Beim zweiten Date zeigte Slobodan Djordic Alejandra Pedroza seine Bienen. Heute betreiben die beiden gemeinsam Seminole Bee Farms – und machen Besucher für ein paar Stunden selbst zu Imkern.
„Ist das dein erstes Mal mit Bienen?“ Ja. Zumindest mein erstes Mal freiwillig mitten unter ihnen. Wenig später stecke ich bei floridianischer Sommerhitze in einem Imkeranzug. Alejandra Pedroza kontrolliert noch einmal, ob wirklich alles geschlossen ist. Handschuhe soll ich unbedingt tragen. Schließlich möchte sie nicht, dass man ihr nach meinem Besuch nie wieder Journalisten schickt. Alejandras Partner Slobodan Djordic, kurz Slobo, bereitet derweil den Smoker vor. Der kühle weiße Rauch sorgt dafür, dass die Bienen ihre Aufmerksamkeit von uns abwenden. Zumindest lautet so die Theorie. Während die ersten Exemplare um meinen Kopf kreisen, beschließe ich, den beiden zu vertrauen.

Die Bienen kamen zurück
Dass Slobo einmal Imker werden würde, war keineswegs selbstverständlich. Und doch beginnt die Geschichte von Seminole Bee Farms lange vor seiner Geburt. Um 1970 entdeckten sein Vater Moe und dessen Bruder Dobro im damaligen Jugoslawien ihre Leidenschaft für Bienen. 1994 musste die Familie infolge des Krieges ihre Heimat verlassen und begann in Florida von vorne. Die Bienen blieben Teil des Familienlebens: Hinter dem Haus stand praktisch immer ein Bienenstock.
Bis Slobodans Vater aus gesundheitlichen Gründen die Imkerei aufgab. Erst 2020 kamen die Bienen zurück – und zwar von selbst. Ein Schwarm hatte sich in der Garagenwand eingenistet. Vater und Sohn holten die alte Imkerausrüstung hervor, fingen ihn ein und setzten ihn in eine Beute um. Obwohl Slobo mit Bienen aufgewachsen war, hatte er zuvor nie wirklich selbst mit ihnen gearbeitet. Nun war die Begeisterung geweckt. Zwei weitere Völker kamen hinzu und nach der ersten Honigernte bekam das Ganze einen Namen: Seminole Bee Farms.
Aus drei Völkern wurden mehr. Und dann kam Alejandra.

Das zweite Date
Als Slobo ihr beim zweiten Date seine Bienen zeigte, sprang der Funke schnell über. Die aus Kolumbien stammende Alejandra empfand selbst das Summen Tausender Bienen nicht als bedrohlich, sondern als beruhigend. Sie begann, die Tiere zu fotografieren und zu filmen und die Aufnahmen über Social Media zu teilen. Bald wurden aus Slobos Bienen ihre gemeinsamen – und aus seiner Leidenschaft ein gemeinsames Projekt.
Den Honig verkauften die beiden zunächst über einen improvisierten Selbstbedienungsstand vor dem Haus: ein altes Bücherregal, gekauft über Facebook Marketplace. Honig mitnehmen, Geld dalassen. „Everyone pay“, erinnert sich Alejandra. Niemand habe etwas gestohlen. Der Stand existiert bis heute.
Als sich später die Möglichkeit ergab, den Laden eines anderen Imkers zu übernehmen, wurde aus dem gemeinsamen Projekt endgültig ein Beruf. Beide gaben ihre bisherigen Karrieren auf und widmeten sich Seminole Bee Farms ganz. Heute betreuen sie mehr als 150 Bienenvölker und absolvieren das Master Beekeeper Program der University of Florida.
Doch Honig ist nur ein Teil ihrer Arbeit. Viele ihrer Völker sind gerettete Bienen.

Rettung statt Kammerjäger
Wenn sich ein Schwarm in einer Hauswand, unter einem Dach oder an einem anderen unerwünschten Ort einquartiert, rückt Slobo zur Umsiedlung aus. Die Waben werden dabei möglichst erhalten, herausgeschnitten und in Rahmen befestigt. Einige dieser „Rescue Frames“ zeigt er mir später im Bienenstock. Anders als die vorbereiteten Rahmen besitzen sie keine künstliche Grundlage – das Wabenwerk stammt vollständig von den geretteten Bienen.
Auch der Zeitpunkt der Umsiedlung ist wichtig: Tagsüber sind zahlreiche Arbeiterinnen unterwegs. Würde man den Stock dann abtransportieren, kämen sie zurück und fänden ihr Volk nicht mehr. Deshalb wartet Slobo bis zum Abend, wenn die Sammlerinnen heimgekehrt sind.
Das ist die andere Seite von Seminole Bee Farms: nicht Bienen loswerden, sondern ihnen einen neuen Platz geben.

Plötzlich halte ich eine Biene in der Hand
Inzwischen stehe ich selbst mitten im Bienenstock. Slobo zieht vorsichtig einen Rahmen heraus. Tausende Bienen krabbeln darauf herum. Was zunächst wie ein einziges Gewimmel aussieht, bekommt langsam Struktur.
Da ist verdeckelter Honig. Dort Brut. Im Gegenlicht erkenne ich winzige weiße Larven. Eine junge Biene arbeitet sich gerade aus ihrer Zelle. Und schließlich finden wir die Königin: deutlich größer als die Arbeiterinnen und ständig auf der Suche nach einer freien Zelle. Bis zu 2.000 Eier kann sie täglich legen, erklärt Slobo. Vom Ei bis zur schlüpfenden Arbeiterin vergehen rund 21 Tage.

Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Ich habe keine Angst mehr.
Alejandra setzt mir einen Drohn auf die Hand. Ein Männchen, erklären die beiden, und deshalb ohne Stachel. Vor einer Stunde hätte ich vermutlich noch versucht, ihn möglichst schnell loszuwerden. Jetzt sehe ich ihm beim Herumkrabbeln zu.
„I can’t believe I have a bee on my hand and I’m not even worried“, höre ich mich sagen.
Vielleicht ist genau das der Sinn dieses Besuchs.

Wer Bienen kennt, fürchtet sie weniger
Für Alejandra ist Aufklärung eine Form, ihre Liebe zu den Bienen weiterzugeben. Viele Menschen hätten ein völlig falsches Bild von ihnen. „So many people have a very wrong idea about bees“, sagt sie. Wer erlebt, wie ruhig ein gesundes Volk sein kann und wie komplex das Leben im Stock organisiert ist, versteht besser, warum die Tiere Schutz verdienen.
Deshalb gehören Bildungsangebote heute genauso zu Seminole Bee Farms wie Honig und Bienenrettung. Bei „Beekeeper for a Day“ geht es mitten hinein: Schutzanzug an, Smoker bereit und Bienenstock öffnen. Wer möchte, kann schließlich sogar selbst einen Stock inspizieren.

Dabei lerne ich noch etwas anderes: Imkern und Hektik passen nicht zusammen. Wer nervös ist oder schnelle Bewegungen macht, bekommt das von den Bienen ziemlich unmittelbar zurückgespiegelt. Alejandra und Slobo arbeiten langsam, konzentriert und erstaunlich entspannt zwischen Tausenden von Tieren.
Nach mehr als einer Stunde verstehe ich, warum Alejandra das Summen beim ersten Kontakt so faszinierte. Als wir die Stöcke wieder schließen, bin ich unter dem Schutzanzug klatschnass, meine Kamera ist voller Bienenfotos – und ich habe keinen einzigen Stich abbekommen.
Und das Summen? Klingt plötzlich erstaunlich friedlich.

RoadTrip-Info
Seminole Bee Farms liegt in Seminole im Großraum St. Pete/Clearwater. Slobodan Djordic und Alejandra Pedroza verbinden dort Imkerei und Honigverkauf mit der Rettung und Umsiedlung von Bienenvölkern sowie Bildungsangeboten rund um Bienen. Mittlerweile betreuen sie mehr als 150 Völker.
Für Besucher besonders spannend ist „Beekeeper for a Day“: Mit Schutzkleidung geht es unter Anleitung an die Bienenstöcke. Teilnehmer lernen das Innenleben eines Volkes kennen und können selbst Erfahrungen mit den Bienen sammeln. Daneben bietet Seminole Bee Farms weitere Kurse im Honey Store an. Termine und Reservierungsmöglichkeiten sollten vor dem Besuch aktuell geprüft werden.
Website: Seminole Bee Farms

