„Streck deine Hände aus.“ Lamont Collins hat mich vorgewarnt, trotzdem zögere ich einen Moment. Dann legt mir der Gründer und CEO des Roots 101 African American Museum in Louisville zwei schwere, mehr als 400 Jahre alte Eisenfesseln an. Eigentlich seien sie für die Fußgelenke bestimmt gewesen, erklärt er. Dann sieht er mich an und sagt: „Welcome to America.“

Was ich fühle? Beklemmung. Unsicherheit. Und plötzlich eine körperliche Nähe zu einem Kapitel amerikanischer Geschichte, das sich sonst leicht hinter Jahreszahlen, Museumsvitrinen und Schulbüchern versteckt. Genau darum geht es Lamont Collins.
„Wir waren keine Sklaven“, erklärt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Wir wurden in diesem Land versklavt.“ Für Collins ist dieser sprachliche Unterschied fundamental. Wer Menschen ausschließlich als Sklaven beschreibt, reduziert ihre Identität auf das, was andere ihnen angetan haben. Roots 101 möchte die Perspektive umdrehen und die afroamerikanische Geschichte nicht als Geschichte der Schwäche, sondern als Geschichte der Stärke erzählen. Die Fesseln sollen dabei „passion and compassion“ wecken, Leidenschaft und Mitgefühl. In einer Vitrine, erzählt Collins, liegen weitere historische Fesseln mit einem Gesamtgewicht von rund 130 Pfund, knapp 60 Kilogramm. Ein einzelner versklavter Mensch habe dieses Gewicht einst getragen.
Es ist ein drastischer Einstieg in eine Museumsführung. Aber er funktioniert. Wer die Fesseln wieder ablegt, betrachtet die Räume des Museums mit anderen Augen.

Die Geschichte beginnt nicht mit der Versklavung
Das Roots 101 liegt mitten in Downtown Louisville, nur wenige Blocks vom Ohio River entfernt. Von außen lässt das Gebäude kaum erahnen, welche Fülle sich darin verbirgt. Afrikanische Kunst und jahrhundertealte Objekte treffen auf Fotografien, Skulpturen, Sportmemorabilia und Alltagsgegenstände, auf Musik, Bürgerrechtsgeschichte und sehr persönliche Erinnerungen. Die Ausstellungen reichen von „Faces of Africa“ und „Welcome to America“ über „Circle of Hate“ und „The Great Equalizer“ bis zu „Big Momma’s House“ und „Protest to Progress“. Entscheidend ist jedoch die Reihenfolge. Collins beginnt seine Erzählung nicht auf einem Sklavenschiff, sondern in Afrika.

Er führt mich zu kunstvoll gearbeiteten Bronzen, Figuren und Thronen aus verschiedenen Regionen des Kontinents. Ein mehr als 300 Jahre alter hölzerner Thron stammt aus Kamerun, ein anderes Ensemble aus Ghana. Bei Letzterem sitzt die Königin höher als der König – Collins erklärt dies mit der besonderen Stellung der Frau als Mutter und Bewahrerin der Gemeinschaft. Ein kleinerer Thron ist für das Kind bestimmt. Für Collins steckt darin eine Botschaft, die vor allem junge Schwarze Besucher verstehen sollen: Ihre Geschichte beginnt mit Familien, Kulturen, Kunstfertigkeit, gesellschaftlichen Strukturen und Herrschern – nicht mit Entrechtung und Versklavung.

Anders als in vielen Museen darf man zahlreiche dieser Objekte berühren. Collins erinnert sich an die Regel seiner Großmutter: Wenn etwas neu war, durfte man es anfassen – solange man es nicht kaputt machte. Dieses Prinzip hat er auf sein Museum übertragen. Besucher sollen eine unmittelbare Verbindung zu den Gegenständen aufbauen und Respekt vor dem entwickeln, was Menschen geschaffen haben, die vielleicht ganz anders aussehen als sie selbst. Seine Botschaft ist ebenso einfach wie weitreichend: Black History ist kein Sonderkapitel neben der amerikanischen Geschichte. Sie ist amerikanische Geschichte.

Auch der Name des Museums folgt diesem Gedanken. An amerikanischen Colleges bezeichnet „101“ gewöhnlich den Einführungskurs in ein Fachgebiet. Roots 101 versteht sich entsprechend als Einstieg in eine Geschichte, deren Grundlagen nach Collins’ Überzeugung in Amerika noch immer nicht ausreichend vermittelt werden.
Amerikas Geschichte – aus einer anderen Perspektive
Von Afrika aus führt der Rundgang weiter durch mehrere Jahrhunderte amerikanischer Geschichte. Eine Liberty Bell wird bei Collins zum Symbol für einen Widerspruch, der sich durch die Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten zieht: 1776 verkündete das Land seine Unabhängigkeit und berief sich auf Freiheit und Gleichheit, während Millionen Schwarzer Menschen weiterhin versklavt waren. Collins erinnert an Frederick Douglass’ berühmte Frage, was der Fourth of July für einen versklavten Menschen bedeute, und fordert seine Besucher damit auf, bekannte historische Erzählungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Danach wird die Geschichte dunkler. Versklavung, Reconstruction, Entrechtung, rassistische Gewalt und Lynchmorde gehören ebenso zum Rundgang wie der Ku-Klux-Klan. Collins hat dessen Geschichte bewusst mitten in seinem Museum platziert. Nicht um zu provozieren, sondern weil Hass für ihn nicht mit den weißen Kapuzen der Vergangenheit verschwunden ist. Geschichte zu verstehen bedeutet für ihn deshalb immer auch, nach ihren Spuren in der Gegenwart zu suchen.

Dabei macht Collins keinen Hehl aus seiner eigenen Haltung. Im Gespräch zieht er direkte Linien von der Reconstruction und den späteren Versuchen, Schwarze politische und gesellschaftliche Teilhabe zurückzudrängen, bis in die heutige amerikanische Politik. Er spricht über Rassismus, Macht, Medienbilder und Donald Trump. Man muss nicht jede seiner Interpretationen teilen, um zu verstehen, was er damit erreichen möchte: Roots 101 will kein Museum sein, in dem Geschichte hinter Glas abgeschlossen liegt. Besucher sollen darüber nachdenken, was davon bis heute fortwirkt.

Gerade deshalb wird der Rundgang nicht zu einer Abfolge von Unterdrückung und Gewalt. Collins erzählt immer wieder von Widerstandskraft, Kreativität, Familie und Erfolg. „Big Momma’s House“ erinnert an die Großmütter, die für viele afroamerikanische Familien zu Bewahrerinnen der eigenen Geschichte wurden. Wo Schulbücher Schwarze Vorbilder kaum erwähnten, hingen bei Big Mama Fotos von Verwandten an den Wänden: der Cousin in New York, die Tante in Chicago, Menschen, die zeigten, dass ein anderes Leben möglich war. Für Collins waren solche Wohnzimmer die ersten Museen der afroamerikanischen Geschichte.
Von Muhammad Ali bis Breonna Taylor
Natürlich spielt in Louisville auch der Sport eine besondere Rolle. Collins selbst war Footballspieler an der University of Louisville, und seine Leidenschaft für das Sammeln begann nach Angaben des Museums mit einem Autogramm von Muhammad Ali, das ihm seine Mutter schenkte. Aus diesem persönlichen Interesse entwickelte sich über Jahrzehnte eine Sammlung – und schließlich die Idee für Roots 101, das 2020 gegründet wurde.

Im Museum bezeichnet Collins den Sport als „The Great Equalizer“. Auf dem Spielfeld, sagt er, seien zumindest die Regeln für alle dieselben: Ein Footballfeld ist 100 Yards lang, und der Basketballkorb hängt für jeden Spieler in derselben Höhe. Seine Frage lautet deshalb, was möglich wäre, wenn auch außerhalb des Sports für alle Menschen vergleichbare Regeln und Chancen gälten. Gleichzeitig weist er auf einen Widerspruch hin, der die amerikanische Sportgeschichte lange begleitet hat: Schwarze Athleten konnten auf dem Spielfeld als nationale Helden gefeiert werden, ohne außerhalb des Stadions dieselbe gesellschaftliche Akzeptanz zu erfahren.

Doch Roots 101 bleibt nicht bei den großen nationalen Erzählungen stehen. Musik, Schwarze Studentenverbindungen, Barbershops und die Geschichte eines Louisville-Hotels aus der Zeit des Green Book gehören ebenso dazu wie lokale Protestbewegungen. In „Protest to Progress“ führt die Geschichte bis zu Breonna Taylor, deren Tod 2020 Louisville zu einem Zentrum der landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt machte. Collins erinnert zugleich daran, dass die Bürgerrechtsgeschichte der Stadt viel weiter zurückreicht: Martin Luther King Jr. kam wiederholt nach Louisville, wo auch sein Bruder A. D. King als Pastor tätig war.

Damit endet die Geschichte bewusst nicht in der Gegenwart. Ein weiterer Bereich richtet den Blick nach vorne. Collins nennt ihn „Black to the Future“. Dort stehen unter anderem Schachbretter. Kinder sollen lernen, strategisch zu denken, vorauszuschauen und auf die Züge anderer zu reagieren. Für Collins ist auch das Geschichtsvermittlung: Wer weiß, woher er kommt, soll daraus Werkzeuge für die eigene Zukunft gewinnen.
Bessere Vorfahren werden
Vielleicht versteht man Roots 101 am besten, wenn man Lamont Collins selbst erlebt. Er ist kein Museumsdirektor, der seine Exponate aus respektvoller Distanz erklärt. Er spricht schnell, leidenschaftlich und sehr direkt, springt zwischen Jahrhunderten und persönlichen Erinnerungen hin und her und stellt seinem Gegenüber immer wieder Fragen. Manchmal provoziert er bewusst. Fast immer versucht er, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen.

Inzwischen findet dieser Ansatz weit über Louisville hinaus Beachtung. Die Stadt zeichnete Collins 2026 mit dem „Cultural Legacy in Action Award“ aus und beziffert die jährliche Besucherzahl von Roots 101 auf mehr als 65.000. Das Museum trägt seine Geschichten zudem mit einem Mobile Museum zu Schulen und Communities außerhalb des eigenen Gebäudes.
Auch institutionell steht Roots 101 an einem wichtigen Punkt. Der für das Haushaltsjahr 2027 beschlossene Louisville-Metro-Haushalt sieht eine Million US-Dollar vor, um dem Museum einen dauerhaften Standort in Downtown Louisville zu sichern. Als ich Collins darauf anspreche, ist ihm die Bedeutung dieser Unterstützung anzumerken. Das Geld kann helfen, aus einer stark von seiner Persönlichkeit und seinem Engagement getragenen Initiative eine langfristig abgesicherte Institution zu machen.

Collins selbst formuliert seinen Anspruch allerdings anders. Er wolle keine Spenden, sagt er, sondern Investitionen. Wer investiert, erwartet schließlich, dass daraus etwas entsteht. Bei Roots 101 soll dieser Ertrag nicht finanzieller Natur sein, sondern gesellschaftlicher.
Dann fällt ein Satz, der lange nach dem Besuch hängen bleibt: „Let’s become better ancestors.“ Lasst uns bessere Vorfahren werden. Collins meint damit die Verantwortung jeder Generation gegenüber der nächsten. Geschichte lässt sich nicht mehr verändern, aber man kann entscheiden, was kommende Generationen eines Tages über uns erzählen werden.

Als ich das Museum wieder verlasse, denke ich deshalb weniger an einzelne Exponate als an die schweren Eisenfesseln vom Beginn meines Besuchs. Lamont Collins hat sie mir nur für wenige Minuten angelegt. Doch genau diese Minuten haben aus einem historischen Gegenstand etwas anderes gemacht: eine Erfahrung, die sich nicht so einfach wieder in eine Vitrine zurücklegen lässt.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke von Roots 101. Das Museum erzählt afroamerikanische Geschichte nicht, damit Besucher sie anschließend kennen. Es erzählt sie, damit sie etwas damit anfangen.
Mehr zum Museum Roots 101 in Louisville, Kentucky, hier: www.roots-101.org
RoadTrip-Info
Roots 101 African American Museum
Louisville, Kentucky
Das 2020 von Lamont Collins gegründete Roots 101 African American Museum liegt mitten in Downtown Louisville, nur wenige Blocks vom Ohio River entfernt. Seine Ausstellungen erzählen die afroamerikanische Geschichte bewusst von den afrikanischen Wurzeln bis in die Gegenwart und verbinden historische Objekte mit Kunst, Musik, Sport, Familiengeschichte, der Bürgerrechtsbewegung und aktuellen gesellschaftlichen Themen.
Öffnungszeiten
Dienstag bis Samstag, 10 bis 17 Uhr. Sonntags, montags und an wichtigen Feiertagen geschlossen.
Eintritt
Self-guided Tour: Erwachsene und Jugendliche ab 13 Jahren 15 US-Dollar, Kinder von 5 bis 12 Jahren 10 US-Dollar, unter 5 Jahren frei. Senioren ab 65 Jahren und Angehörige des Militärs zahlen 9 US-Dollar. Geführte Touren werden ebenfalls angeboten; für Gruppen gelten gesonderte Preise.
Tipp von RoadTrip
Für Roots 101 sollte man ausreichend Zeit einplanen. Die enorme Bandbreite der Sammlung erschließt sich nicht im schnellen Vorbeigehen – und wenn sich die Gelegenheit zu einer Führung oder einem Gespräch mit Lamont Collins ergibt, sollte man sie unbedingt nutzen. Seine sehr persönliche Vermittlungsart macht deutlich, dass Roots 101 nicht nur historische Gegenstände zeigt, sondern auch Gespräche über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anstoßen möchte.
Barrierefreiheit & Parken
Das Museum ist rollstuhlgerecht und verfügt über einen Aufzug zum zweiten Stock. Kostenpflichtige Parkplätze gibt es an der Straße sowie auf einem Parkplatz direkt neben dem Museum.
Adresse
124 N 1st St
Louisville, KY 40202
Weitere Informationen
Roots 101 African American Museum
