Blues im Mississippi-Delta, Jazz nach Mitternacht in Kansas City oder Countrymusik in den Honky-Tonks von Nashville: Im Süden der USA lässt sich amerikanische Musikgeschichte nicht nur in Museen und großen Konzerthallen erleben. Oft sind es kleine, unscheinbare Clubs, alte Tanzsäle und Kneipen, in denen die musikalischen Traditionen der Region besonders lebendig geblieben sind. Einige dieser Orte sind seit Generationen Treffpunkte für Musiker und Musikliebhaber – und lohnen sich als Zwischenstopp auf einem Roadtrip.

Wer auf einer Reise durch die amerikanischen Südstaaten nach authentischen Musikerlebnissen sucht, muss nicht unbedingt Konzertkarten kaufen. In manchen Clubs steht die Band nur wenige Schritte vom Publikum entfernt, anderswo beginnen die Jam-Sessions erst nach Mitternacht. Häufig kostet der Eintritt nichts, dafür wandert ein Trinkgeld in den Hut der Musiker.
Die Tourismusorganisation Travel South USA hat einige besonders interessante Musikadressen zwischen Mississippi, Kentucky, Missouri und der Atlantikküste zusammengestellt. Darunter finden sich legendäre Veranstaltungsorte ebenso wie kleine Clubs, die außerhalb ihrer Region kaum bekannt sind. Gemeinsam erzählen sie ein Stück amerikanischer Musikgeschichte – von den Ursprüngen des Blues über Jazz und Bluegrass bis zu Country und Rock ’n’ Roll.
Mississippi: Blues zwischen Neonlicht und Wellblech
Wer sich für die Geschichte des Blues interessiert, kommt am Mississippi-Delta kaum vorbei. Die Region gilt als eine der wichtigsten Geburtsstätten dieser Musikrichtung, und bis heute finden sich hier sogenannte Juke Joints: einfache Lokale, in denen vor allem afroamerikanische Musiker und ihr Publikum seit Generationen zusammenkommen.

Einer der bekanntesten ist das Blue Front Café in Bentonia, das 1948 eröffnet wurde und als der älteste noch aktive Juke Joint Mississippis gilt. Von außen wirkt das eingeschossige Gebäude aus Hohlblocksteinen wenig spektakulär. Doch der Club ist eng mit der Geschichte des Delta-Blues verbunden. Betrieben wird er von Jimmy „Duck“ Holmes, einem der bekanntesten Vertreter des traditionellen Bentonia-Blues. Eine Gedenktafel des Mississippi Blues Trail erinnert an die Bedeutung dieses Ortes.
Rund 150 Kilometer weiter nördlich liegt Clarksdale, eine Stadt, die für Bluesfans beinahe schon Pilgerstatus genießt. Hier gehört Red’s Lounge zu den Adressen, die ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben. Hinter dem roten Neonlicht erwartet die Besucher kein durchgestylter Musikclub, sondern ein unkompliziertes Lokal, in dem der Blues im Mittelpunkt steht.
Gerade diese kleinen Veranstaltungsorte machen einen Roadtrip durch das Mississippi-Delta interessant. Die Musik gehört hier nicht allein zur touristischen Inszenierung, sondern ist Teil einer regionalen Kultur, die über viele Jahrzehnte hinweg gewachsen ist.
Memphis: Soul Burger und ein angeblicher Hausgeist
In Memphis, Tennessee, führt die musikalische Spur zu einem Lokal mit einer ungewöhnlichen Vergangenheit. Earnestine & Hazel’s ist für seinen Soul Burger bekannt, der mit Senf und Zwiebeln serviert wird. Dazu laufen Soul und Funk aus der Jukebox.
Das Gebäude diente einst als Bordell und hat sich über die Jahrzehnte seinen eigenwilligen Charakter bewahrt. Angeblich soll es dort sogar spuken. Ob man an solche Geschichten glaubt oder nicht: Die Mischung aus Musik, Vergangenheit und unkomplizierter Kneipenatmosphäre macht Earnestine & Hazel’s zu einer der ungewöhnlicheren Adressen der Stadt.
Memphis ist ohnehin ein lohnender Stopp für Musikfans. Neben den großen Namen und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt lohnt es sich, auch jene Orte zu besuchen, an denen die musikalische Vergangenheit noch immer zum Alltag gehört.
Kentucky: Blues am Montag und Bluegrass am Freitag
Kentucky wird vor allem mit Bourbon, Pferderennen und Bluegrass in Verbindung gebracht. Doch auch der Blues hat hier seinen Platz.
In Lexington lädt der Gitarrist Tee Dee Young montags zu Jam-Sessions in Tee Dee’s Lounge. Young stand bereits mit Größen wie Aretha Franklin und James Brown auf der Bühne. Seine regelmäßigen Auftritte bieten eine Gelegenheit, erfahrene Musiker in einem vergleichsweise kleinen Rahmen zu erleben.

Eine andere musikalische Tradition wird im Rosine Barn Jamboree gepflegt. Der kleine Ort Rosine ist die Heimat von Bill Monroe, der als einer der Begründer des Bluegrass gilt. Zwischen April und Dezember finden hier freitags regelmäßige Sessions statt, bei denen akustische Instrumente und traditionelle Bluegrass-Musik im Mittelpunkt stehen.
Wer Kentucky auf einem Roadtrip durchquert, kann damit zwei sehr unterschiedliche Seiten der amerikanischen Musikgeschichte kennenlernen – vom elektrischen Blues bis zur akustischen Stringband-Tradition.
Missouri: Wenn die Jazznacht erst nach Mitternacht beginnt
Kansas City war in den 1920er- und 1930er-Jahren eines der wichtigsten Zentren des amerikanischen Jazz. Musiker wie Count Basie und Charlie Parker prägten die Entwicklung des Genres maßgeblich mit.

Ein besonderer Ort, um dieses Erbe zu erleben, ist die Mutual Musicians Foundation. Die Einrichtung ist seit Jahrzehnten ein Treffpunkt für Jazzmusiker. Eine Besonderheit sind ihre nächtlichen Jam-Sessions: Freitags und samstags beginnt das musikalische Programm traditionell erst nach Mitternacht. Die Foundation ist damit weit mehr als eine Erinnerungsstätte. Hier wird eine musikalische Tradition fortgeführt, bei der Improvisation, spontane Begegnungen und das gemeinsame Spielen im Mittelpunkt stehen.
Auch kulinarisch hat Missouri eine Besonderheit zu bieten. In St. Louis gehören Toasted Ravioli zu den regionalen Spezialitäten. Der Überlieferung nach entstanden die panierten und frittierten Teigtaschen in den 1940er-Jahren durch ein Küchenmissgeschick, als Ravioli versehentlich in heißem Frittieröl landeten.
Louisiana: Elvis, Louis Armstrong und ein Jazzsaal von 1895
Louisiana gehört zu den musikalisch vielseitigsten Bundesstaaten der USA. Zwar zieht New Orleans mit seinen Jazzclubs die größte Aufmerksamkeit auf sich, doch auch abseits der Metropole gibt es bedeutende Schauplätze der Musikgeschichte.
In Shreveport steht das Municipal Auditorium, in dem Elvis Presley 1954 bei der Radioshow Louisiana Hayride auftrat. Die Sendung war damals eine wichtige Plattform für junge Country- und Rockabilly-Musiker und spielte eine bedeutende Rolle beim Aufstieg des späteren Rock-’n’-Roll-Stars.

Ein ganz anderes Kapitel erzählt die Dew Drop Jazz and Social Hall in Mandeville, nördlich des Lake Pontchartrain. Der 1895 errichtete Veranstaltungsort zählt zu den ältesten ländlichen Jazzsälen der Vereinigten Staaten. Auch Louis Armstrong trat hier auf. Die vergleichsweise kleine Halle erinnert an eine Zeit, als Jazz nicht nur in den großen Clubs von New Orleans gespielt wurde, sondern auch in den Gemeinden des Umlands fest zum gesellschaftlichen Leben gehörte.
Wer anschließend nach New Orleans weiterreist, findet vor allem rund um die Frenchmen Street eine große Auswahl an Musikclubs. Auch die Preservation Hall und die Straßenmusiker des French Quarter gehören zu den bekannten Anlaufpunkten. Jazz, Brass, Rhythm and Blues, Soul und Zydeco prägen die vielfältige Musikszene der Stadt.
Alabama: Der Sound von Muscle Shoals
Manche der berühmtesten Aufnahmen amerikanischer Pop- und Soulgeschichte entstanden nicht in New York, Los Angeles oder Nashville, sondern in einer vergleichsweise kleinen Region im Norden Alabamas.
In den Studios von Muscle Shoals und Sheffield nahmen unter anderem Aretha Franklin, Wilson Pickett und die Rolling Stones auf. Der sogenannte Muscle Shoals Sound wurde international bekannt und beeinflusste die Entwicklung von Soul, Rock und Rhythm and Blues.

Die musikalische Vergangenheit der Region wird auch heute noch gefeiert. Beim Festival SkyDog: The Shoals Experience in Florence treten bekannte Künstler gemeinsam mit Musikern auf, die an legendären Studioaufnahmen beteiligt waren. Das Festival findet traditionell an einem Wochenende im August statt.
Für Musikinteressierte ist die Region The Shoals deshalb ein lohnendes Ziel abseits der üblichen Reiserouten durch Alabama.
Nashville: Countrymusik ohne Eintrittskarte
Nashville ist längst eine der bekanntesten Musikstädte der USA. Dennoch muss ein Abend mit Livemusik hier nicht teuer sein.
Entlang des sogenannten Honky Tonk Highway im Zentrum der Stadt reiht sich ein Musiklokal an das nächste. In vielen Honky-Tonks spielen Bands ohne Eintrittsgeld und finanzieren sich zumindest teilweise über Trinkgelder. Countrymusik gibt es hier praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Einen Kontrast zu den lebhaften Bars bietet das Ryman Auditorium. Das 1892 als Kirche errichtete Gebäude gilt als „Mother Church of Country Music“ und zählt zu den bedeutendsten Veranstaltungsorten der amerikanischen Country-Geschichte. Bis heute sitzt das Publikum auf den ursprünglichen Eichenbänken des ehemaligen Gotteshauses. Wer hier ein Konzert besucht, erlebt damit nicht nur Musik, sondern auch ein Stück der Geschichte Nashvilles.
Für Reisende, die mehrere große Musikstädte miteinander verbinden möchten, bietet sich außerdem die Route Rhythms of the South an. Sie verbindet Atlanta, Nashville und New Orleans und lässt sich als Grundlage für einen Roadtrip durch drei unterschiedliche Musiklandschaften nutzen.
South Carolina: Shag Dancing an der Atlantikküste
Nicht jede musikalische Tradition des amerikanischen Südens dreht sich um Konzerte. An der Atlantikküste von South Carolina steht seit Jahrzehnten auch das Tanzen im Mittelpunkt.
Der Carolina Shag entwickelte sich in der Beach-Club-Kultur des Grand Strand rund um Myrtle Beach. Seit 1984 ist er der offizielle Tanz des Bundesstaates South Carolina. Einer seiner bekanntesten Treffpunkte ist Fat Harold’s Beach Club in North Myrtle Beach, der sich selbst als „Home of the Shag“ bezeichnet. Hier gehört das Tanzen ebenso zum Abend wie die Musik.

Wer nach einer regionaltypischen Mahlzeit sucht, findet an der Küste außerdem zahlreiche Restaurants mit Calabash Seafood. Die Spezialität geht auf den kleinen Fischerort Calabash in North Carolina zurück und besteht aus leicht panierten und frittierten Meeresfrüchten.
Eine andere Tanztradition wird im Skyline Club in Columbia gepflegt. Hier stehen Line Dance und Two-Step auf dem Programm. Dazu passen Carolina-BBQ-Slider, kleine Sandwiches mit regionaltypischem Barbecue.
North Carolina: Vom Bluesclub in die Blue Ridge Mountains
North Carolina bietet auf einer Reise von der Atlantikküste bis zu den Appalachen besonders vielfältige Musikerlebnisse.
In Wilmington gehört der Rusty Nail Saloon zu den Adressen für Bluesfans. Die Geschichte des Lokals reicht bis 1957 zurück.
Weiter westlich, in den Blue Ridge Mountains, steht dagegen traditionelle Bergmusik im Mittelpunkt. Beim Alleghany Jubilee in Sparta kommen mehrere Generationen zusammen, um Bluegrass zu hören und zu tanzen.

Neben der Musik gehören hier auch Clogging und Square Dance zum Programm. Clogging ist ein rhythmischer Stepptanz, der eng mit der Musikkultur der Appalachen verbunden ist. Beim Square Dance bewegen sich mehrere Paare gemeinsam zu angesagten Tanzfiguren.
Gerade für Reisende, die sich für die Kultur der Appalachen interessieren, ist ein solcher Abend eine interessante Ergänzung zu Wanderungen und Ausflügen in die Berglandschaft.
Ein Roadtrip durch die amerikanische Musikgeschichte
Die musikalische Vielfalt des amerikanischen Südens lässt sich kaum auf eine einzige Route reduzieren. Zwischen dem Mississippi-Delta, den Appalachen und der Atlantikküste liegen Hunderte Kilometer und zahlreiche unterschiedliche Musiktraditionen.
Für einen längeren Roadtrip bieten sich deshalb mehrere regionale Schwerpunkte an. Eine Route könnte beispielsweise in Nashville beginnen, über Memphis und das Mississippi-Delta nach Louisiana führen und dort in New Orleans enden. Eine andere verbindet die Bluegrass-Traditionen Kentuckys mit den Jazzclubs von Missouri. Auch die Küstenregionen der Carolinas lassen sich mit Musikstopps in den Blue Ridge Mountains kombinieren.
Gemeinsam ist vielen dieser Orte, dass Musik dort nicht nur als touristische Attraktion angeboten wird. Sie ist Teil der lokalen Identität, wird von Generation zu Generation weitergegeben und entwickelt sich gleichzeitig weiter.
Und manchmal reicht dafür ein kleiner Raum mit ein paar Tischen, einer Bühne und Musikern, die einfach anfangen zu spielen.
Mehr zum Süden der USA und was er zu bieten hat, gibt es hier: www.visittheusa.com
RoadTrip-Tipp: Vor dem Besuch das Programm prüfen
Viele der genannten Clubs und Veranstaltungsorte sind kleine, unabhängig betriebene Einrichtungen. Auftrittstage, Öffnungszeiten und Eintrittsregelungen können sich kurzfristig ändern. Das gilt besonders für Jam-Sessions und saisonale Veranstaltungen. Wer einen bestimmten Musikabend fest in seine Reiseroute einplanen möchte, sollte deshalb vorab das aktuelle Programm prüfen.
