Die kanadische Provinz Alberta hat drei ihrer bekanntesten Skigebiete offiziell zu sogenannten All-Season Resort Areas erklärt. Mit der Entscheidung für Castle Mountain, Fortress Mountain und Nakiska schafft die Provinz erstmals einen rechtlichen Rahmen, der eine ganzjährige touristische Nutzung dieser Bergregionen ermöglicht. Ziel ist es, den Tourismus breiter aufzustellen, Arbeitsplätze zu schaffen und Investitionen anzuziehen – ohne dabei Umwelt- und Schutzstandards aufzugeben.
Die Entscheidung markiert einen wichtigen Schritt in Albertas langfristiger Strategie, Wintersportdestinationen stärker für Sommer- und Übergangssaisonen zu öffnen. Gleichzeitig stößt sie eine Debatte über Infrastruktur, Naturschutz und die Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und sensiblen Bergökosystemen an.

Nakiska: Olympische Geschichte trifft Zukunftsplanung
Nakiska, im Kananaskis Country westlich von Calgary gelegen, ist eines der bekanntesten Skigebiete Albertas. Internationale Aufmerksamkeit erlangte es als Austragungsort der alpinen Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen 1988. Seit Jahrzehnten ist Nakiska ein fester Bestandteil der regionalen Wintersportkultur, war jedoch bislang stark auf den Winterbetrieb beschränkt.
Mit der neuen Einstufung als All-Season Resort Area erhält Nakiska nun die Möglichkeit, Anträge auf einen erweiterten Ganzjahresbetrieb zu stellen. Denkbar sind Aktivitäten wie Wandern, Mountainbiken oder naturbasierte Freizeitangebote außerhalb der Skisaison. Für Besucher bedeutet das perspektivisch ein breiteres Angebot, für Beschäftigte vor Ort potenziell stabilere Arbeitsverhältnisse über das ganze Jahr hinweg.
Die Provinz betont allerdings, dass die neue Einstufung keine automatische Baugenehmigung darstellt. Jede geplante Erweiterung muss ein reguläres Genehmigungsverfahren durchlaufen, einschließlich Umweltprüfungen sowie öffentlicher und indigener Konsultationen.

Castle Mountain: groß, rau und bisher kaum erschlossen
Castle Mountain im Südwesten Albertas gilt als eines der ursprünglichsten Skigebiete der Provinz. Das Terrain ist weitläufig, windanfällig und stark vom Backcountry-Charakter geprägt. Gerade diese Wildheit macht den Reiz des Gebiets aus – und gleichzeitig die Herausforderung für eine zukünftige Entwicklung.
Die neue All-Season-Einstufung soll es ermöglichen, Castle Mountain behutsam weiterzuentwickeln, ohne den Charakter der Region grundlegend zu verändern. Die Regierung verweist darauf, dass die bestehenden Umweltgesetze weiterhin vollumfänglich gelten. Wildtierschutz, Wasserhaushalt, Brandschutz und nachhaltiges Besuchermanagement müssen integraler Bestandteil aller Konzepte sein.
Für die Region bietet Castle Mountain dennoch großes Potenzial: Ganzjahresangebote könnten zusätzliche Besucher anziehen und wirtschaftliche Impulse für umliegende Gemeinden liefern, die bislang stark vom saisonalen Wintertourismus abhängig sind.
Fortress Mountain: Comeback einer Legende?
Besonders aufmerksam verfolgt wird die Entscheidung bei Fortress Mountain, einem ehemaligen Skigebiet, dessen Liftbetrieb seit Jahren eingestellt ist. Bekannt wurde Fortress Mountain nicht nur für seine steilen Hänge, sondern auch als Drehort internationaler Filmproduktionen wie The Revenant oder Jumanji: The Next Level.
Die All-Season-Designation eröffnet nun erstmals seit Langem eine realistische Perspektive für eine Wiederbelebung – allerdings nicht zwingend als klassisches Skigebiet. Betreiber könnten Konzepte für ganzjährige, naturbasierte Angebote entwickeln, die weniger stark auf liftgestützten Wintersport setzen.
Für viele Beobachter ist Fortress Mountain ein Testfall dafür, ob das neue Regelwerk tatsächlich dazu geeignet ist, brachliegende Bergdestinationen verantwortungsvoll wiederzubeleben.
Was bedeutet „All-Season Resort“?
Ein All-Season Resort ist ein offiziell ausgewiesenes Tourismusgebiet, das nicht nur im Winter, sondern ganzjährig betrieben werden darf. Für Skigebiete bedeutet das vor allem rechtliche Planungssicherheit: Betreiber können – nach Genehmigung – auch Sommer- und Nebensaisonangebote entwickeln, etwa Wandern, Mountainbiken, Klettersteige, Seilrutschen, Naturerlebnisse oder Veranstaltungen.
Wichtig: Die Einstufung als All-Season Resort ist keine automatische Baugenehmigung. Jedes Projekt muss weiterhin Umweltprüfungen durchlaufen, indigene Gemeinschaften einbeziehen und öffentliche Beteiligungsverfahren durchstehen. In Alberta gelten dabei weiterhin strenge Umwelt- und Naturschutzauflagen.
Wirtschaftliche Erwartungen und neue Jobs
Die Regierung von Alberta verknüpft die neuen All-Season-Resortgebiete mit ehrgeizigen wirtschaftlichen Zielen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren könnten laut Prognosen bis zu 24.000 neue Arbeitsplätze entstehen, begleitet von 3,6 Milliarden kanadischen Dollar an Bruttowertschöpfung und 4 Milliarden Dollar an zusätzlichen Besucherausgaben.
Ein zentrales Argument der Befürworter ist die Möglichkeit, die saisonale Beschäftigung zu stabilisieren. Ganzjahresbetriebe könnten dazu beitragen, dass Fachkräfte länger in der Region bleiben, statt zwischen Winter- und Sommerjobs wechseln zu müssen.
Gleichzeitig sollen lokale Unternehmen stärker eingebunden werden. Die Provinz ermutigt Betreiber, mit regionalen Zulieferern zusammenzuarbeiten und lokale Arbeitskräfte einzustellen, um den wirtschaftlichen Nutzen möglichst breit zu verteilen.
Umwelt- und Naturschutz bleibt rechtlich verankert
Trotz der wirtschaftlichen Ambitionen betont Alberta, dass Umweltstandards nicht aufgeweicht werden. Alle Projekte unterliegen weiterhin den bestehenden Gesetzen, darunter dem Public Lands Act, dem Water Act und dem Environmental Protection and Enhancement Act. Umweltverträglichkeitsprüfungen sind verpflichtend, ebenso Konzepte für ein nachhaltiges Besuchermanagement.
Seit 2019 hat Alberta seine Schutzgebiete um mehr als 300.000 Hektar erweitert. Die im Zuge der neuen Resort-Einstufungen vorgenommenen Grenzanpassungen betreffen laut Regierung weniger als 0,03 Prozent des gesamten Parks- und Schutzgebietssystems.

Einbindung indigener Gemeinschaften
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Beteiligung indigener Gemeinschaften. Die Regierung betont, dass indigene Gruppen bereits im Vorfeld der Designation konsultiert wurden. Künftige Projektträger sind verpflichtet, diese Konsultationen fortzuführen und sicherzustellen, dass Treaty Rights sowie traditionelle Nutzungen respektiert werden.
Vertreter indigener Organisationen sehen in den All-Season-Resorts eine Chance für wirtschaftliche Teilhabe, kulturelle Sichtbarkeit und langfristige Partnerschaften – vorausgesetzt, die Entwicklung erfolgt auf Augenhöhe und mit echter Mitbestimmung.
Wie es weitergeht
Mit der offiziellen Designation ist lediglich der erste Schritt getan. Betreiber können nun formell Entwicklungspläne einreichen, die anschließend geprüft, öffentlich diskutiert und gegebenenfalls genehmigt werden. Dieser Prozess kann Monate oder sogar Jahre dauern, bevor konkrete Bau- oder Umsetzungsmaßnahmen beginnen.
Für Reisende bedeutet die Entscheidung vor allem eines: Alberta positioniert sich klar als Ganzjahres-Outdoor-Destination. Ob und wann neue Angebote tatsächlich Realität werden, hängt nun von den eingereichten Konzepten – und davon ab, wie gut es gelingt, wirtschaftliche Interessen mit dem Umwelt- und Kulturschutz in Einklang zu bringen.
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