Calgary in der kanadischen Provinz Alberta ist eine Stadt, die sich nicht mit Zuschauen begnügt. Sie lädt zum Mitmachen ein – mit Kostümen, Rollen, Geschichten und einer erstaunlichen Leichtigkeit, in andere Zeiten einzutauchen. Wer hier reist, bleibt selten nur Beobachter. Ob im Winter mit Pelzkragen und Cowboyboots am Rand einer Skijoring-Rennstrecke oder im Sommer zwischen Stampede-Rodeo, historischer Eisenbahn und mittelalterlichem Rittermahl: Calgary besitzt ein besonderes Talent, Besucher vollständig in andere Welten zu versetzen.

Eine Stadt, die Geschichte nicht ausstellt – sondern lebt
Calgarys Stärke liegt in der Inszenierung. Geschichte wird hier nicht hinter Glas präsentiert, sondern aktiv erlebt. Das zeigt sich besonders eindrucksvoll im Heritage Park Historical Village, Kanadas größtem Living-History-Museum. Mehr als 200 Gebäude und Attraktionen erzählen vom Westen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – nicht trocken, sondern lebendig, mit Darstellern in historischer Kleidung, funktionierenden Werkstätten und dampfenden Maschinen.

Ein besonderer Höhepunkt: das Park Lane Antique Portrait Studio. Hier schlüpfen Besucher selbst in Rollen vergangener Epochen – als elegant gekleidete Edwardian Lady oder als Flussspieler aus der Zeit der Pelzhändler. Danach geht es weiter durch das Village Square, vorbei an Gebäuden aus dem Jahr 1873, an Bord der S.S. Moyie, einer originalgetreuen Nachbildung eines historischen Schaufelraddampfers. Es ist diese Nähe zum Erleben, die Calgarys Ansatz so besonders macht.
Ritter, Jurten und königliche Gelage
Noch weiter zurück in die Zeit führt das Good Knights Medieval Encampment, etwas mehr als eine Autostunde von Calgary entfernt. Hier endet der moderne Alltag spätestens beim Anlegen der Gewandung – denn Kostüme gehören zum Aufenthalt. Übernachten kann man in Jurten mit Namen wie Fleur de Lis oder Genghis Khan, lernen historisches Handweben, Lederbearbeitung oder Schwertkampf in der Knight School.
Besonders eindrucksvoll sind die Royal Feasts und Medieval Mystery Dinners, bei denen Tafeln gedeckt, Geschichten gesponnen und Rollen gespielt werden. Es ist ein vollständiges Eintauchen in eine andere Welt – irgendwo zwischen Geschichtsunterricht, Theater und Rollenspiel. Nicht museal, sondern überraschend lebendig.
Skijoring: Adrenalin trifft Nostalgie
Dass Calgary auch im Winter ein Meister der Inszenierung ist, zeigt Skikjøring – ein aus Europa stammender Wintersport, bei dem Skifahrer von Pferden durch einen Parcours gezogen werden. 2026 findet mit „Skijordue“ erneut ein großes Skijoring-Event in der Stadt statt – einzigartig für eine kanadische Metropole. Doch fast noch wichtiger als das Rennen selbst ist das Drumherum: Besucher erscheinen in Vintage-Skianzügen, langen Pelzmänteln, Cowboyhüten und Stiefeln, als hätten sie den Kleiderschrank der Großeltern geplündert.

Skikjøring ist hier weniger eine Sportveranstaltung als ein kulturelles Gesamterlebnis – mit Fondue-Finale, Foodtrucks und Après-Ski-Atmosphäre. Vergangenheit, Gegenwart und Performance verschmelzen zu einem Event, das man so nur in Calgary erlebt.
Die Stampede – Sommerliche Zeitreise in den Wilden Westen
Internationale Bekanntheit genießt Calgary durch die Calgary Stampede, die seit 1912 jeden Sommer Hunderttausende Besucher in Cowboyhemden, Fransenjacken und Stiefeln in eine Welt aus Rodeo, Landwirtschaft und Western-Tradition entführt. Was als Mischung aus Landwirtschaftsausstellung, Rodeo und Volksfest begann, entwickelte sich über mehr als ein Jahrhundert zu einem der größten Kultur- und Großereignisse Kanadas. Die Stampede findet jährlich im Juli statt und dauert zehn Tage, traditionell eingeläutet durch eine große Parade durch Downtown Calgary. In dieser Zeit verwandelt sich die gesamte Stadt: Büros erlauben Jeans und Cowboyhüte, auf Straßen und Plätzen wird gefrühstückt, getanzt und gefeiert.

Zentraler Bestandteil ist das Rodeo, bei dem sich Athleten in Disziplinen wie Bull Riding, Barrel Racing oder Steer Wrestling messen – sportlich hochklassig, international besetzt und mit Preisgeldern in Millionenhöhe. Gleichzeitig ist das Rodeo auch der umstrittenste Teil der Stampede: Tierschutzorganisationen kritisieren einzelne Wettbewerbe seit Jahren. Die Veranstalter reagieren darauf mit strengen Regularien, veterinärmedizinischer Betreuung und kontinuierlichen Anpassungen – eine Debatte, die Teil der modernen Stampede ebenso ist wie der Versuch, Tradition und zeitgemäße Verantwortung in Einklang zu bringen.

Eine wichtige symbolische Rolle spielt die Stampede Royalty, angeführt von der Stampede Princess und ihrem Hofstaat, die Calgary im Laufe des Jahres international repräsentieren. Ergänzt wird dies durch die First Nations Princess, die die kulturelle Bedeutung der indigenen Gemeinschaften sichtbar macht – ein bewusst gesetztes Zeichen für die historische Tiefe und Vielfalt der Region. Neben Rodeo und Paraden prägen Konzerte, landwirtschaftliche Wettbewerbe, Powwows, Fahrgeschäfte und Ausstellungen das Programm.
Für europäische Gäste ist die Stampede oft ein Kulturschock – im besten Sinne. Hier wird der Mythos des Westens nicht ironisch gebrochen, sondern mit spürbarem Stolz gelebt. Nicht umsonst trägt das Festival bis heute den Beinamen „The Greatest Outdoor Show on Earth“ – als Mischung aus Spektakel, Geschichte und gelebter Identität.
Die Rocky Mountains – Naturbühne vor der Haustür
Ein weiterer Grund, warum Calgary als Erlebniszentrum überzeugt, liegt nur eine gute Autostunde westlich der Stadt: die kanadischen Rocky Mountains. Der nächstgelegene Ort in den Rockies, Canmore, ist in rund 60 Minuten von Downtown Calgary erreichbar; Banff im Banff Nationalpark liegt etwa 90 Kilometer entfernt. Diese Nähe ermöglicht, urbane Kultur und alpine Natur mühelos zu verbinden – morgens Stadtleben, nachmittags Bergpanorama.

Bereits am Stadtrand beginnen mit Kananaskis Country weitläufige Naturgebiete mit Wanderwegen, Aussichtspunkten und Wildtierbeobachtung. Weiter westlich folgen ikonische Ziele wie Lake Louise, der Moraine Lake oder der Icefields Parkway – Landschaften, die weltweit zu den bekanntesten Naturmotiven Kanadas zählen.
Die Rockies in Alberta sind jedoch kein reines Sommerziel. Im Frühling locken tosende Wasserfälle und erste alpine Wanderungen, im Sommer stehen Trekking, Klettern, Mountainbiken, Kajakfahren und mehrtägige Backcountry-Touren im Fokus. Der Herbst bringt klare Luft, goldene Lärchenwälder und ideale Bedingungen für Fotografie und Tierbeobachtung. Im Winter verwandelt sich die Region in ein Paradies für Skifahrer, Snowboarder, Schneeschuhwanderer, Langläufer und Eiskletterer – mit bekannten Skigebieten wie Banff Sunshine, Lake Louise Ski Resort oder Mount Norquay.

Ob Tagesausflug oder mehrtägige Tour: Die Nähe der Rocky Mountains macht Calgary zu einem idealen Ausgangspunkt für Naturerlebnisse zu jeder Jahreszeit. Kaum eine andere nordamerikanische Großstadt verbindet Großstadtleben, Events, Geschichte und hochalpine Wildnis so unmittelbar wie diese Metropole am Rand der Prärie – mit den Bergen stets im Blick.

Calgary ist keine Stadt für passive Städtereisen. Sie fordert dazu auf, Rollen anzunehmen, mitzumachen und einzutauchen. Ob als Edwardian Lady, mittelalterlicher Ritter, Skijoring-Fan im Vintage-Look oder Cowboy bei der Stampede – hier wird Reisen zum Erlebnis. Und genau darin liegt Calgarys besondere Qualität: Eine Stadt, die nicht nur besucht, sondern erlebt wird – zu jeder Jahreszeit.
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