British Columbia: Auf stillen Schienen durch die Weite

4. Mai 2026 | Kanada, News, Tipp

Es beginnt unscheinbar. Ein Weg, der sich langsam aus Penticton hinauszieht, vorbei an Weinbergen und dem glitzernden Okanagan Lake in British Columbia, Kanada. Kein Schild, das Großes verspricht. Und doch beginnt hier eine der eindrucksvollsten Routen Kanadas.

Der Kettle Valley Rail Trail ist kein einzelner Weg, sondern ein System aus Strecken, Fragmenten, Übergängen. Geblieben ist die Idee der alten Kettle Valley Railway: sanfte Linien durch eine Landschaft, die sich nicht zwingen lässt.

Radfahrer auf Holzsteg entlang des Kettle Valley Rail Trail bei Sonnenaufgang in bergiger Landschaft
Morgenstimmung im Myra Canyon: Radfahrer auf einem der historischen Holzstege des Kettle Valley Rail Trail © Destination BC / Kari Medig

Der perfekte Einstieg

Wer ihn erleben will, beginnt hier – zwischen Penticton und Naramata. Dieser Abschnitt gehört zu den zugänglichsten und zugleich schönsten Abschnitten der gesamten Strecke. Der Weg ist gut gepflegt, die Steigung kaum spürbar, die Aussicht konstant.

Nach wenigen Kilometern taucht man in eine andere Welt ein: Tunnel, Brücken, Felsen. Der berühmte Little Tunnel öffnet sich wie ein Fenster in die Landschaft, dahinter der Weg weiter Richtung Chute Lake und schließlich bis in den Myra Canyon.

Genau hier zeigt der Trail, was ihn besonders macht. Nicht spektakulär auf den ersten Blick – aber eindrücklich auf Dauer.  

Blick aus Felsentunnel auf Radfahrer und Berglandschaft am Kettle Valley Rail Trail
Am Ausgang des Little Tunnel bei Naramata öffnet sich der Blick über das Okanagan Valley © Destination BC / Kari Medig

Zwischen Freiheit und Realität

Man muss sich allerdings bewusst sein, dass der Kettle Valley Rail Trail kein durchgehend perfekter Radweg ist. Einige Abschnitte – etwa zwischen Penticton und Summerland – sind heute privat oder aus Sicherheitsgründen gesperrt. Andere Teile sind für motorisierte Nutzung freigegeben. Der Trail verändert sich, je weiter man fährt. Was bleibt, ist kein durchinszeniertes Erlebnis, sondern ein Stück Landschaft, das man sich selbst erschließen muss.

Die stille Logik der Strecke

Vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Die Trasse folgt noch immer den Regeln der Eisenbahn: kaum Steigung, weite Kurven, ein gleichmäßiger Rhythmus. Man fährt nicht gegen die Landschaft, sondern mit ihr. Und irgendwann wird das Radfahren nebensächlich. Es geht nicht mehr darum, Strecke zu machen. Sondern darum, Teil dieser Linie zu werden, die sich durch Wälder, über Schluchten und entlang von Seen zieht.

Dass hier einmal Züge fuhren, ist nicht ganz verschwunden. Bei Summerland erinnert die Kettle Valley Steam Railway daran – ein kurzer Abschnitt, auf dem noch Dampfloks rollen.

Historischer Dampfzug überquert eine hohe Eisenbahnbrücke in Summerland
Zeitreise auf Schienen: Die Kettle Valley Steam Railway überquert die Trout Creek Trestle Bridge © Summerland Chamber of Commerce

Ein Weg im Wandel – in einer der schönsten Gegenden Kanadas

2026 steht der Trail erneut im Fokus. Teile werden zurückgebaut, andere nicht mehr instandgehalten. Sicherheit und Kosten setzen Grenzen. Doch die zentralen Abschnitte – vor allem rund um Penticton und den Myra Canyon – bleiben zugänglich. Und vielleicht ist genau das entscheidend.

Der Kettle Valley Rail Trail wird nie wieder das sein, was er einmal war. Aber er ist längst mehr geworden. Ein Weg, der nicht perfekt ist. Ein Weg, der nicht alles verspricht. Aber einer, der etwas anderes kann: Raum geben. Und manchmal ist das genau das, was eine Reise ausmacht.

Dazu kommt: Der Trail ist nur ein Teil einer Region, die zu den vielseitigsten in ganz Kanada zählt. Das Okanagan Valley erstreckt sich zwischen Kelowna und Osoyoos als schmale, sonnenverwöhnte Achse aus Seen, Weinbergen und sanften Hügeln. Fast schon mediterran im Charakter, und doch unverkennbar kanadisch.

Panoramablick über Penticton, Okanagan Lake und umliegende Hügel im Herbst
Blick vom Munson Mountain auf Penticton und den Okanagan Lake im herbstlichen Licht © Travel Penticton / Nathan Penner

Wer hier unterwegs ist, bleibt selten nur auf dem Rad. Zwischen den Etappen liegen Weingüter, kleine Farmen und Obststände am Straßenrand, dazu lange Strände am Okanagan Lake und ruhige Buchten am Skaha Lake. Orte wie Penticton oder Naramata verbinden entspanntes Lebensgefühl mit einer überraschend lebendigen Food- und Weinszene, während Kelowna als urbanes Zentrum mit Cafés, Galerien und Zugang zur umliegenden Natur punktet.

Gerade diese Kombination macht den Reiz aus: morgens auf einer alten Eisenbahntrasse durch Wälder und über Brücken rollen, nachmittags am See sitzen, ein Glas lokalen Wein in der Hand, die Berge im Blick.

Menschen stehen in Weinberg und probieren Trauben im Okanagan Valley
Weinbau im Okanagan Valley: Besucher probieren Trauben direkt zwischen den Reben © Destination BC / Kari Medig

Das Okanagan Valley ist kein klassisches „Add-on“ zur Route. Es ist ein eigenständiges Reiseziel, das dem Kettle Valley Rail Trail erst seine ganze Tiefe gibt. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, hierherzukommen. Nicht nur wegen eines Weges. Sondern wegen allem, was sich darum entfaltet.

Alle Informationen zum Okanagan Valley in British Columbia gibt es hier.

Informationen zum Kettle Valley Trail gibt es bei einigen deutschen Reiseanbietern und hier: kettlevalleyrailtrail.com.

Zusätzliche Informationen bei BC Rail Trails, Trans Canada Trail und Visit Penticton.

Radfahrer blicken auf Okanagan Lake und hügelige Landschaft bei Naramata
Aussichtspunkt oberhalb des Okanagan Lake: Radfahrer genießen den Blick bei Naramata © Destination BC / Kari Medig

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