Staten Island und seine dunklen Geschichten

26. Aug. 2026 | Allgemein, News, Tipp, USA

Für viele New-York-Besucher ist die Staten Island Ferry vor allem eine kostenlose Sightseeing-Tour: Manhattan verschwindet langsam im Heckwasser, die Freiheitsstatue zieht vorbei und nach rund 25 Minuten legt die Fähre in St. George an. Dort drehen viele Besucher gleich wieder um. Dabei beginnt hier ein New York, das mit dem Manhattan der Wolkenkratzer erstaunlich wenig gemeinsam hat. Die Fähre verkehrt kostenlos zwischen Lower Manhattan und Staten Island – und eignet sich damit bestens als Ausgangspunkt für einen Abstecher in den oft übersehenen fünften Borough.

Wer bleibt, entdeckt maritime Geschichte und eine überraschend vielfältige Kulturszene, trifft auf die inzwischen durch Netflix berühmt gewordenen „Nonnas“ und stößt auf einige der düstersten Legenden New Yorks. Staten Island ist vielleicht tatsächlich der „forgotten borough“ – aber gerade das macht seinen Reiz aus.

Beleuchteter St. George Ferry Terminal der Staten Island Ferry auf Staten Island in New York City am Abend.
Der St. George Ferry Terminal ist für viele Besucher das Tor nach Staten Island – die Überfahrt von Manhattan dauert rund 25 Minuten und ist kostenlos © Matthew Penrod / NYC Tourism + Conventions

Ein anderes New York

Staten Island nimmt innerhalb New York Citys eine Sonderrolle ein. Anders als Manhattan, Brooklyn, Queens oder die Bronx ist die Insel nicht direkt an das Subway-Netz der übrigen Stadt angeschlossen. Schon die Anreise übers Wasser schafft Distanz zum Trubel Manhattans.

Auch danach verändert sich das Stadtbild schnell. Wohnhäuser ersetzen Straßenschluchten, zwischen Geschäftsstraßen liegen große Grünflächen, Kirchen und alte Industriegebäude. Vieles wirkt kleinteiliger und stärker von einzelnen Nachbarschaften geprägt.

Dazu gehört eine bemerkenswerte kulturelle Vielfalt. Lokale Organisationen sprechen von „Folklife“, wenn sie jene Geschichten, Musik, Handwerkskünste, Feste, Rituale und kulinarischen Traditionen beschreiben, die innerhalb von Familien und Communities weitergegeben werden. Auf Staten Island reicht dieses kulturelle Erbe von westafrikanischen Erzähltraditionen über die Kultur mexikanischer Einwanderer bis hin zur großen sri-lankischen Community. Und manchmal wird aus dieser Alltagskultur sogar Hollywood-Stoff.

Orange Staten Island Ferry auf dem New Yorker Hafen vor der Skyline von Lower Manhattan und dem One World Trade Center.
Die kostenlose Staten Island Ferry verbindet Manhattan mit dem oft übersehenen fünften Borough – spektakuläre Ausblicke auf die Skyline inklusive © Julienne Schaefer / NYC Tourism + Conventions

Die echten „Nonnas“ von Staten Island

Nur wenige Gehminuten vom Fährterminal entfernt liegt die Enoteca Maria. Die Idee des Restaurants ist ebenso einfach wie ungewöhnlich: Hier kochen Großmütter Gerichte aus ihrer Heimat.

Jody „Joe“ Scaravella eröffnete das Restaurant 2007, nachdem er seine Mutter und seine Großmutter verloren hatte. Zunächst standen italienische Nonnas aus verschiedenen Regionen Italiens am Herd. Später erweiterte Scaravella das Konzept und holte Großmütter aus aller Welt in seine Küche – unter anderem aus Japan, Peru, Griechenland, der Dominikanischen Republik und der Ukraine. Seit 2025 kennt ein weltweites Publikum diese Geschichte. Der Netflix-Film „Nonnas“ mit Vince Vaughn, Susan Sarandon, Lorraine Bracco und Talia Shire basiert auf Scaravellas Restaurant und seiner ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte.

Die Enoteca Maria passt damit perfekt zu Staten Island: Traditionen werden hier nicht als Museumsstücke konserviert, sondern beim Essen, Erzählen und Zusammensitzen weitergegeben.

Vom Hafen der Seeleute zur Kulturinsel

Das Wasser hat Staten Island über Jahrhunderte geprägt. Wer diese maritime Vergangenheit verstehen möchte, findet an der North Shore einen der interessantesten Orte der Insel: das heutige Snug Harbor Cultural Center & Botanical Garden.

Die Geschichte des Areals begann mit dem Vermächtnis des 1801 verstorbenen Robert Richard Randall. Sein Vermögen sollte dazu dienen, einen Zufluchtsort für alte und mittellose Seeleute zu schaffen. Aus dem Sailors’ Snug Harbor entwickelte sich schließlich eine weitgehend autarke Gemeinschaft mit Wohnhäusern, Krankenhaus, Farm, Bäckerei, Werkstätten, Kraftwerk, Kirche, Konzertsaal und Gärten. Hier lebten zeitweise rund 900 ehemalige Seeleute.

Chinesischer Garten mit traditionellem Pavillon, Felsen und altem Baumbestand im Snug Harbor Cultural Center auf Staten Island.
Der New York Chinese Scholar’s Garden gehört zu den überraschendsten Orten im weitläufigen Snug Harbor Cultural Center auf Staten Island © Tagger Yancey IV / NYC Tourism + Conventions

Heute ist das 83 Acre – rund 34 Hektar – große Gelände ein Kulturpark mit Museen, Galerien, historischen Gebäuden, Künstlerateliers und botanischen Gärten. Mehr als eine halbe Million Menschen besuchen Snug Harbor jährlich.

Wer tiefer in die maritime Geschichte Staten Islands eintauchen möchte, findet in der Noble Maritime Collection außerdem Schiffsmodelle, historische Artefakte und das rekonstruierte Hausboot-Atelier des Künstlers John A. Noble.

Der Wächter des Hafens

Noch eindrucksvoller wird die maritime Vergangenheit an der Nordostküste. Direkt an den Narrows und unterhalb der Verrazzano-Narrows Bridge liegt Fort Wadsworth, eine der ältesten militärischen Anlagen der Vereinigten Staaten.

Die strategische Bedeutung des Ortes wurde früh erkannt. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges errichteten britische Truppen hier Befestigungen; Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten größeren amerikanischen Verteidigungsanlagen. Die heute besonders markanten Bauwerke Battery Weed und Fort Tompkins stammen in ihrer heutigen Form überwiegend aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Fort Wadsworth auf Staten Island mit Battery Weed und der Verrazzano-Narrows Bridge über dem New Yorker Hafen.
Fort Wadsworth bewachte fast zwei Jahrhunderte die Zufahrt zum New Yorker Hafen – heute erhebt sich darüber die Verrazzano-Narrows Bridge © Annabel Ruddle / NYC Tourism + Conventions

Fast zwei Jahrhunderte lang sollte der Standort die Zufahrt zum New Yorker Hafen schützen. Heute gehört das 226 Acre große Gelände zur Gateway National Recreation Area. Von den alten Befestigungen reicht der Blick über den Hafen, Brooklyn und die gewaltige Brücke – einer der eindrucksvollsten Aussichtspunkte auf Staten Island. Doch je weiter man sich vom Wasser entfernt, desto dunkler werden manche Geschichten der Insel.

Cropsey: Wenn eine Legende real wird

Fast jede Region besitzt ihre Schreckgestalten. Auf Staten Island heißt sie Cropsey. Generationen von Kindern erzählten sich Geschichten von einem unheimlichen Mann, der in verlassenen Gebäuden oder in den Wäldern der Insel hauste und Kinder verschleppte. Wie bei vielen Urban Legends änderten sich die Details von Erzähler zu Erzähler. Doch in den 1970er- und 1980er-Jahren verschwanden tatsächlich mehrere Kinder auf Staten Island. Damit begann die harmlose Lagerfeuergeschichte, sich mit realen Ängsten zu vermischen.

Im Mittelpunkt stand schließlich Andre Rand, ein ehemaliger Mitarbeiter der Willowbrook State School. Rand wurde wegen der Entführung zweier Mädchen verurteilt und mit weiteren Vermisstenfällen in Verbindung gebracht, ohne dass diese ihm gerichtlich nachgewiesen wurden. Die Dokumentarfilmer Joshua Zeman und Barbara Brancaccio machten aus der verstörenden Überschneidung von lokaler Legende, realen Verbrechen und kollektiver Erinnerung 2009 den Dokumentarfilm „Cropsey“.

Der Film machte die Legende weit über Staten Island hinaus bekannt – und führte zugleich zurück zu einem realen Ort, dessen Geschichte kaum weniger erschreckend ist.

Willowbrook: Der wahre Horror

Die Willowbrook State School war eine staatliche Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen. Konzipiert für rund 4.000 Bewohner, lebten dort Mitte der 1960er-Jahre etwa 6.000 Menschen. Berichte über katastrophale hygienische Bedingungen, Vernachlässigung und fragwürdige medizinische Praktiken lösten schließlich einen öffentlichen Skandal aus. Robert F. Kennedy bezeichnete Willowbrook nach einem Besuch 1965 als „Snake Pit“. Erst 1987 wurde die Einrichtung endgültig geschlossen.

Damit bekommt die Cropsey-Legende eine zusätzliche, unangenehme Dimension: Der Schrecken bestand nicht nur aus erfundenen Geschichten über einen Mann in den Wäldern. Auf Staten Island existierte tatsächlich eine Institution, in der schutzbedürftige Menschen über Jahre hinweg unter erschütternden Bedingungen leben mussten.

Die „Black Angels“ von Sea View

Nur wenige Kilometer entfernt liegt ein weiterer Ort mit einer außergewöhnlichen Geschichte: der historische Sea View Hospital-Komplex. Das Krankenhaus war einst eines der bedeutendsten Tuberkulose-Sanatorien der Vereinigten Staaten. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte jener afroamerikanischen Krankenschwestern, die später als „Black Angels“ bekannt wurden. In einer Zeit, in der Tuberkulose hoch ansteckend und häufig tödlich war und viele weiße Pflegekräfte die Arbeit mit TB-Patienten ablehnten, kamen zahlreiche schwarze Krankenschwestern nach Staten Island und übernahmen die Versorgung der Erkrankten. Der New York City Council würdigte ihre Arbeit ausdrücklich als einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Tuberkulose.

Die Geschichte verleiht dem weitläufigen Krankenhausgelände eine andere Art von Eindringlichkeit. Einige Gebäude werden bis heute medizinisch genutzt, andere erinnern an die Zeit des ehemaligen Sanatoriums. Rund um den Komplex entstanden zudem Geschichten über unterirdische Tunnel und angebliche Verstecke – Stoff genug für weitere Staten-Island-Legenden.

Doch die tatsächliche Geschichte der „Black Angels“ ist bemerkenswerter als jeder Spuk: Sie erzählt von Frauen, deren Beitrag zur Medizingeschichte lange kaum die Anerkennung erhielt, die er verdient.

Geister im alten Vaudeville-Theater

Zurück in St. George wartet eine weitere Bühne für die Geschichten von Staten Island. Das St. George Theatre öffnete am 4. Dezember 1929 als prachtvoller Vaudeville- und Filmpalast mit 2.800 Plätzen. Nach seiner Zeit als Kino begann in den späten 1970er-Jahren ein langer Niedergang. Versuche, das Gebäude als Rollschuhbahn, Antiquitätenmarkt oder Nachtclub zu nutzen, scheiterten. Jahrzehntelang stand das Theater weitgehend leer.

Als eine lokale Initiative das Gebäude 2004 vor dem Abriss rettete, war der Zustand dramatisch: Dächer und Decken waren beschädigt, Strom, Heizung und Klimaanlage funktionierten nicht mehr – und zu den wenigen Bewohnern gehörten tatsächlich Vögel und Waschbären. Seitdem wurde das Haus aufwendig restauriert und wieder zu einem wichtigen Veranstaltungsort Staten Islands.

Prunkvoller historischer Zuschauerraum des St. George Theatre auf Staten Island mit roten Sitzen, Logen und reich verzierten Wänden.
Das 1929 eröffnete St. George Theatre überstand Jahrzehnte des Niedergangs – und ist heute wieder einer der prachtvollsten Veranstaltungsorte Staten Islands © Julienne Schaefer / NYC Tourism + Conventions

Wo ein fast hundert Jahre altes Theater jahrzehntelang leer steht, sind Geistergeschichten natürlich nicht weit. Von unerklärlichen Schritten, flackernden Lichtern und Stimmen in verlassenen Räumen wird erzählt. Belegen lässt sich davon wenig. Aber auf Staten Island gehört manchmal gerade das Ungewisse zur Geschichte.

Vom größten Müllberg der Welt zum Naturpark

Kaum ein Ort zeigt den Wandel Staten Islands drastischer als Freshkills. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang wurde hier New Yorks Müll abgeladen. Als die Fresh Kills Landfill 2001 geschlossen wurde, galt sie als größte Mülldeponie der Welt. Heute entsteht auf dem Gelände eines der ambitioniertesten Renaturierungsprojekte New Yorks.

Der geplante Freshkills Park umfasst rund 2.200 Acre, knapp 900 Hektar, und ist damit fast dreimal so groß wie der Central Park. Feuchtgebiete werden restauriert, Graslandschaften entstehen neu und Tiere kehren zurück. Fischadler, die aus der Region nahezu verschwunden waren, brüten heute wieder auf dem Gelände.

In dieser neuen Landschaft bleibt die Vergangenheit allerdings präsent. Der ehemalige Müll liegt unter einem mehrschichtigen technischen Abdichtungssystem. Brunnen und Rohrleitungen sammeln Deponiegas, während das Sickerwasser separat aufgefangen und behandelt wird. Das gewonnene Gas wurde bislang zu Erdgasqualität aufbereitet und ins lokale Versorgungsnetz eingespeist; aufgrund sinkender Methankonzentrationen wird inzwischen die Stilllegung dieses Systems vorbereitet. Auch der Park selbst entsteht schrittweise. Mit North Park Phase 1 ist inzwischen ein weiterer Bereich öffentlich zugänglich; andere Teile können weiterhin nur im Rahmen bestimmter Programme und Veranstaltungen besucht werden.

Freshkills ist damit vielleicht das stärkste Symbol für Staten Island überhaupt: ein Ort, dessen Vergangenheit sich nicht einfach beseitigen lässt – der aber gerade daraus etwas Neues entstehen lässt. Und vielleicht lohnt es sich deshalb, bei der nächsten Fahrt mit der Staten Island Ferry nicht sofort wieder nach Manhattan zurückzufahren.

Blick von der Küste Staten Islands über alte Holzpfähle im Wasser auf die Verrazzano-Narrows Bridge zwischen Staten Island und Brooklyn.
Die Verrazzano-Narrows Bridge verbindet Staten Island mit Brooklyn und überspannt die historische Zufahrt zum New Yorker Hafen © Tagger Yancey IV / NYC Tourism + Conventions


RoadTrip-Info

Anreise: Die Staten Island Ferry verbindet Whitehall Terminal in Lower Manhattan mit St. George auf Staten Island. Die Überfahrt dauert rund 25 Minuten und ist kostenlos.

Fort Wadsworth: Teil der Gateway National Recreation Area; das Gelände ist täglich zugänglich, das Visitor Center hat eigene Öffnungszeiten.

Snug Harbor Cultural Center & Botanical Garden: Das Außengelände ist grundsätzlich ganzjährig von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet; Museen, Gärten und einzelne Attraktionen haben eigene Öffnungszeiten und Eintrittspreise.

Freshkills Park: Der Park befindet sich weiterhin im Ausbau. North Park Phase 1 sowie einige weitere Bereiche sind bereits zugänglich; für andere Teile werden Führungen und Veranstaltungen angeboten.

Weitere Informationen:Staten Island Ferry · ⁠Fort Wadsworth · ⁠Snug Harbor · ⁠Freshkills Park

Passagiere auf der Staten Island Ferry blicken bei Sonnenuntergang über den New Yorker Hafen auf die Freiheitsstatue.
Logenplatz inklusive: Auf der Fahrt zwischen Manhattan und Staten Island passiert die kostenlose Fähre die Freiheitsstatue mit bestem Blick vom Außendeck © Christopher Postlewaite / NYC Tourism + Conventions

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