peter dem Großen – heute Kunstmuseum und beliebter Rückzugsort der Tallinner.
Kadriorg-Park in Tallinn mit barocker Gartenanlage und Kadriorg-Palast
Kadriorg-Park mit barocker Gartenanlage und Kadriorg-Palast © Roadtrip/Wolfgang Greiner
  • Eesti Vabaõhumuuseum (Estnisches Freilichtmuseum): Ein Dorfmuseum am Meer mit über 70 historischen Gebäuden aus allen Regionen Estlands – Bauernhöfe, Windmühlen und Küstenschulen erzählen vom Leben vergangener Jahrhunderte.
  • Linnahall & Maarjamäe memoriaal: Zwei eindrucksvolle Zeugnisse sowjetischer Architektur, die den Wandel der Stadt sichtbar machen – zwischen Verfall, Erinnerung und Neuanfang.
Mittelalterliche Stadtmauer von Tallinn mit Wehrturm und Grünanlage
Mittelalterliche Stadtmauer von Tallinn mit erhaltenem Wehrturm © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wälder, Wasser, Weite – Kolga, Lahemaa und die Ostküste

Am nächsten Tag verlassen wir Tallinn und folgen der E20, jener Europastraße, die das Land von West nach Ost durchzieht. Mit ihren zwei Spuren pro Richtung kommt sie einer Autobahn am nächsten, doch in Estland gibt es tatsächlich keine. Dennoch fährt es sich entspannt und direkt auf der Schnellstraße und nach kaum einer Stunde zweigen wir ab in den Lahemaa-Nationalpark, wo sich Wälder, Moore und Ostseebuchten abwechseln.

Holzsteg durch das Viru-Hochmoor im Lahemaa-Nationalpark mit Wasserflächen und Herbstvegetation
Auf schmalen Holzstegen führt der Rundweg durch das Viru-Hochmoor tief ins Herz des Lahemaa-Nationalparks – eine stille Herbstlandschaft aus Wasser, Moos und Kiefern © Roadtrip

Unser erstes Ziel ist das Viru-Hochmoor (Viru raba). Am kleinen Parkplatz beginnt ein 3,5 Kilometer langer Rundweg, der über schmale Holzstege tief ins Herz der Landschaft führt. Das Moor gilt als einer der schönsten Naturpfade Estlands – leicht begehbar, still und von besonderem Reiz im Herbst, wenn sich die Farben von Heidekraut und Moos im Wasser spiegeln. Etwa auf halber Strecke steht ein hölzerner Aussichtsturm, von dem aus man weit über die Torfseen, Waldinseln und Wasserflächen blickt. Der Wind trägt den Duft von Kiefern, und über uns kreisen Kraniche.

Holzpfad durch Moorlandschaft mit Kiefern und Wasserflächen im Viru-Hochmoor in Estland
Der schmale Holzpfad schlängelt sich durch die Moorlandschaft des Viru raba, vorbei an Kiefern, Wasserflächen und herbstlichem Gras © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wieder auf der Straße fahren wir weiter nach Kolga, wo sich eines der größten und ältesten Gutshäuser des Landes erhebt. Das klassizistische Kolga Manor, einst im Besitz der Familie Stenbock, ist heute halb verfallen und doch beeindruckend – eine stille Erinnerung an die Ära der baltischen Barone, deren Spuren noch immer überall in Nordestland zu finden sind. Von hier führt die Route zur Juminda-Halbinsel, deren Wälder und Felsküsten eine dunkle Geschichte bergen: Vor der Küste liegen Hunderte Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg, Überreste der sowjetischen Evakuierung von 1941, bei der Tausende Menschen ihr Leben verloren. Ein schlichtes Denkmal am Wegesrand erinnert an die Tragödie – und an die Macht des Meeres, das alles bewahrt.

Kolga Manor, klassizistisches Herrenhaus in Nordestland mit Säulenfassade und Parkanlage
Das Kolga Manor zählt zu den größten Gutshäusern Estlands – ein beeindruckendes, teils verfallenes Zeugnis der baltischen Barone in Nordestland © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Zurück im Herzen des Lahemaa-Nationalparks passieren wir das Sagadi Manor, ein altes Herrenhaus, das heute ein Forstmuseum, ein Hotel und ein kleines Restaurant beherbergt, dessen Küche den Wald auf den Teller bringt – mit Wild, Pilzen und Preiselbeeren. Wenige Kilometer weiter nördlich liegt das Fischerdorf Altja, wo Reetdächer im Wind knarren und Boote am Strand liegen. In der historischen Altja Kõrts, einer urigen Taverne, wird nach einem traumhaften Sonnenuntergang Hering mit Kartoffeln, eingelegtem Gemüse und frischem Brot serviert – einfach, ehrlich, köstlich.

Sonnenuntergang über der Ostsee, gesehen durch den Durchgang zweier hölzerner Fischerhütten in Altja
Sonnenuntergang im Fischerdorf Altja: Zwischen alten Fischerhütten öffnet sich der Blick auf die Ostsee, die im Abendlicht glüht © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Eigentlich wollten wir an der Küste übernachten – irgendwo zwischen Meer und Wald, so wie es der Lahemaa verspricht. Doch Ende September sind die meisten Campingplätze bereits geschlossen. Schließlich finden wir einen Platz auf dem Parkplatz des Palmse Manor, wo Wildcampen in der Nebensaison stillschweigend geduldet wird. Zwischen alten Bäumen und renovierungsbedürftigen Fassaden verbringen wir eine ruhige Nacht. Das Herrenhaus wird derzeit aufwendig restauriert, und im Licht der Laternen wirkt es fast wie eine Filmkulisse: halb vergangen, halb wiedergeboren. Es ist das Estland, das man in keinem Prospekt findet – echt, ruhig, unaufgeregt.

Wohnmobil auf Parkplatz am Palmse Manor
Ruhige Nacht am Palmse Manor: In der Nebensaison wird das Übernachten auf dem Parkplatz geduldet – ein stiller Ort zwischen Geschichte und Natur © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Von Sillamäe bis Vasknarva – Spuren der Geschichte

Hinter Rakvere verändert sich das Bild. Die Dörfer werden kleiner, die Straßen sind von Birken und Plattenbauten gesäumt. Dann öffnet sich das Meer – und mit ihm Sillamäe, eine Stadt, die aussieht, als sei sie aus einem sowjetischen Geschichtsbuch gefallen. In der Stalin-Zeit als geheime Industriestadt gegründet, diente sie ab 1948 der Uranaufbereitung für sowjetische Atomprogramme. Jahrzehntelang war der Ort auf keiner Karte zu finden, und der Zutritt für Ausländer war streng verboten.

Campervan geparkt vor sowjetischem Wohnblock in Sillamäe, Estland
In Sillamäe ist die sowjetische Vergangenheit noch deutlich sichtbar, doch in den letzten zehn Jahren hat sich die Stadt spürbar herausgeputzt – zwischen Plattenbauten, sanierten Fassaden und neuen öffentlichen Räumen © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Heute wirkt Sillamäe wie ein Freilichtmuseum der Architektur jener Ära – mit breiten Boulevards, Säulenfassaden und geometrischen Plätzen. Das Zentrum wird vom Stadtplatz und der Mere puiestee, der Meeresallee, geprägt. Über die berühmte Sowjet-Treppe (Sillamäe trepid) steigt man vom Stadtplatz hinunter zur Uferpromenade, wo sich eine weite Sicht auf den Finnischen Meerbusen öffnet. Einst führte hier niemand spazieren, heute flanieren Familien, Radfahrer und Spaziergänger entlang der neuen Uferpromenade, gesäumt von Bänken, Skulpturen und Straßenlaternen im Stil der 1950er-Jahre. Noch vor zehn Jahren gab es in Sillamäe kaum touristische Infrastruktur – heute entstehen Hotels, Cafés und kleine Restaurants.

Statue im Garten des Sillamäe Museums, umgeben von Blumenbeeten, als Relikt aus der sowjetischen Stadtgeschichte Estlands
Eine Statue im Garten des Sillamäe Museums erinnert an die sowjetische Vergangenheit der einstigen geheimen Atomstadt und bildet heute einen stillen Kontrast zur offenen Erinnerungskultur © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Besonders spannend ist das neue Sillamäe Museum, das die Geschichte der Stadt erzählt – von der Gründung über die Zeit als geheime Atomstadt bis zur Öffnung nach der Unabhängigkeit Estlands 1991. Anhand von Fotos, Tagebüchern und alten Geräten wird deutlich, wie eng hier Fortschritt und Kontrolle miteinander verbunden waren.

Stadtplatz von Sillamäe mit symmetrischer sowjetischer Architektur und Blick Richtung Finnischer Meerbusen
Die Strandpromenade von Sillamäe verbindet das Stadtzentrum mit der Küste und zeugt noch immer von der monumentalen Architektur der Stalin-Ära © Roadtrip

Ein Stück weiter entlang der Küste liegt Narva-Jõesuu, Estlands nördlichster Badeort – und fast ein Gegenentwurf zu Sillamäe. Schon im 19. Jahrhundert zog der Ort wohlhabende Familien aus St. Petersburg an; damals nannte man ihn den „Badeort der Zaren“. Noch heute erinnern Holzhäuser mit Türmchen und Veranden an jene glanzvolle Epoche. Nach Jahrzehnten des Verfalls erlebt Narva-Jõesuu nun eine stille Renaissance: Neue Pensionen entstehen, eine moderne Therme hat eröffnet, kleine Kunsthandwerksmärkte füllen die Straßen.

Historische Fototafel mit altem Kurhausmotiv in Narva-Jõesuu zwischen Bäumen
Historische Bildtafeln erinnern in Narva-Jõesuu an die Zeit, als der Ort als „Badeort der Zaren“ wohlhabende Gäste aus St. Petersburg anzog © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wir kommen an einem Tag, an dem der ganze Ort ein Markt zu sein scheint. Auf den Wiesen beim Hafen und entlang der Straßen reihen sich Stände aneinander, beladen mit Beeren, Pilzen, Honig, Fisch und selbstgemachter Marmelade. Dazwischen stapeln sich Textilien, Haushaltswaren und allerlei Krimskrams. Alte Frauen halten geräucherten Aal in die Luft, Kinder rennen lachend zwischen den Buden hindurch, und über allem liegen Musik und der Geruch von Grillfleisch – laut, lebendig, fröhlich.

Russisches Patrouillenboot auf dem Fluss Narva nahe der estnisch-russischen Grenze
Auf dem Grenzfluss Narva begegnen sich zwei Welten: Estland auf der einen, Russland auf der anderen Seite – überwacht von Patrouillenbooten © Roadtrip

Nur ein paar hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite der Narva, beginnt bereits Russland. Der Blick hinüber wirkt surreal: zwei Länder, ein Fluss, zwei Welten. Kurz hält ein russisches Patrouillenboot mitten im Strom, als würde es neugierig herüberschauen – dann dreht es ab und setzt seine Fahrt entlang des Ufers fort.

Kleiner Hafen mit Booten und Enten am Ufer von Narva-Jõesuu an der Ostsee
Am Wasser von Narva-Jõesuu zeigt sich der Badeort ruhig und naturverbunden – mit kleinen Booten, sanften Wellen und Blick über den Finnischen Meerbusen und das russische Flussufer © Roadtrip

Von hier führt die Straße weiter durch Wälder und Felder nach Vasknarva, einem kleinen, fast vergessenen Ort am nordöstlichsten Punkt Estlands. Kurz vor dem Peipussee (Peipsi järv) ragen die Ruinen der alten Ordensburg auf, die im 14. Jahrhundert vom Livländischen Orden errichtet wurde. Nur ein Teil der Mauern steht noch, doch vom Ufer aus sieht man, wie nah die russische Grenze ist – man könnte fast hinüberschwimmen. Die orthodoxe Kirche von Vasknarva mit ihren blauen Zwiebeltürmen schimmert im Sonnenlicht, während der Fluss ruhig vorbeizieht.

Schilfgesäumtes Ufer und ruhige Wasserfläche am Peipussee in Estland, mit sanften Wellen unter blauem Himmel
Stille am Peipussee (Peipsi järv): Wind, Wasser und Weite prägen diesen Ort am Rand Europas, kurz bevor die Route weiter nach Tartu führt © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wir bleiben einen Moment stehen, hören den Wind, das Plätschern des Wassers und verstehen, warum Estland hier „am Rand Europas“ genannt wird. Dann steigen wir wieder ins Auto. Vor uns liegt der Weg nach Tartu, hinein ins Herz des Landes.

Tartu – das Herz Estlands

Die Fahrt nach Süden folgt dem Ufer des Peipussees, vorbei an Zwiebelturm-Dörfern, Räucherfischständen und kleinen Bauernmärkten. Dann taucht Tartu auf – Estlands zweitgrößte Stadt, jung, intellektuell und voller Geschichte. Schon 1632 wurde hier die älteste Universität Nordeuropas gegründet, und bis heute prägt sie das Leben der Stadt. Auf dem Rathausplatz mit seinem rosafarbenen Rathaus und dem berühmten Brunnen mit dem küssenden Studentenpaar pulsiert das urbane Herz Tartus. Rundherum locken Straßencafés, Kneipen und Restaurants, in denen Studierende, Professoren und Reisende zusammenkommen. In den verwinkelten Gassen mischen sich klassizistische Fassaden mit modernen Galerien, Buchläden und kleinen Theatern – Tartu lebt, diskutiert, feiert.

Rathausplatz von Tartu mit Brunnen und historischem Rathaus bei Sonnenschein
Der Rathausplatz mit dem rosafarbenen Rathaus und der Brunnenskulptur „Küssende Studenten“ – eines der Hauptwahrzeichen der Stadt – bildet das lebendige Herz von Tartu © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Ein Spaziergang führt hinauf zum Toomemägi-Hügel, wo unter alten Linden die Ruinen der mittelalterlichen Domkirche stehen. Nachts, wenn die Mauern sanft beleuchtet sind, wirkt der Ort fast magisch. Von hier oben blickt man über den Fluss Emajõgi, der sich träge durch die Stadt schlängelt. Im modernen Estnischen Nationalmuseum, etwas außerhalb im Stadtteil Raadi, wird die Geschichte des Landes lebendig – vom bäuerlichen Alltag bis zur digitalen Gegenwart. Schon das Gelände selbst, ein ehemaliger Flugplatz, symbolisiert Wandel und Weite.

Beleuchtete Domruinen auf dem Toomemägi-Hügel in Tartu bei Nacht
Die Ruinen der Domkirche auf dem Toomemägi wirken nachts fast mystisch und gehören zu den eindrucksvollsten Orten Tartus © Roadtrip

Wer Tartu aus einer anderen Perspektive erleben möchte, kann an Bord des historischen Frachtkahns Jõmmu gehen und eine Bootsfahrt auf dem Emajõgi unternehmen – oder gleich weiter bis zum Peipussee fahren. Das gemächliche Gleiten über den Fluss zeigt die Stadt von ihrer ruhigsten Seite.

Restaurant München in Tartu mit deutsch inspiriertem Schaufenster
Internationale Einflüsse gehören zu Tartu: Auch deutsch geprägte Restaurants sind Teil der lebendigen Stadtkultur © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Am Abend kehren wir zurück zu unserem Stellplatz im kleinen Karlova-Hafen, direkt am Flussufer gelegen. Das Wasser glitzert im Laternenlicht, von irgendwoher klingt Musik aus einer Bar am gegenüberliegenden Ufer. Später, als wir im Camper sitzen, schleicht ein Fuchs vorbei – neugierig, fast vertraut, als gehöre er hierher wie die Studenten und der Fluss.

Wohnmobil am Karlova-Hafen in Tartu direkt am Fluss Emajõgi
Übernachten am Wasser: Der kleine Karlova-Hafen bietet einen ruhigen Stellplatz direkt am Emajõgi © Roadtrip/Wolfgang Greiner

1 Tag in Tartu – die Highlights

  • Universität von Tartu: klassizistisches Hauptgebäude, Herz der Stadt.
  • Toomemägi-Hügel mit Engelsbrücke und Ruinen der Domkirche.
  • Supilinn-Viertel („Suppenstadt“): buntes Holzhausquartier voller Kreativität.
  • AHHAA Science Center: interaktives Museum für Neugierige.
Beleuchtete Universität Tartu mit klassizistischer Säulenfassade bei Nacht
Die Universität Tartu ist das geistige Herz der Stadt und prägt ihr Selbstverständnis seit fast 400 Jahren © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Durch Estlands Südosten bis Vilnius

Von Tartu führt die Route weiter nach Süden, hinein in Estlands sanft hügelige Landschaft. Die Straßen werden leerer, die Wälder dichter, die Dörfer wieder kleiner. In Võru, einer ruhigen Kleinstadt nahe der lettischen Grenze, öffnet sich der Blick plötzlich auf den Tamula järv, einen kleinen, fast intimen See mitten im Ort.

Alte Holzhäuser in Võru nahe dem Tamula järv, traditioneller Baustil im Süden Estlands
Alte Holzhäuser prägen viele Straßenzüge in Võru und verleihen der Stadt nahe der lettischen Grenze eine ruhige, zeitlose Atmosphäre © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Entlang der gepflegten Strandpromenade spazieren Familien und Jogger, Jugendliche angeln vom Holzsteg aus und Cafés blicken auf das Wasser. Rund um den See stehen alte Holzhäuser, die vom regionalen Baustil erzählen und dem Ort eine fast zeitlose Atmosphäre verleihen. Wer tiefer eintauchen möchte, findet im Võru Museum Einblicke in Geschichte, Sprache und Alltagskultur der Region Vana-Võromaa – ein leiser, aber eindrücklicher Zugang zu einem Teil Estlands, der oft übersehen wird.

Strandpromenade am Tamula järv in Võru mit Holzstegen und Sandstrand
Die gepflegte Strandpromenade am Tamula järv ist ein beliebter Treffpunkt für Spaziergänger, Badegäste und Angler in Võru © Roadtrip

Ein Stück weiter ragt der Suur Munamägi in den Himmel – mit 318 Metern die höchste Erhebung des gesamten Baltikums. Sein Name bedeutet „Großer Eierberg“ und steht für ein Stück nationaler Identität: Seit über hundert Jahren zieht der Hügel Besucher an. Der erste Aussichtsturm wurde bereits 1812 errichtet; der heutige – die sechste Version – stammt aus dem Jahr 1939. Mit seinen 29,1 Metern ermöglicht er bei klarem Wetter einen Blick über bis zu 50 Kilometer weit weite Wälder, Hügel und Seen.

Aussichtsturm auf dem Suur Munamägi, höchste Erhebung des Baltikums in Estland
Vom Suur Munamägi öffnet sich ein weiter Blick über Wälder, Seen und Hügel im Süden Estlands © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Vom Turm aus öffnet sich das Panorama über das historische Gebiet Vana-Võromaa – eine von Seen und Hügeln durchzogene Kulturlandschaft mit verstreuten Bauernhöfen und Feldern. Zu jeder Jahreszeit zeigt sich der Suur Munamägi in anderen Farben, doch immer beeindruckend.

Rogosi mõis, historisches Herrenhaus in Südestland nahe der lettischen Grenze
Das historische, etwas heruntergekommen aber in Renovierung befindliche Herrenhaus Rogosi mõis erzählt von der Gutshofkultur Südostestlands und liegt eingebettet in die ruhige Landschaft von Vana-Võromaa © Roadtrip

Kurz darauf überqueren wir die Grenze nach Lettland. Die Fahrt führt zügig weiter gen Süden – durch stille Ortschaften, vorbei an alten Kirchen, Feldern und Alleen, die noch Spuren der Sowjetzeit tragen. Nach einem langen Fahrtag erreichen wir schließlich wieder litauisches Territorium – und eines der bewegendsten Ziele der Reise: den Hill of Crosses bei Šiauliai.

Besucher auf dem Hill of Crosses bei Šiauliai zwischen dicht stehenden Holzkreuzen
Zwischen unzähligen Kreuzen wird der Hill of Crosses zu einem stillen Ort des Gedenkens, der bis heute Pilger und Reisende aus aller Welt anzieht © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Tausende Kreuze stehen hier dicht an dicht auf einem kleinen Hügel – aus Holz, Metall, Stein, schlicht oder kunstvoll verziert. Sie erinnern an Aufstände gegen das Zarenreich im 19. Jahrhundert, an Deportationen in der Sowjetzeit und an den unerschütterlichen Glauben der Litauer an Freiheit und Identität. Die Sowjets versuchten wiederholt, den Ort zu zerstören, doch die Menschen stellten immer wieder neue Kreuze auf. Heute ist der Hügel ein Wallfahrtsort, ein stilles Denkmal und ein Ort, der lange nachwirkt.

Tausende Kreuze auf dem Hill of Crosses bei Šiauliai in Litauen unter bewölktem Himmel
Der Hill of Crosses bei Šiauliai ist einer der bewegendsten Orte Litauens – tausende Kreuze erinnern an Unterdrückung, Widerstand und den tief verwurzelten Glauben an Freiheit © Roadtrip

Von hier aus zieht sich der Weg nach Osten – teils über unbefestigte Straßen, dann wieder auf Asphalt – bis nach Vilnius, die barocke Seele des Südens. Als wir ankommen, ist es spät. Der Himmel glüht in den letzten Farben des Tages, die Straßen sind leer. Unser eigentlich geplanter Stellplatz beim charmanten Downtown Forest Hostel & Camping ist leider ausgebucht; der Besitzer, überaus freundlich, entschuldigt sich und wundert sich selbst, dass Ende September kein Platz mehr frei ist. Auch das städtische City-Camping hat die Saison bereits beendet. So bleibt uns nichts anderes übrig, als in einem ruhigen Wohnviertel respektvoll zu übernachten – dezent, unauffällig, nur für ein paar Stunden.

Moderne Gebäude in Vilnius mit politischem Banner vor historischer Kirche
Gegenwart trifft Geschichte: Politische Botschaften gehören im heutigen Vilnius ebenso zum Stadtbild wie Kirchen und moderne Architektur © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Am nächsten Morgen erkunden wir eine Stadt, die Geschichte und Gegenwart meisterhaft vereint. Vilnius, seit dem 14. Jahrhundert Hauptstadt des Großfürstentums Litauen, wurde über Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Kulturen geprägt – polnisch, jüdisch, russisch, baltisch. Heute zählt die Altstadt mit ihren barocken Kirchen, Innenhöfen und Kopfsteinpflastergassen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Klassizistische Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus in Vilnius mit Säulenfassade
Die Kathedrale von Vilnius prägt mit ihrer klassizistischen Säulenfassade das historische Zentrum der Stadt © Roadtrip

In der Republik Užupis, einem ehemaligen Handwerksviertel, haben Künstler in den 1990er-Jahren eine eigene „Republik“ ausgerufen – mit Flagge, Präsident und einer Verfassung, die in mehreren Sprachen an einer Mauer hängt. „Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein“, steht darauf. Zwischen Ateliers, Cafés und kleinen Galerien spürt man, wie viel Freiheit und Ironie in dieser Stadt stecken.

Ortsschild der Republik Užupis in Vilnius mit Symbolen und Schriftzug
Willkommen in der Republik Užupis – dem selbsternannten Künstlerstaat mitten in Vilnius © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Wir schlendern entlang der Vilnia, setzen uns ans Ufer, und der Hund döst im Gras. Über uns das Abendlicht, das die Dächer vergoldet, das Lachen von Menschen, das Klirren von Gläsern aus einer Bar. Vilnius zeigt sich verspielt und lebendig, barock und modern zugleich – ein Ort, der Geschichten atmet und neue erzählt.

Ufer der Vilnia mit Gras und Bäumen im Viertel Užupis in Vilnius
Am Ufer der Vilnia zeigt sich Vilnius ruhig und grün – mitten in der Stadt © Roadtrip/Wolfgang Greiner

1 Tag in Vilnius – die Highlights

  • Altstadt (UNESCO): über 40 Kirchen, kleine Höfe, barocke Fassaden.
Backsteinkirchen und barocke Architektur in der Altstadt von Vilnius
Kirchen, Klöster und Backsteinfassaden zeigen die religiöse und architektonische Vielfalt der Vilnius Altstadt © Roadtrip
  • Gediminas-Turm: Blick über die ganze Stadt und den Neris-Fluss.
  • Užupis: das alternative Viertel mit eigener „Verfassung“ und Kunst an jeder Ecke.
  • Bernardinų-Sodai: grüne Oase mitten in der Stadt.
Statue in einer Grünanlage vor historischer Klosteranlage in Vilnius
Literarische Spuren: Die Statue von Adomas Mickevičius im historischen Zentrum von Vilnius © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Rückweg über Wälder und Flüsse

Am nächsten Tag folgen wir der Route über den Dzūkija-Nationalpark, eine endlose Waldlandschaft mit Flüssen, Mooren und alten Dörfern. In Zervynos halten wir am Ufer der Ūla, baden die Füße im kalten Wasser und hören, wie der Wind durch die Kiefern zieht. Dann geht es weiter nach Süden – über die Grenze nach Polen, wo bei Augustów die masurischen Wälder wieder beginnen.

Hinter uns liegen rund 2.800 Kilometer, drei Länder und unzählige Geschichten. Von hier führt der Weg weiter über Warschau zurück nach Süddeutschland – der Kreis schließt sich.

Das Baltikum hat sich verändert – moderner, freier, selbstbewusster. Und doch liegt in seinen Landschaften dieselbe Ruhe, dieselbe poetische Weite wie bei meinem letzten Besuch vor zehn Jahren. Zwischen Ostsee und Seen, zwischen Stadt, Wald und Sumpf bleibt ein Gefühl, das man nicht planen kann – nur erfahren.


Dramatische Wolkenformationen über blauem Himmel im Baltikum
Wechselhaftes Herbstlicht über dem Baltikum: Wolken ziehen über einen tiefblauen Himmel © Roadtrip

Reisetipps: Mit dem Camper durchs Baltikum

Reisezeit & Klima

Ideal für Roadtrips ist der Zeitraum von Mai bis Oktober. Im Spätsommer (August–September) sind die Tage noch mild, das Licht weich und die Strände leer. In den Nationalparks kann es abends kühl werden – warme Kleidung und Mückenschutz sind Pflicht. Ab Ende September wird die Suche nach offiziellen Stellplätzen etwas mühsamer, da die meisten nach der Hauptsaison bis zum Frühjahr schließen.

Wohnmobil am Rand eines estnischen Dorfes im Herbst
Herbstliche Stellplatzrealität in Estland: Abseits offizieller Campingplätze, die zumeist bereits geschlossen sind, ist freies Stehen in der Nebensaison oft stillschweigend geduldet – vorausgesetzt, man bleibt respektvoll, unauffällig und hinterlässt keinen Spuren © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Anreise & Route

Von Deutschland aus führt der Weg über Polen bis zur litauischen Grenze.

Wer Zeit hat, kann ab Deutschland auch die Fähre Kiel–Klaipėda nutzen (ca. 20 Stunden, DFDS Seaways).

Straßenqualität im Baltikum: Überwiegend gut, viele neue Asphaltstrecken, aber auch längere Schotterabschnitte in Nationalparks und entlang der Peipussee-Route.

Maut & Verkehrsregeln

In Litauen und Lettland keine Maut für Pkw und Camper bis 3,5 t. In Estland ebenfalls mautfrei. In Polen sind einige Autobahnabschnitte mautpflichtig. Die Maut wird über das Kennzeichen eingezogen, Registrierung mit App voher nötig.

Tempolimits im Baltikum: 50 km/h innerorts, 90 km/h auf der Landstraße, 110 km/h auf der Autobahn. Tagfahrlicht ist überall Pflicht.

Diesel-Zapfsäule mit Kreditkartenzahlung an einer Tankstelle im Baltikum
Im Baltikum ist Tanken stellenweise sehr unkompliziert: In Estland und teils auch in Lettland erfolgt die Bezahlung häufig direkt per Kreditkarte an der Zapfsäule © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Camping & Übernachtung

Das Baltikum ist ein Camperparadies:

  • Viele kleine, familiengeführte Plätze, oft direkt am See oder am Meer.
  • Wildcampen ist in Estland und Lettland toleriert, sofern man Abstand zu Siedlungen und Privatgrundstücken hält, respektvoll bleibt und keinen Müll hinterlässt.
  • Offizielle RMK-Plätze (Estnisches Forstamt) sind kostenlos, oft mit Feuerstelle und Trockentoilette.
  • In Nationalparks unbedingt die lokalen Regeln beachten.
Campervan auf grüner Wiese mit kleinem Hund vor dem Fahrzeug im Baltikum
Entspannt unterwegs im Baltikum: Campervan und Hund auf einem ruhigen Übernachtungsplatz © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Empfohlene Plätze (Auswahl)

  • Karklės Kopos, unweit von Klaipėda und 5 Min. vom Strand – klein, aber fein.
  • Jūrkalne Cliffs Camping – Zelten über der Steilküste.
  • Riga City Camping, zentrumsnah, ideal für Sightseeing.
  • Konse Camping, Pärnu – charmant und hundefreundlich.
  • Vainupea Beach Camp (Lahemaa NP) – Natur pur am Meer.
  • RMK Alatskivi (Peipussee) – kostenfreier Wildcampplatz.

Unterwegs mit Hund

Das Reisen mit Hund ist in allen drei baltischen Staaten unkompliziert:

  • EU-Heimtierausweis, Mikrochip, gültige Tollwutimpfung vorgeschrieben.
  • In Restaurants meist erlaubt, in Städten Leinenpflicht.
  • Viele Strände (z. B. Pärnu, Liepāja, Nida) sind hundefreundlich.
  • In Nationalparks: Hunde bitte anleinen, da häufig Wildtiere unterwegs sind.
  • Viru-Hochmoor: Auf dem schmalen Steg durchs Moor sind Hunde zwar erlaubt, aber nicht unbedingt ratsam.

Kulinarik unterwegs

  • Litauen: Cepelinai (gefüllte Kartoffelklöße), kalte Rote-Bete-Suppe, Roggenbrot.
  • Lettland: Räucherfisch, Honig, Bier aus kleinen Brauereien.
  • Estland: Wildgerichte, Pilze, Beeren, frische Heringe – oft mit Dill und Kartoffeln.
Gebratener Hering mit Kartoffelpüree, Dill, Rote Bete und Kräuterquark in Estland
Die Küche im Baltikum ist bodenständig und ehrlich: Fisch oder Fleisch, Kartoffeln und reichlich eingelegtes Gemüse prägen viele Gerichte – hier gebratener Hering mit Dill, Kartoffeln, Roter Bete und Kräuterquark © Roadtrip/Wolfgang Greiner

Highlights & Geheimtipps

  • Kurische Nehrung: Hexenberg von Juodkrantė, Parnidis-Düne, Thomas-Mann-Haus.
  • Lahemaa-Nationalpark: Herrenhäuser von Palmse & Sagadi, Viru-Hochmoor, Fischerdorf Altja.
  • Burtnieker See: stille Idylle abseits der Hauptstrecke zwischen Riga und Pärnu in Lettland.
  • Narva-Jõesuu & Vasknarva: russischer Einfluss, Märkte, Grenzflair.
  • Tartu: junges, kulturelles Zentrum – 2024 Europäische Kulturhauptstadt.
  • Vilnius: barocke Altstadt, Užupis-Viertel, gediegene Küche.
Sonnenuntergang an der Ostsee mit Fischerboot, Felsen und ruhigem Wasser im Herbst
Stimmung, Licht und Himmel prägen Spätsommer und Herbst an der Ostsee: Wenn die Sonne tief steht, verwandeln Wolken, Wasser und Landschaft die Küste in eine ruhige, fast meditative Szenerie © Roadtrip

Beste Souvenirs

Bernstein aus der Ostsee, handgeschnitzte Holzfiguren, Leinenstoffe, Kräuterhonig und lokale Craft-Biere – oft direkt auf Märkten erhältlich.

Reisetipp zum Schluss

Tankt in Litauen oder Polen – die Preise sind dort günstiger als in Estland. Und: Immer Insektenschutz – besonders an Seen und Mooren.

Herbstliche Wiese im Baltikum bei Sonnenuntergang mit warmem Himmel und Silhouetten von Bäumen
Herbst im Baltikum: Wenn das Licht weicher wird und der Tag leise ausklingt, bleibt das Gefühl von Weite, Ruhe und einer Landschaft, die lange nachwirkt © Roadtrip

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