Als ich früh am Morgen am Ufer des Mohonk Lake entlanggehe, liegt der See vollkommen ruhig zwischen den steilen Felswänden der Shawangunk Ridge. Das viktorianische Hotel spiegelt sich wie ein Schloss im Wasser, leichte Nebelschwaden ziehen langsam über den See, und auf dem benachbarten Golfplatz überqueren mehrere Rehe lautlos das frisch gemähte Green, bevor sie wieder im Wald verschwinden. In diesem Moment fällt es schwer zu glauben, dass New York City nur rund zwei Autostunden entfernt liegt.

Es gibt Hotels, die durch ihre Architektur beeindrucken. Andere leben von ihrem Service oder ihrer Geschichte. Das Mohonk Mountain House vereint all das – und doch liegt seine größte Stärke woanders. Seit mehr als 150 Jahren kommen Menschen hierher, um der Hektik ihres Alltags zu entfliehen. Das Hotel selbst war dabei nie das eigentliche Ziel. Es war vielmehr der Schlüssel zu einer Landschaft, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat.
Ein See wie eine Entdeckung
Wer heute die kurvenreiche Zufahrt hinauffährt, erlebt etwas Ähnliches wie die ersten Gäste im Jahr 1869. Damals gab es noch keine Straße. Die Besucher reisten mit der Fähre über den Hudson River, anschließend mit der Eisenbahn und schließlich mit Pferdekutschen so weit den Berg hinauf, wie es die Wege zuließen. Die letzten Meter legten viele zu Fuß zurück. Erst oben angekommen, öffnete sich plötzlich der Blick auf einen glasklaren Gletschersee, eingerahmt von den markanten Felsen der Shawangunk Ridge, auf der anderen Seite des Hauses am Horizont die Berge der Catskills. Genau dieses Gefühl beschreibt unsere Gastgeberin, wenn sie von den ersten Besuchern erzählt.

Natürlich waren Albert Smiley und seine Familie nicht die ersten Menschen an diesem Ort. Lange vor den europäischen Siedlern führten bereits die Wege der indigenen Bevölkerung über den Bergrücken. Einige dieser historischen Pfade bilden noch heute die Grundlage des weit verzweigten Wanderwegenetzes rund um das Resort.

Als die aus Maine stammenden Quäker Albert, Alfred und Daniel Smiley das kleine Anwesen übernahmen, stand am Ufer des Sees lediglich ein bescheidenes Gasthaus mit zehn Zimmern. Der damalige Besitzer hatte gehofft, vom Reiseverkehr zwischen Hudson Valley und Rondout Valley zu profitieren – wirtschaftlich jedoch mit überschaubarem Erfolg. Die Smileys dagegen sahen etwas völlig anderes. Nicht das Gebäude faszinierte sie. Es war die Landschaft. Die glitzernden Quarzkristalle im harten Shawangunk-Konglomerat, das klare Wasser des Sees und die fast unberührte Natur machten ihnen sofort klar, welches Potenzial dieser Ort besaß. Während sich die Vereinigten Staaten mitten in der Industrialisierung befanden und die Städte immer voller, lauter und schmutziger wurden, wollten sie einen Rückzugsort schaffen, an dem Menschen wieder durchatmen konnten. Dieser Gedanke prägt Mohonk bis heute.

Luxus beginnt draußen
Wer das Mountain House zum ersten Mal betritt, fühlt sich unweigerlich in eine andere Zeit versetzt. Massive Holzbalken, Naturstein, knisternde Kamine und großzügige Veranden verleihen dem Haus seinen unverwechselbaren Charakter. Selbst mancher Dielenboden ist über die Jahrzehnte leicht aus dem Lot geraten – kein Makel, sondern Teil des Charmes dieses außergewöhnlichen Hauses. Trotz seiner Größe strahlt das Gebäude eine überraschende Wärme aus. Rustikaler Charme und zeitgemäßer Komfort schließen sich hier nicht aus – sie ergänzen sich. Doch schon nach kurzer Zeit wird klar, dass das eigentliche Erlebnis nicht zwischen den historischen Mauern beginnt.

„Unsere Aufgabe war es nie, die Gäste im Hotel zu halten“, erklärt unsere Gastgeberin. Vielmehr hat die Smiley-Familie das gesamte Anwesen so gestaltet, dass die Besucher Schritt für Schritt hinaus in die Natur geführt werden. Deshalb verfügt nahezu jedes Zimmer über einen Balkon. Die weitläufigen Veranden bilden den Übergang zwischen Gebäude und Landschaft. Wer sich noch nicht auf eine Wanderung wagen möchte, setzt sich zunächst mit einer Tasse Tee nach draußen. Danach folgt vielleicht eine Bootsfahrt über den See. Anschließend ein Spaziergang durch die formalen Gärten. Und irgendwann führen die Wege ganz selbstverständlich weiter hinaus in die Wälder.

Albert Smiley ließ dafür mehr als 80 Meilen – rund 130 Kilometer – Kutschenwege anlegen. Nicht, um möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern um die Landschaft bewusst erlebbar zu machen. Die Straßen folgen den natürlichen Geländestrukturen, öffnen überraschende Ausblicke ins Tal oder führen durch schattige Hemlockwälder entlang kleiner Bäche. Selbst die Kurven wurden so angelegt, dass sich die Umgebung langsam verändert und immer neue Perspektiven entstehen. Es ist ein Gedanke, der erstaunlich modern wirkt.

Lange bevor Begriffe wie Slow Travel oder Digital Detox in Mode kamen, verstand man hier, dass Erholung nicht mit möglichst vielen Aktivitäten beginnt, sondern mit einem anderen Rhythmus. Die Schilder am Eingang des Anwesens bitten Besucher deshalb bis heute, langsam und leise unterwegs zu sein. Erst wenn man den Gesang der Vögel hört, den Wind in den Baumwipfeln wahrnimmt oder einfach nur auf einer der Veranden sitzt und über den See blickt, beginnt man zu verstehen, warum Menschen seit Generationen immer wieder hierher zurückkehren.

Natur als Erlebnis – gestern wie heute
Die Philosophie der Smiley-Familie hat sich in den vergangenen 150 Jahren kaum verändert. Wohl aber die Möglichkeiten, diese außergewöhnliche Landschaft zu erleben. Heute stehen Gästen mehr als 85 Meilen Wanderwege, historische Kutschenwege, Mountainbike-Routen, geführte Naturwanderungen, Reitausflüge, Ruder- und Paddelboote sowie Kletter- und Felsabenteuer zur Verfügung. Im Winter verwandelt sich das Anwesen in eine verschneite Landschaft mit Langlaufloipen, Schneeschuhwanderungen und Eislaufen. Das Hotel versteht sich bis heute weniger als klassisches Resort denn als Ausgangspunkt für intensive Naturerlebnisse – ganz im Sinne seiner Gründer.

Besonders eindrucksvoll ist die erst vor Kurzem eröffnete Via Ferrata – ein spektakulärer Klettersteig entlang der Quarzitfelsen der Shawangunk Ridge. Selbst Gäste ohne Klettererfahrung können die spektakulären Felswände unter Anleitung sicher erleben und dabei Ausblicke genießen, die Wanderern verborgen bleiben. Es ist der erste Klettersteig in den Shawangunk Mountains – einer Region, die unter Kletterern seit Jahrzehnten als eines der bedeutendsten Felsreviere der amerikanischen Ostküste gilt.

Eine Landschaft, die überrascht
Gerade europäische Besucher dürften von dieser Landschaft überrascht sein. Wer an den Bundesstaat New York denkt, hat meist die Skyline Manhattans, gelbe Taxis oder den Central Park vor Augen. Dass sich nur rund anderthalb Autostunden nördlich der Millionenmetropole eine Landschaft mit Gletscherseen, schroffen Felsen und uralten Wäldern verbirgt, gehört zu den größten Überraschungen einer Reise durch den Bundesstaat New York.

Die Shawangunk Ridge – von Einheimischen meist einfach „The Gunks“ genannt – gehört zu den eindrucksvollsten Mittelgebirgslandschaften des Nordostens der USA. Die markanten Quarzitfelsen entstanden vor Hunderten Millionen Jahren und ziehen sich wie ein langes Rückgrat durch das Hudson Valley. Ihre außergewöhnliche Geologie macht die Region bis heute zu einem der bekanntesten Klettergebiete Nordamerikas und schafft zugleich Lebensräume für seltene Pflanzen- und Tierarten.
Genau dieser Kontrast macht Mohonk so besonders. Morgens blickt man vom Frühstücksraum aus über einen stillen Gletschersee, wenig später wandert man durch uralte Wälder oder erklimmt schroffe Felswände – und am Abend sitzt man wieder auf der Veranda eines historischen Hotels. Dass all dies nur einen Katzensprung von New York City entfernt möglich ist, gehört zu den schönsten Überraschungen einer Reise durch den Empire State.

Als ich nach meinem kurzen Aufenthalt im Mohonk den Berg wieder hinunterfahre, verschwindet der See schnell hinter den Bäumen – versteckt sich, als gäbe es ihn gar nicht. Geblieben ist nicht nur die Erinnerung an ein außergewöhnliches Hotel, sondern auch an einen Ort, der seine Besucher seit mehr als 150 Jahren hinaus lockt – in Wälder, auf Felsen, ans Wasser und zu sich selbst. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Mohonk Mountain House. Wahrer Luxus beginnt hier nicht im Zimmer, sondern in dem Moment, in dem man die Tür öffnet und die Natur den Rest übernehmen lässt.

RoadTrip-Info
Mohonk Mountain House
New Paltz, New York (Hudson Valley)
Das Mohonk Mountain House gehört zu den außergewöhnlichsten historischen Resorts der USA. Hoch über dem glasklaren Lake Mohonk verbindet das 1869 eröffnete viktorianische Hotel Naturerlebnis, Familiengeschichte und gehobene Gastlichkeit auf einzigartige Weise. Das Anwesen umfasst rund 16.000 Hektar geschützte Natur mit mehr als 85 Meilen (137 Kilometern) Wanderwegen, historischen Kutschenwegen, einem Gletschersee und spektakulären Aussichtspunkten entlang der Shawangunk Ridge.

Aktivitäten
Wandern, Bootfahren, Schwimmen, Kajak- und Paddleboard-Verleih, Mountainbiken, Tennis, Golf, Bogenschießen, Falknerei, geführte Naturwanderungen, Wellness- und Yoga-Angebote sowie – als besonderes Highlight – die spektakuläre Via Ferrata entlang der Felswände der Shawangunk Ridge. Im Winter kommen Langlauf, Schneeschuhwandern, Snow Tubing und Eislaufen hinzu. Viele Aktivitäten sind bereits im Übernachtungspreis enthalten; einige Spezialangebote werden separat berechnet.

Zimmerpreise
Übernachtungen beginnen bei etwa $ 1.245 pro Nacht für zwei Personen (Doppelbelegung). Im Preis enthalten sind Frühstück, Mittag- und Abendessen, Nachmittagstee, die meisten alkoholfreien Getränke, zahlreiche Aktivitäten sowie Trinkgelder. Je nach Saison und Zimmerkategorie können die Preise deutlich höher ausfallen.
Tipp von RoadTrip
Plane mindestens zwei Übernachtungen ein. Steh unbedingt früh auf und genieße den Sonnenaufgang am Lake Mohonk, wenn Nebelschwaden über dem Wasser liegen und die ersten Sonnenstrahlen die Felsen der Shawangunk Ridge beleuchten. Wer aktiv unterwegs ist, sollte außerdem Zeit für eine Wanderung, eine Bootsfahrt oder – mit Guide – die beeindruckende Via Ferrata einplanen.
Lage
Mohonk Mountain House liegt bei New Paltz im Hudson Valley, rund 145 Kilometer nördlich von New York City. Mit dem Auto beträgt die Fahrzeit – je nach Verkehr – etwa 2 bis 2½ Stunden.
Weitere Informationen
www.mohonk.com

