Sterne, Streetfood, Nachhaltigkeit: Nordamerikas neue Michelin-Ära

1. Dez. 2025 | Allgemein, Highlight, Kanada, News, Tipp, USA

Es passiert gerade leise, aber unübersehbar: Die kulinarische Landkarte der USA und Kanadas wird neu gezeichnet – und zwar von einem Unternehmen, dessen Ursprünge nichts mit Essen zu tun hatten. Der Michelin Guide, einst als Serviceheft für Autofahrer gedacht, entfaltet in Nordamerika eine Dynamik, die selbst in Europa so kaum existiert. Neue Städte und Regionen kommen im Monatsrhythmus hinzu, die Zahl der ausgezeichneten Restaurants wächst spürbar, und die Kultur des Fine Dining – in den USA lange fragmentiert – wird plötzlich auf eine sichtbar einheitliche Bühne gehoben.

Doch diese Entwicklung sorgt auch für Stirnrunzeln. Während Feinschmecker*innen jubeln, fragen viele Branchenkenner: Wird das Michelin-System in Nordamerika inflationär? Werden zu viele Restaurants zu schnell ausgezeichnet? Und vor allem: Funktioniert das europäische Sternekonzept überhaupt in einem Land, dessen kulinarische Identitäten breiter, wilder und oft informeller sind als die klassischen Modelle der „Haute Cuisine“?

Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Grundprinzip – und darauf, warum die Michelin-Guide-Landschaft in den USA ganz anderen Regeln folgt als in Europa.

Kleine Gerichte aus einem Michelin-Restaurant in Nordamerika, angerichtet auf farbigen Tellern mit Weinbegleitung
Gerichte aus dem Restaurant Oleana in Boston © Brian Samuels Photography

Wie das System funktioniert – und warum es in den USA etwas anders tickt

Wenn ein Restaurant im Michelin Guide auftaucht, bedeutet das in jeder Region der Welt zunächst das Gleiche: Ein anonymer Michelin-Inspector hat dort gegessen, bewertet nach strengen fünf Kriterien (Zutatenqualität, Technik, Harmonie, persönliche Handschrift, Konsistenz) und den Besuch vollständig selbst bezahlt. Diese Regeln gelten in Paris genauso wie in New York oder Tokio.

Doch eine entscheidende Sache unterscheidet Europa von den USA: In Europa entscheidet Michelin, wo der Guide erscheint. In den USA entscheidet oft die Region.

Viele US-Bundesstaaten, Städte oder Tourismusorganisationen laden Michelin aktiv ein, den Guide einzuführen – teilweise inklusive finanzieller Vereinbarungen, Marketingkooperationen oder gemeinsamer Kommunikationsprojekte. Die Folge: Regionen, die sich gegen die Teilnahme entscheiden, tauchen gar nicht erst auf; Regionen, die investieren, erhalten eine Bühne. Das erklärt, warum Boston oder Philadelphia erst 2025 erstmals Michelin-Sterne erhielten, während Städte wie Atlanta, Miami oder Dallas sich innerhalb kürzester Zeit zu Michelin-Hotspots entwickelten.

Gleichzeitig führt dieses Modell zu einem ungewöhnlich breiten Spektrum an Michelin-Restaurants in den USA:

  • von High-End-Omakase-Menüs über mexikanische Traditionsküche
  • bis zu Barbecue-Legenden in Texas
  • und veganen Farm-to-Table-Konzepten wie Pietramala in Philadelphia  .

Der Michelin Guide USA ist damit nicht der exklusive Luxusführer, den viele europäische Reisende erwarten – sondern oft ein Kompass für authentische und regional verwurzelte Küche. Sterne, Bib Gourmand, Green Stars und Recommended-Kategorien reichen von experimenteller Fusion bis hin zum ikonischen Sandwich-Shop.

Zwei gefüllte Bao-Brötchen als Gericht aus einem Michelin-Restaurant in Nordamerika auf einem weißen Teller
Gefüllte Bao-Brötchen aus dem Michelin-Restaurant Pagu © Brian Samuels Photography

Warum der Michelin Guide plötzlich überall auftaucht

Seit 2022 beschleunigt sich die Expansion in ganz Nordamerika spürbar:

  • Florida (2022, erweitert 2025 und 2026)
  • Toronto & Vancouver (2022)
  • Mexiko (2024)
  • Québec (2024)
  • Texas (2024–2025)
  • Colorado (2023–2025)
  • American South (2025)
  • Boston (2025)
  • Philadelphia (2025) 
  • Und natürlich Kalifornien: Der MICHELIN Guide California existiert seit 2019 als bundesweiter Guide für die Golden State-Gastronomie und wurde zuletzt 2025 um mehrere neue Drei-, Zwei- und Ein-Sterne-Auszeichnungen erweitert. Mehrere Kalifornien-Restaurants, darunter neue 3-Sterne-Betriebe, Bib Gourmand-Adressen und nachhaltige grüne Sterne, zeigen die kulinarische Vielfalt an der Westküste. 

Die Botschaft ist deutlich: Michelin will Nordamerika vollständig abdecken – und die Regionen wiederum wissen, dass der Guide Besucherströme, Medienpräsenz und kulinarisches Renommee beeinflussen kann.

In einem Markt, in dem Food-Tourism zu den wachstumsstärksten Segmenten gehört, ist der Michelin Guide zugleich Marketinginstrument, Qualitätssiegel und wirtschaftlicher Hebel. Das zeigt auch das Beispiel der brandneuen „Northeast Cities“-Auswahl, zu der New York, Boston, Chicago, Washington, D.C. – und nun erstmals Philadelphia – gehören. Bei der Premiere im Musikzentrum von Philadelphia wurden drei Restaurants mit einem Stern ausgezeichnet, ein weiteres mit einem grünen Stern für Nachhaltigkeit und über 30 zusätzliche Adressen in die Auswahl aufgenommen  .

Für viele Städte bedeutet ein Einzug in den Guide:

  • höhere internationale Sichtbarkeit
  • Zuwachs an Wochenendtourismus
  • und ein spürbarer Boost für die lokale Gastronomiezene

Sterne, Bib Gourmand und Green Stars: Ein System mit vielen Ebenen

Während in Europa die Sterne meist im Fokus stehen, ist der Bib Gourmand in den USA fast genauso relevant. Die US-Küche ist geprägt von Vielfalt und zugänglichen Preispunkten – daher belohnt Michelin besonders gern authentische, preisbewusste Restaurants, die dennoch handwerklich sauber kochen.

Der Bib wurde 2025 in der Region Boston gleich mehrfach verliehen – darunter an italienische, chinesische und südostasiatische Lokalküchen, aber auch an innovative US-Lokale wie Fox & the Knife, Bar Volpe oder Jahunger. Genau dieses Spektrum macht den US-Michelin-Guide für Reisende so hilfreich: Er zeigt nicht nur „die teuersten“, sondern auch „die besten“ Restaurants einer Stadt – unabhängig vom Dresscode.

Die Green Stars wiederum – für nachhaltige und regionale Gastronomie – finden in den USA besonderen Anklang. Das vegane Restaurant Pietramala in Philadelphia erhielt 2025 einen der raren grünen Sterne, weil es ausschließlich Zutaten von unabhängigen Bio-Höfen aus der direkten Umgebung bezieht.

Die Einführung des Guides ist für viele Destinationen nicht nur ein kulinarisches Ereignis, sondern auch ein strategisches Signal. Das zeigt sich besonders in:

Texas

Texas positioniert sich als neue Food-Power-Region. Nach dem Debüt 2024 folgen 2025 neue Selektionen für Austin, Dallas, Fort Worth, Houston und San Antonio. Die texanische Mischung aus mexikanischen, südlichen, asiatischen und Barbecue-Einflüssen verleiht dem Guide eine ganz eigene Dynamik, die wenig mit klassischen französischen Vorbildern zu tun hat.

American South

Der brandneue Michelin Guide American South umfasst 2025 gleich mehrere Städte – von New Orleans über Charleston bis Memphis und Nashville. In seiner ersten Ausgabe erhielt New Orleans 32 Auszeichnungen, darunter mit Emeril’s das einzige Zwei-Sterne-Restaurant der gesamten Region.

Colorado

Colorado überrascht seit Jahren mit kreativer Bergküche und nachhaltigen Konzepten. 2025 erhält das Bundesland erstmals ein Zwei-Sterne-Restaurant und baut seine Stellung als Outdoor- und Gastronomie-Destination weiter aus.

Warum die Michelin-Expansion für Reisende eine gute Nachricht ist

Auch wenn Branchenkenner zurecht fragen, ob die Selektionen nicht zu schnell wachsen: Für Reisende ist die Entwicklung ein Gewinn. Denn der Guide bietet Orientierung – gerade in einem Land so groß und vielfältig wie den USA. Ob Wochenendtrip nach Boston, Roadtrip durch Texas oder ein Besuch in New Orleans: Der Michelin Guide zeigt, wo sich authentische Küche, kreative Köche und besondere Erlebnisse finden lassen.

Statt ein Symbol exklusiver Elite-Gastronomie zu sein, zeigt der Guide in Nordamerika zunehmend die kulinarische Realität des Landes: hochwertig, vielfältig, multikulturell und überraschend zugänglich.

Die folgende Übersicht des Jahres 2025 und der bereits angekündigten Neuerungen für 2026 zeigt, wie rasant sich die Nordamerika-Edition des Michelin Guides verändert – und warum diese Dynamik ausgerechnet jetzt stattfindet.



Michelin-Guides in Nordamerika 2025/2026: Ein Kontinent zwischen Dynamik, Vielfalt und kulinarischer Identität

Mit der Einführung neuer Guides im Monatsrhythmus präsentiert Michelin in Nordamerika derzeit ein Wachstumstempo, das selbst altgediente Gourmets überrascht. Neue Städte, neue Regionen, neue Partnerschaften – und eine exponentiell wachsende Zahl an Restaurants, die in den Guide aufgenommen werden. Während Europa traditionell flächendeckend mit Michelin-Abdeckungen versorgt ist, entsteht in Nordamerika ein Geflecht aus kulinarischen Knotenpunkten, die oft durch Kooperationen zwischen Tourismusorganisationen und Michelin ermöglicht werden.

Die Entwickler des Guides betonen zwar immer wieder, dass die Auswahl unabhängig und anonym erfolgt – doch die Dynamik ist unbestreitbar: Nordamerika wird in rasanter Geschwindigkeit zur zweiten großen Bühne des Michelin-Universums. Um diesen Trend zu verstehen, lohnt ein Blick auf jede Region, jeden neuen Guide und die Sterne, die 2025 vergeben wurden.

1. Northeast Cities: Die neue Super-Region des amerikanischen Nordostens

Der im November 2025 veröffentlichte MICHELIN Guide Northeast Cities ist ein Gamechanger. Er verbindet erstmals mehrere bedeutende kulinarische Zentren zu einer einzigen, umfassenden Region: New York City, Boston, Chicago, Washington D.C. – und nun erstmals Philadelphia.

Gruppenfoto bei der Michelin Guide Ceremony 2025 für die Northeast Cities mit ausgezeichneten Köchinnen und Köchen
Teilnehmende und Ausgezeichnete bei der Michelin Guide Ceremony 2025 für die Northeast Cities © PHLCVB

Diese Zusammenlegung zeigt deutlich, wie Michelin in den USA denkt: nicht in Ländern oder Bundesländern, sondern in Urban Clusters. Regionen, die durch Flugdichte, Medienpräsenz und touristische Attraktivität eng miteinander verbunden sind.

Boston: Eine Premiere mit Signalwirkung

Boston hat lange darum gekämpft, überhaupt im Michelin-Kosmos stattzufinden. 2025 war es so weit: Die Stadt ist nun Bestandteil der Northeast Cities-Auswahl – und startet gleich mit einer beachtlichen Bilanz.

1 Michelin-Stern

  • Three 1 One Omakase – japanisches Omakase, auf Präzision und Finesse ausgelegt.

Bib Gourmand

Unter anderem:

  • Bar Volpe
  • Fox & the Knife
  • Jahunger
  • Mahaniyom
  • Pagu
  • Sumiao Hunan Kitchen
Moderner Gastraum des Michelin-Restaurants Pagu in Boston mit offenen Bereichen und zeitgemäßem Design
Blick in den Gastraum des Michelin-Restaurants Pagu in Boston © Brian Samuels Photography

„MICHELIN Recommended“

Mehr als 20 weitere Adressen wurden ausgezeichnet, darunter:

  • Giulia
  • Neptune Oyster
  • Moeca
  • Asta
  • Nightshade Noodle Bar
  • Woods Hill Pier 4

Bostons Michelin-Premiere zeigt exemplarisch, wofür der Guide in den USA steht: breite Vielfalt, ethnische Küchen, kleiner Preis – aber große kulinarische Persönlichkeit.

Gemütlicher Innenraum des Michelin-Restaurants Thistle & Leek in Boston mit Bar und indicating seating
Innenansicht des Michelin-Restaurants Thistle & Leek in Boston © Brian Samuels Photography


2. Philadelphia: Premiere einer traditionsreichen Food-City

Philadelphia hat eine lange kulinarische Geschichte, doch erst 2025 schaffte die Stadt den Sprung in die Michelin-Sphäre. Bei der großen Zeremonie des „MICHELIN Guide Northeast Cities 2025“ feierte die Stadt ihre ersten Sterne – ein Meilenstein, der in der lokalen Presse und der Tourismusbranche enorme Aufmerksamkeit erzeugte.

Neben Boston debütierte der Michelin Guide 2025 auch in Philadelphia und zeichnete erstmals Restaurants der Stadt aus
Neben Boston feierte der Michelin Guide 2025 auch sein Debüt in Philadelphia © Michelin Guide

3 Michelin-Sterne (je 1 Stern)

  • Friday Saturday Sunday – moderne amerikanische Küche.
  • Her Place Supper Club – wöchentlich wechselndes Degustationsmenü, italienisch-französisch-jüdisch geprägt.
  • Provenance – koreanisch-französische Fusionküche der nächsten Generation.

1 Green Star

  • Pietramala – veganes Fine Dining aus Zutaten lokaler Bio-Höfe  .

10 Bib Gourmands

Vom Deli über modernisierte Südstaatenküche bis zu innovativen Streetfood-Konzepten.

Blick auf das Philadelphia Museum of Art mit Skyline von Philadelphia und dem Schuylkill River im Hintergrund
Philadelphia Museum of Art mit Skyline und Schuylkill River © PHLCVB

21 weitere Empfehlungen (Recommended)

Ein breites, niedrigschwelliges Angebot, das Philadelphias Identität abbildet: unkompliziert, weltoffen, handwerklich fokussiert. Gregg Caren, CEO des Philadelphia Convention and Visitors Bureau, nannte die Aufnahme einen „großen Erfolg für Philadelphia“, der internationale Aufmerksamkeit auf die Stadt zieht. Und das Timing ist kein Zufall: Im Jahr 2026 feiert Philadelphia u. a. die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung und ist Gastgeber der FIFA-WM-Spiele.

3. Der MICHELIN Guide American South (2025): Eine Region entdeckt ihre Vielfalt

Der neu eingeführte MICHELIN Guide American South ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Anders als in Europa, wo Regionen klar abgegrenzt sind, umfasst dieser Guide gleich mehrere Bundesstaaten und Städte:

  • New Orleans
  • Charleston
  • Greenville
  • Birmingham
  • Asheville
  • Memphis
  • Nashville
  • Atlanta

Der Süden ist kulinarisch heterogener als jede andere US-Region: kreolische Küche, Cajun, Soulfood, Barbecue, Appalachian Mountain Cuisine, Southern Modernism – und zunehmend internationale Einflüsse.

Skyline von Atlanta mit Blick über den Piedmont Park und einen bewaldeten Parksee im Vordergrund
Skyline von Atlanta über dem Piedmont Park mit See und Grünflächen ©

Die Stars des Südens

  • Emeril’s (New Orleans)2 Michelin-Sterne, das einzige Zwei-Sterne-Restaurant der gesamten Region. Moderne kreolische Küche, zeitgemäß interpretiert.
  • Saint Germain (Bywater) – 1 Stern
  • Zasu (Mid City) – 1 Stern
Koch Emeril Lagasse und sein Sohn E.J. Lagasse im Restaurant Emeril’s vor Backsteinwand und Porträt
Emeril Lagasse und sein Sohn E.J. Lagasse im Restaurant Emeril’s in New Orleans © Laura Steffan, Courtesy of Emeril’s

Bib Gourmand: 11 Restaurants in New Orleans

Darunter Kultadressen wie:

  • Cochon
  • Dooky Chase
  • Parkway Bakery and Tavern
  • Turkey and the Wolf
  • Mister Mao
  • Lufu Nola

18 Recommended-Restaurants

Ein Querschnitt durch die Südstaaten, wie er breiter kaum sein könnte. Die Einführung des Guides fällt zudem zeitlich mit der Ernennung New Orleans’ zur UNESCO Creative City of Music zusammen – ein deutliches Zeichen, dass Kultur, Musik und Essen im Süden untrennbar verbunden sind.

Barbereich des Restaurants Supperland mit gepolsterten Barhockern, Kronleuchtern und umfangreicher Spirituosenauswahl
Barbereich des Restaurants Supperland in Charlotte, North Carolina, für das Colleen Hughes den Michelin American South Exceptional Cocktails Award 2025 gewann © Kenty Chung

4. Texas (2025): Der Lone-Star-State wird zum Multi-Star-State

Texas ist derzeit der vielleicht spannendste kulinarische Hotspot der USA. Nach der Premiere 2024 legte der Guide 2025 sofort nach – und bewertet nun Restaurants in:

  • Austin
  • Dallas
  • Fort Worth
  • Houston
  • San Antonio
Parklandschaft in Houston mit Skyline im Hintergrund als Gastgeberstadt der Michelin Guide Texas Ceremony 2025
Houston mit Skyline und Parklandschaft als Gastgeber der Michelin Guide Texas Ceremony 2025 © MICHELIN Guide

Texas hat kulinarisch ein extrem breites Fundament:

  • mexikanische Küche und Tex-Mex
  • Barbecue-Kultur
  • koreanische und vietnamesische Einflüsse
  • eine schnell wachsende Farm-to-Table-Szene
Innenhof des Restaurants Máximo in Houston mit Brunnen, gedeckten Tischen und mediterranem Ambiente
Innenhof des Restaurants Máximo in Houston © Julie Soefer / Máximo

2024 gab es bereits 15 Sterne-Restaurants, 2025 kamen weitere hinzu. Michelin sieht in Texas eine Region mit „unterschätztem Innovationspotenzial“ – und tatsächlich gehört Houston zu den Städten mit den größten Neuzugängen.

Texas zeigt besonders deutlich, dass Michelin in den USA kein europäisches Fine-Dining-Korsett anlegt, sondern regionale Identität honoriert – sogar in Barbecue-Lokalen.

5. Südwesten der USA: Michelin kehrt mit Regionalmodell nach Las Vegas zurück

Mit der Ankündigung des neuen Michelin Guide Southwest schlägt Michelin ein neues Kapitel im amerikanischen Südwesten auf – und kehrt zugleich nach Las Vegas zurück. Die letzte eigenständige Las-Vegas-Ausgabe erschien 2009, damals mit 17 ausgezeichneten Restaurants. Seither hat sich die kulinarische Landschaft der Stadt grundlegend verändert.

Der neue Guide verfolgt bewusst einen regionalen Ansatz und umfasst neben Nevada auch Arizona, New Mexico und Utah. Damit reagiert Michelin auf die wachsende kulinarische Vielfalt außerhalb klassischer Metropolen und folgt einer Strategie, die bereits in anderen Teilen Nordamerikas umgesetzt wird.

Blick auf den Las Vegas Strip bei Nacht mit Bellagio Fountains, Hotels und beleuchteter Skyline in Nevada
Der Las Vegas Strip mit den Bellagio Fountains bei Nacht © LVCVA

Las Vegas nimmt innerhalb dieses Modells eine Schlüsselrolle ein. Die Stadt hat sich seit dem Ende der klassischen „Celebrity-Chef-Phase“ deutlich diversifiziert: Neben internationalem Fine Dining gewinnen chefgeführte Restaurants, kulturell geprägte Küchen und hochwertige Konzepte abseits des Strips an Bedeutung.

Die anonymen Michelin-Inspektoren sind bereits im gesamten Südwesten unterwegs. Die vollständige Auswahl – inklusive möglicher Sterne-, Bib-Gourmand- und Empfehlungsrestaurants – wird im Rahmen der Michelin Guide Southwest Ceremony 2026 vorgestellt.

Der Südwesten positioniert sich damit als nächste große Testregion für Michelin in den USA: weniger dicht besiedelt als Kalifornien, aber kulturell eigenständig, kulinarisch vielschichtig und touristisch strategisch relevant.

Logo des MICHELIN Guide Southwest 2026 mit Las Vegas als offizieller Destination Partner
Michelin Guide Southwest 2026 mit Las Vegas als Destination Partner © Michelin Guide

6. Kalifornien: Das Referenzmodell des Michelin Guide in Nordamerika

Kalifornien nimmt im Michelin-Kosmos eine Sonderrolle ein. Während viele Regionen erst seit Kurzem in den Guide aufgenommen werden, existiert der Michelin Guide California bereits seit 2019 als bundesstaatlicher Gesamtguide – und gilt heute als das am dichtesten und kontinuierlichsten bewertete Michelin-Territorium Nordamerikas.

Der Guide deckt den gesamten Bundesstaat ab: von der Bay Area über Napa und Sonoma, Los Angeles und Orange County bis nach San Diego. Damit ist Kalifornien bislang der einzige US-Bundesstaat mit einer vollständig integrierten Michelin-Abdeckung – ein Modell, das Michelin inzwischen auch in Florida anstrebt.

Außenbereich eines Michelin-ausgezeichneten Restaurants in Kalifornien mit modernem Design, Sitzgruppen und stimmungsvoller Beleuchtung
Kalifornien legte 2025 die Messlatte höher: Zwei Drei-Sterne-Restaurants wurden in die Auswahl aufgenommen © MICHELIN Guide

2025 wurde die Kalifornien-Auswahl erneut erweitert und geschärft. Besonders bemerkenswert:

Los Angeles etablierte sich endgültig als internationale Fine-Dining-Metropole mit mehreren Zwei- und Drei-Sterne-Restaurants. Gleichzeitig wächst die Zahl der Green Stars kontinuierlich – ein Spiegel der kalifornischen Vorreiterrolle bei nachhaltiger Landwirtschaft, regionalen Lieferketten und pflanzenbasierter Küche.

Kulinarisch steht Kalifornien für eine eigene Handschrift, die sich deutlich von europäischen Michelin-Traditionen unterscheidet:

  • starke Produktorientierung
  • enge Verbindung zu Farmen, Winzern und Fischereien
  • hohe Offenheit für internationale Einflüsse
  • weniger Formalität, mehr Ausdruck und Herkunft

Kalifornien zeigt exemplarisch, wie Michelin in Nordamerika funktioniert, wenn der Guide nicht nur entdeckt, sondern auch langfristig begleitet. Für viele neu aufgenommene Regionen dient der Golden State heute als Blaupause: wirtschaftlich, touristisch und kulinarisch.

Dass Sacramento 2025 Gastgeber der Michelin-Guide-California-Zeremonie war, unterstreicht zusätzlich die strategische Bedeutung des Bundesstaats im Michelin-System.

7. Colorado: Bergküche auf dem Weg nach oben

Colorado ist seit 2023 im Guide vertreten, wächst aber außergewöhnlich schnell. Die alpine Region ist geprägt von lokalen Produzenten, Wildkräutern, Saisonküche, experimenteller Vegetarikküche und nachhaltigen Konzepten. 2025 erhielt das Bundesland erstmals ein Zwei-Sterne-Restaurant, was Colorado endgültig zu einem ernstzunehmenden Player macht.

Terrassenbereich eines Michelin-ausgezeichneten Restaurants in Colorado mit gedeckten Tischen und modernem Design
Terrassenbereich eines Michelin-Restaurants in Colorado © MICHELIN Guide

Besonders auffällig:

  • Immer mehr Küchenchefs verwenden Zutaten aus den Rocky Mountains.
  • Nachhaltigkeit und Regionalität sind extrem stark.
  • Die Anzahl der Green Stars steigt überdurchschnittlich.

In Kombination mit Colorados Outdoor-Boom (Skifahren, Bergsport generell, Mountainbiken, etc.) entsteht eine der interessantesten Food-Destinations Amerikas.

8. Florida: Ein kulinarisches Comeback mit internationalen Ambitionen

Florida ist seit 2022 im Michelin-System – und erweitert sich jährlich.

Bisherige Regionen:

  • Miami
  • Orlando
  • Tampa
  • Fort Lauderdale
  • The Palm Beaches
  • St. Pete–Clearwater
Grafik zur Expansion des Michelin Guide 2025 in Florida mit neuen Städten wie Orlando, Fort Lauderdale und Palm Beaches
Der Michelin Guide erweitert 2025 seine Auswahl in Florida und nimmt mehrere neue Städte auf © MICHELIN Guide

2026 wird Florida sogar zum statewide Guide, einer umfassenden Abdeckung des Bundesstaats. Die Dynamik ist hoch, und die Vielfalt reicht von karibischer Küche bis zu Fusionsrestaurants mit südamerikanischen und asiatischen Einflüssen. Florida ist besonders wichtig für Reisende, weil es immer noch eine der meistbesuchten US-Destinationen ist – und der Michelin Guide hier eine echte Orientierung bietet, jenseits von Spring-Break- oder Theme-Park-Klischees.

9. Kanada im Michelin-Fieber: Toronto, Vancouver, Québec

Der Michelin Guide hat in Kanada eingeschlagen wie eine Bombe und verändert die Wahrnehmung kanadischer Städte weltweit.

Eleganter Innenraum eines Zwei-Sterne-Restaurants in Toronto mit modernem Design und offenem Küchenbereich
Innenraum eines Zwei-Sterne-Restaurants in Toronto © MICHELIN Guide

Toronto (seit 2022)

Etablierte sich schnell als kulinarische Großstadt mit globalen Einflüssen.

Thekenplatz mit Blick in die offene Küche eines Michelin-Restaurants in Vancouver mit klarer, minimalistischer Gestaltung
Thekenbereich eines Michelin-Restaurants in Vancouver © MICHELIN Guide

Vancouver (seit 2022)

Stark geprägt von asiatischer Küche, Pazifik-Fusion, nachhaltiger Fischerei und Pflanzenküche.

Belebter Gastraum eines Michelin-ausgezeichneten Restaurants in Québec mit modernem Interieur und warmem Licht
Gastraum eines Michelin-Restaurants in Québec © MICHELIN Guide

Québec (seit 2024)

Ein Highlight für Gourmets, da hier französisches Erbe, indigene Küche und moderne nordische Strömungen aufeinandertreffen.

Kanada hat von der Michelin-Arbeit enorm profitiert: internationale Medienresonanz, Anstieg des Food-Tourismus und eine Stärkung des kulinarischen Selbstverständnisses.

10. Mexiko: Die neue große Bühne des lateinamerikanischen Fine Dining

Mit dem Start in Mexiko setzt Michelin ein deutliches Statement: Die mexikanische Küche gehört zu den weltweit bedeutendsten – und soll nun auch im Guide sichtbar sein. Der Fokus liegt auf:

  • Mexiko-Stadt
  • Oaxaca
  • Guadalajara
  • Baja California

Hier entstehen derzeit die spannendsten gastronomischen Konzepte Nordamerikas.

Mexiko im Guide wird das Reiseverhalten beeinflussen – denn Food-Tourism ist einer der Hauptgründe für internationale Besucher.

Mexikanisches Hauptgericht im Michelin-empfohlenen Restaurant Voraz mit Fisch, Salsa, Zwiebeln und Limette
Gericht aus dem Restaurant Voraz in Mexiko-Stadt © Hane Garza

Die wachsende Rolle nachhaltiger Küche (Green Stars)

Der Green Star ist in Nordamerika besonders wirksam. Anders als in Europa ist Nachhaltigkeit für viele US-Restaurants ein Alleinstellungsmerkmal:

  • lokale Bauernhöfe
  • regenerative Landwirtschaft
  • Zero-Waste-Konzepte
  • urbane Farm-to-Table-Modelle

Beispiele:

  • Pietramala (Philadelphia) 
  • zahlreiche Restaurants in Colorado
  • innovative Gemüse- und Fischkonzepte in Vancouver

Der Green Star prägt die Wahrnehmung des Guides deutlich und spricht neue Zielgruppen an.

Salatgericht mit gebratenem Gemüse und pochiertem Ei aus einem Michelin-Restaurant in Nordamerika
Gericht aus dem Michelin-Restaurant Thistle & Leek in Boston © Brian Samuels Photography

Warum die Michelin-Ausweitung für Reisende so relevant ist

Für USA-Reisende – besonders aus Europa – ist der Michelin Guide extrem hilfreich:

  • Er entschärft die Angst vor teuren Fehlentscheidungen.
  • Er lenkt die Aufmerksamkeit auf lokale, authentische Küchen.
  • Er hilft bei der Planung von Roadtrips (z. B. Texas, Colorado, American South).
  • Er macht versteckte Neighborhoods sichtbar.
  • Er zeigt, dass gutes Essen in den USA nicht teuer, elitär oder exklusiv sein muss.

Besonders für Roadtrip-LeserInnen: Der Guide wird zur Navigationshilfe – ähnlich wie Nationalparks, Scenic Byways oder State Fairs.


Ein Kontinent im kulinarischen Umbruch

In ganz Nordamerika – USA, Kanada, Mexiko – entsteht derzeit eine neue kulinarische Topografie. Der Michelin Guide ist dabei weder bloß ein Marketingtool noch ein europäisches Prestigeinstrument. Er ist vielmehr ein Spiegel einer Region, die ihre Identität über Essen neu verhandelt:

  • multikulturell
  • innovativ
  • regional
  • zugänglich
  • dynamisch

Nie zuvor war es für Reisende so leicht, in einem so großen und vielfältigen Kontinent hervorragende Küche zu finden.

Nordamerika ist im Küchenaufbruch – und Michelin ist das Werkzeug, das diese Entwicklung sichtbar macht.

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