St. John’s fühlt sich nicht an wie eine Stadt, sondern wie ein Außenposten. Der Atlantik liegt offen vor der Haustür, der Wind trägt Salz in die Straßen, und die bunt gestrichenen Häuser der sogenannten Jelly Bean Row schmiegen sich an steile Hügel, als hätten sie sich gegenseitig Halt versprochen. Wer hier ankommt, merkt schnell: Diese Stadt lebt aus ihrer Lage – und aus ihrem Charakter.
Mit rund 110.000 Einwohnern ist St. John’s die größte Stadt der Provinz und zugleich eine der ältesten urbanen Siedlungen Nordamerikas. Doch Geschichte ist hier kein Museumsstück, sondern Teil des Alltags: in den Pubs, auf den Klippen, in der Musik – und im Humor der Menschen.

St. John’s © Barrett & MacKay Photo
Zwischen Funkgeschichte und Atlantikwind
Hoch über der Stadt thront Signal Hill mit dem markanten Cabot Tower. Von hier aus empfing Guglielmo Marconi 1901 das erste transatlantische Funksignal – ein Moment, der St. John’s endgültig auf die Weltkarte brachte. Heute ist der Blick von hier oben mindestens genauso eindrucksvoll: Hafen, offene See, Nebelbänke und – mit etwas Glück – Wale oder vorbeiziehende Eisberge.
Direkt am Fuß des Hügels liegt The Battery, ein Viertel, das eher nach Fischerdorf als nach Stadt aussieht. Kleine Holzhäuser klammern sich an den Fels, der Atlantik brandet direkt davor. Kaum ein Ort zeigt so eindrücklich, wie nah Leben und Natur hier beieinanderliegen.

George Street – mehr als nur Party
Ja, sie existiert wirklich: die George Street, oft als Straße mit den meisten Bars pro Quadratmeter in Nordamerika bezeichnet. Ob der Rekord stimmt, ist nebensächlich – entscheidend ist die Stimmung. Live-Musik gehört hier zum Alltag, nicht zum Event. Folk, Rock, Fiddle, Akkordeon: Alles mischt sich, alles darf laut sein.
Doch St. John’s reduziert sich längst nicht mehr auf diese eine Straße. In Vierteln wie Duckworth Street oder rund um Water Street haben sich in den letzten Jahren Cafés, kleine Galerien und kreative Restaurants angesiedelt. Die Stadt ist studentisch geprägt – auch dank der Memorial University – und entsprechend lebendig.

St. John’s © Barrett & MacKay Photo
Kulinarik: Meer, Tradition und neue Ideen
Fisch ist hier mehr als nur ein Gericht – er ist Identität. Kabeljau, Muscheln, Hummer und Jakobsmuscheln prägen die Speisekarten. Gleichzeitig interpretiert eine junge Küchenszene klassische Zutaten neu: modern, regional, oft überraschend.
Ein fixer Anlaufpunkt bleibt Quidi Vidi Brewery im gleichnamigen Dorf etwas außerhalb des Zentrums. Das legendäre Iceberg Beer wird noch immer mit Wasser aus geschmolzenen Eisbergen gebraut – eine Geschichte, die fast zu gut klingt, um wahr zu sein, aber perfekt zu Neufundland passt.

Cape Spear Lighthouse © Eric Hanson
Outdoor beginnt am Stadtrand
Was St. John’s besonders macht: Man braucht kein Auto, um draußen zu sein. Der East Coast Trail beginnt praktisch vor der Haustür. Spektakuläre Klippenwanderungen, Leuchttürme, Walbeobachtungen und weite Blicke über den Atlantik gehören hier zum Alltag.
Ein Klassiker ist der Weg bis Cape Spear, dem östlichsten Punkt Nordamerikas. Zwei Leuchttürme, endlose Weite – und das Gefühl, wirklich am Rand eines Kontinents zu stehen.

Kultur, Humor und Eigenständigkeit
Neufundland hat sich seine Eigenheiten bewahrt – sprachlich, musikalisch, kulturell. Der Dialekt klingt fast irisch, die Musik ebenso. Kitchen Parties, spontane Konzerte und eine ausgeprägte Erzählkultur gehören zum Alltag. Museen, Theater und kleine Festivals sorgen dafür, dass auch kulturell ständig Bewegung herrscht.
Warum St. John’s ein perfekter Roadtrip-Start ist
St. John’s ist kein Durchgangsort. Es ist ein Ort zum Ankommen, Durchatmen und Eintauchen. Wer Neufundland bereist, sollte hier beginnen – oder enden. Die Stadt bietet Geschichte und Gegenwart, Natur und Nachtleben, Weite und Nähe zugleich.
Und vielleicht ist das ihr größter Reiz: St. John’s fühlt sich nicht an wie eine Stadt, die gefallen will. Sondern wie eine, die einfach sie selbst ist – am Rand des Atlantiks, mit Blick nach draußen.
Weitere Informationen und Details zu St. John’s finden Sie hier.

Gut zu wissen:
Anreise
St. John’s verfügt über einen internationalen Flughafen (St. John’s International Airport, YYT), der regelmäßig über kanadische Drehkreuze wie Toronto, Montreal oder Halifax angeflogen wird. Vom Flughafen sind es rund 15 Minuten ins Stadtzentrum. Mietwagen sind sinnvoll, vor allem für Ausflüge entlang der Küste und auf den East Coast Trail.
Beste Reisezeit
Die beste Reisezeit für St. John’s liegt zwischen Juni und September. Der Sommer ist vergleichsweise mild, mit langen Tagen und einer lebendigeren Atmosphäre. Der Frühling ist kühler und oft neblig, der Herbst kurz, aber stimmungsvoll. Winter sind lang und rau – reizvoll für Kenner, aber weniger für klassische Roadtrips.
Whale & Iceberg Season
- Iceberg Season: April bis Juni In diesen Monaten treiben Eisberge aus Grönland entlang der Küste – besonders gut sichtbar bei Bootsfahrten oder von Aussichtspunkten rund um St. John’s.
- Whale Watching: Juni bis September Buckelwale, Finnwale, Minkwale und Zwergwale lassen sich regelmäßig von Land aus oder bei Bootstouren beobachten, vor allem entlang der Abschnitte der East Coast Trail und bei Cape Spear.

