Kanada öffnet die Haustür – für US-Amerikaner

17. Nov. 2025 | Kanada, News

Es klingt wie eine Mischung aus herzlicher Geste, diplomatischer Botschaft und einem Hauch von skurrilem Charme: Kanada lädt US-Amerikaner zu privaten Abendessen in echten kanadischen Haushalten ein. Nicht in Restaurants, nicht in Eventlocations – sondern buchstäblich an den Küchentisch. „OpenHome“ heißt die Initiative von Destination Canada, und sie ist so ungewöhnlich wie bemerkenswert.

Während die politische Stimmung auf dem nordamerikanischen Kontinent weiterhin angespannt ist und die Beziehungen zwischen beiden Ländern immer wieder neuen Belastungsproben ausgesetzt sind, setzt Kanada ein Zeichen – mit Höflichkeit, Gastfreundschaft und einem warmen „Komm rein, setz dich, iss mit uns“. Nur: Eingeladen sind ausschließlich US-Bürger.

Collage aus vier Alltagsszenen, in denen Menschen gemeinsam essen, kochen und lachen.
Echte Begegnungen rund um den Esstisch: Gemeinsames Kochen, Essen und Lachen in vertrauter Atmosphäre © Destination Canada

Ein Abendessen als Brücke – oder Statement

Dass ein touristisches Programm derart persönlich wird, ist selten. Dass es gezielt nur für ein einziges Nachbarland gilt, macht es umso interessanter. Destination Canada beschreibt die Aktion als Gelegenheit, „Kanadas Wärme und Offenheit“ zu zeigen. Doch die Initiative wirkt zugleich als Antwort auf die politische Großwetterlage: In einer Zeit, in der Grenzen diskutiert, Handelsbarrieren neu verhandelt und gesellschaftliche Fronten sichtbarer werden, hält Kanada unbeirrt an einem Grundsatz fest — Gastfreundschaft als Soft Power.

Gloria Loree, Chief Marketing Officer von Destination Canada, formuliert es so: „Es gibt immer Platz für eine Person mehr an unserem Tisch – so sind wir Kanadier.“ Ein Satz, der in diesem Kontext doppelt klingt: privat und politisch.

Wie OpenHome funktioniert

Vom 13. November 2025 bis 28. Februar 2026 können US-Amerikaner per Online-Plattform:

  • Gastgeberprofile ansehen
  • Menüs einsehen
  • Termine buchen

Das Setting reicht vom städtischen Loft in Toronto bis zur Blockhütte in Yukon, vom hippen Kochkollektiv bis zum Mehr-Generationen-Haushalt auf Neufundland.

Für europäische oder kanadische Reisende bleibt diese Erfahrung jedoch (vorerst) tabu — was die Aktion noch eigentümlicher erscheinen lässt. Es wirkt fast wie ein diplomatisches „Wir holen euch an den Tisch, damit wir uns wieder verstehen.“

Menschen statt Sehenswürdigkeiten

OpenHome ist bewusst persönlich gehalten. Die Gastgeber sind keine professionellen Guides, sondern:

  • Köche und Foodwriter
  • Künstler und Eventmanager
  • Familien, Multigenerations-Haushalte
  • Farmer, Unternehmer und Kreative

Zum Beispiel:

• Montréal (Québec) – Louis & Marie

Bekannt aus The Amazing Race Canada, Gastgeber mit Showtalent und Humor.

• Toronto (Ontario) – Amy Rosen

Chefköchin, Food-Autorin, brillante Erzählerin – ein Abend bei ihr gleicht einer Mini-Reportage.

• Tors Cove (Newfoundland and Labrador) – Alex & Familie

Drei Generationen, Wildküche, echte Atlantik-Provinz-Tradition.

• Yukon – Carson, Dona & Driss

Kanadas Norden wie aus dem Bilderbuch: Seehaus, Kaminfeuer, Geschichten aus der Wildnis.

Es geht nicht um Spektakel, sondern um Nähe — vielleicht gerade deshalb ist es eine bemerkenswerte Form der Gastfreundschaftsdiplomatie.

Ein ungewöhnliches Signal aus Kanada

Während viele Länder TouristInnen fast ausschließlich digital oder über große Kampagnen ansprechen, wählt Kanada den privatesten Ort überhaupt: das eigene Zuhause. OpenHome wirkt wie ein kultureller Brückenschlag – vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass gute Beziehungen nicht nur von Regierungen, sondern auch von Menschen leben. Und in Zeiten, in denen die politische Debatte in den USA von Abschottung, Identitätsfragen und Polarisierung geprägt ist, macht Kanada etwas, das fast altmodisch klingt: Es lädt zum Essen ein.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Ungezwungenheit und Botschaft, die OpenHome zu einer der bemerkenswertesten Tourismusinitiativen dieses Winters macht.

Wachsende Distanz zwischen Nachbarn

Die ungewöhnliche Einladungskampagne „OpenHome“ wirkt umso bemerkenswerter, wenn man das derzeitige Reiseverhalten der Kanadier blickt – denn während Kanada US-Amerikaner regelrecht an den heimischen Esstisch bittet, meiden viele Kanadier die USA wie lange nicht mehr. Seit Monaten sinken die Besuchszahlen dramatisch: Flüge in die USA sind um fast ein Viertel eingebrochen, Autoreisen sogar um über 30 Prozent. Hintergrund ist ein politisch-kultureller Graben, der sich in den vergangenen Jahren spürbar vertieft hat. Die von Washington verhängten Strafzölle, scharfe öffentliche Kommentare über Kanada sowie die wiederholte Darstellung des Landes als „51. Staat“ haben nicht nur die diplomatische Stimmung belastet, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung. Viele Kanadier sehen Reisen in die USA inzwischen als stillen Protest – ein Mittel, um Missfallen über Handelspolitik, Grenzthemen und den Ton der derzeitigen Administration auszudrücken. Die Folgen sind deutlich: US-Ziele verlieren Milliarden an touristischen Einnahmen, während der Inlandstourismus in Kanada boomt. Selbst Snowbirds, die sonst zuverlässig in die Sonne Floridas migrieren, bleiben aus oder verkaufen ihre Häuser. Die Distanz zwischen beiden Ländern wird so nicht nur in politischen Statements sichtbar, sondern auch in den Reisebewegungen ihrer Bürger.


Mehr zur Aktion OpenHome auf OpenTable.

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