172 Pfund Ausrüstung, ein Schlauch zum Atmen und ein Arbeitsplatz tief im Golf von Mexiko: Eine Fahrt mit Captain George und der St. Nicholas Boat Line führt mitten hinein in die griechische Geschichte von Tarpon Springs.

Erst die Schuhe. Dann Gewichte. Schließlich verschwindet der Kopf unter einem mächtigen Helm aus Kupfer, Messing und Glas. Insgesamt 172 Pfund – rund 78 Kilogramm – bringt die traditionelle Ausrüstung auf die Waage, bevor der Schwammtaucher der St. Nicholas Boat Line über die Bordwand steigt. Ein paar Sekunden lang treibt er noch auf der Oberfläche des Anclote River, der wenige Kilometer westlich in den Golf von Mexiko mündet. Dann drückt der Taucher mit dem Kopf gegen ein Ventil am Helm, Luft entweicht aus dem Anzug – und der Taucher sinkt hinab. Was heute eine Demonstration für Besucher ist, war für Generationen griechischer Einwanderer harte und mitunter lebensgefährliche Arbeit. Und kaum jemand könnte ihre Geschichte authentischer erzählen als Captain George J. Billiris.

Als die Griechen nach Tarpon Springs kamen
Schon um 1870 wurden vor Tarpon Springs Naturschwämme gefunden. Zunächst erntete man sie vom Boot aus: Ein Mann suchte mit einem Eimer mit Glasboden nach Schwämmen, ein anderer holte sie mit einer bis zu 12 Meter langen Stange samt Haken vom Grund. In tieferem Wasser funktionierte diese Methode jedoch kaum.
Das änderte sich durch John Cocoris. Der aus Griechenland stammende Schwammhändler kannte die dort bereits eingesetzte Tiefseetauchtechnik mit Helm und Anzug. Gemeinsam mit dem Unternehmer John Cheyney trieb er deren Einführung in Tarpon Springs voran. 1905 brachte Cocoris ein entsprechend ausgerüstetes Schwammboot sowie griechische Taucher nach Florida. Rund 500 griechische Taucher kamen allein in diesem Jahr nach Tarpon Springs. Laut Captain George entstanden zwischen 1905 und 1930 am Anclote River etwa 150 der traditionellen Schwammboote.

In ihrer Blütezeit arbeiteten die Boote entlang der gesamten Westküste Floridas – von Apalachicola bis Key West und teilweise bis zu 160 km hinaus in den Golf. Die großen Boote blieben ein bis zwei Monate unterwegs. Vier bis acht Männer lebten an Bord, darunter mehrere Taucher, die sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang abwechselten. Manche stiegen bis zu rund 200 Fuß – etwa 60 Meter – tief hinab.
Tarpon Springs – etwa 40 Kilometer nordwestlich von Tampa gelegen – wurde zur „Sponge Capital of the World“. Bis Mitte der 1930er-Jahre waren mehr als 200 Boote unterwegs und ernteten Schwämme im damaligen Wert von rund drei Millionen US-Dollar pro Jahr.

Eine Familie und 100 Jahre Schwammgeschichte
Die St. Nicholas Boat Line ist selbst Teil dieser Geschichte. Captain Michael J. Billiris gründete das Familienunternehmen 1924. Mehr als 100 Jahre später wird es noch immer von der Familie Billiris geführt und gehört damit zu den ältesten kontinuierlich betriebenen Besucherattraktionen Floridas.
Captain George erzählt diese Vergangenheit nicht wie ein Museumsführer. Er ist mit ihr aufgewachsen. Schon als Zehnjähriger half er hier mit, später während der Highschool und des Colleges. Dann verließ er Tarpon Springs für 25 Jahre, bevor er 2005 zurückkehrte. Auch seine Familie stammt von Kalymnos, jener griechischen Insel, die seit Jahrhunderten für ihre Schwammtaucher bekannt ist. Crewmitglied Lambros kommt direkt von dort; Johns Vater arbeitete noch selbst in den schweren historischen Taucheranzügen.

Und die Tradition lebt nicht nur als Vorführung weiter. Neben uns liegen kommerzielle Schwammboote, auf einem davon werden gerade frisch geerntete Schwämme gereinigt. Der Taucher der St. Nicholas arbeitet seit rund 20 Jahren und geht außerhalb der Touren selbst kommerziell auf Schwammfang.
Auf dem Grund des Anclote River
Inzwischen ist unser Taucher unten angekommen. Er schwimmt nicht. Durch die schweren Gewichte kann er über den Grund laufen, leicht nach vorne geneigt und gegen die Strömung. Seinen Kopf kann er im Helm kaum drehen, also bewegt er den ganzen Oberkörper hin und her, um den Boden abzusuchen. Über eine gelbe Sicherungsleine bleibt er mit der Crew verbunden. Gesprochen wird unter Wasser nicht. Eine festgelegte Folge von Zügen an der Leine übermittelt die Signale zwischen Taucher und Boot. Dann findet er einen Schwamm. Im kommerziellen Einsatz käme der in einen großen Netzsack. Ist dieser voll, zieht die Crew ihn hoch und schickt einen leeren hinunter. So konnte ein Taucher stundenlang auf dem Grund arbeiten, ohne ständig aufzusteigen.

Das historische System war effizient – aber gefährlich. Der Taucher bekam seine Luft über einen Schlauch vom Boot. Früher musste ein Crewmitglied dafür sogar eine Pumpe von Hand bedienen. Fiel die Luftversorgung aus, wurde es vor allem in großer Tiefe schwierig, den schwer ausgerüsteten Mann rechtzeitig an die Oberfläche zu bringen. Heute arbeiten kommerzielle Schwammtaucher mit moderner Ausrüstung meist in deutlich geringeren Tiefen – laut Captain George zwischen 2,5 und 18 Metern, überwiegend jedoch in 6 bis 9 Metern Tiefe.

Ein Schwamm ist ein Tier
Als unser Taucher wieder auftaucht, bringt er einen Wollschwamm an Bord. Mit dem hellen Naturschwamm aus den Geschäften im Hafen hat das glitschige, schwarz überzogene Gebilde zunächst wenig gemeinsam. Denn ein Schwamm ist kein Gewächs, sondern ein Tier. Was später als Bade- oder Reinigungsschwamm verkauft wird, ist sein faseriges Skelett.

Auch die Ernte hat sich verändert. Früher wurden Schwämme vom Untergrund gerissen. Heute schneiden die Taucher sie so ab, dass ein Teil der Basis zurückbleibt und wieder wachsen kann. Nach Angaben von Captain George kann die zurückgelassene Basis innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder zu einem Schwamm ähnlicher Größe heranwachsen. Für die kommerzielle Ernte müssen Schwämme einen Durchmesser von mindestens fünf Zoll (rund 12,7 cm) haben.
An Bord beginnt anschließend ein wenig appetitlicher Prozess. Die Schwämme werden mehrere Tage lang feucht gehalten, bis sich das organische Gewebe vom Skelett löst. Früher wurden sie dann geschlagen und getreten, heute hilft auch ein Hochdruckreiniger. Nach dem Trocknen werden sie nach Art, Größe und Qualität sortiert und am Hafen über ein verdecktes Bieterverfahren an Händler verkauft.

Mehr als eine Vorführung
Als wir wieder an den Sponge Docks anlegen, sortiert ein Mann auf dem Nachbarboot tatsächlich Schwämme in große Netze. „Die kommen nicht jeden Tag rein“, sagt Captain George. Wer Fotos machen will, hat heute Glück. Dieser Moment macht den Unterschied. Denn die St. Nicholas Boat Line inszeniert keine längst verschwundene Industrie. Natürlich ist der Mann im historischen Kupferhelm heute Teil einer Besucherfahrt. Aber rundherum liegen noch immer kommerzielle Schwammboote, Menschen reinigen ihre Ernte und Familien wie die Billiris erzählen eine Geschichte, die zugleich ihre eigene ist.

Und plötzlich sehen auch die griechischen Restaurants, Bäckereien und Geschäfte am Dodecanese Boulevard anders aus. Sie sind nicht einfach nur eine mediterrane Kulisse in Florida. Sie sind das Erbe jener Menschen, die vor mehr als einem Jahrhundert hierher kamen, weil auf dem Grund des Golfs von Mexiko Schwämme wuchsen.
Ich gehe ins Restaurant Mykonos gegenüber des Anlegers und lasse den Ausflug bei Moussaka und einem griechischen Bier noch einmal Revue passieren. Gerade habe ich den ersten kühlen Schluck genommen, da fliegt die Tür auf und Captain George steht vor mir. „I thought I’d find you here“, grinst er. Er drückt mir noch einmal die Hand und gibt mir seine Visitenkarte. „Enjoy your lunch and come back!“ Dann ist er schon wieder verschwunden. In Erinnerung aber wird er bleiben.

RoadTrip-Info
Die St. Nicholas Boat Line startet direkt an den historischen Sponge Docks, 693 Dodecanese Boulevard in Tarpon Springs. Das 1924 von Captain Michael J. Billiris gegründete Unternehmen wird weiterhin von der Familie geführt. Zwei historische Schiffe der Boat Line, St. Nicholas III und St. Nicholas VII, wurden 1990 in das National Register of Historic Places aufgenommen.
Aktuell werden Fahrten von etwa 45 bis 60 Minuten sowie längere Touren von 60 bis 90 Minuten angeboten. Die Demonstration mit einem Schwammtaucher in historischer Ausrüstung findet nur auf ausgewählten Fahrten statt. Wer sie erleben möchte, sollte die Verfügbarkeit des Tauchers vorher erfragen.
Website: St. Nicholas Boat Line

