Iconic Roads: I-65 – Straße der Veränderung

8. Sep. 2026 | Allgemein, Highlight, Reiseberichte, USA

Während zum 100. Geburtstag der Route 66 fast ganz Amerika auf eine einzige legendäre Straße blickt, lohnt sich der Umweg auf eine Route, die sehr viel weniger berühmt ist – und vielleicht gerade deshalb mehr vom heutigen Land erzählt. Quasi von Chicago und dem Lake Michigan führt die Interstate 65 durch Indiana, Kentucky, Tennessee und Alabama bis nach Mobile. Wer dort noch ein Stück weiterfährt, erreicht die weißen Strände am Golf von Mexiko. Dazwischen verändern sich Landschaft, Musik, Küche und Geschichte beinahe mit jedem Fahrtag.

Abgenutztes Interstate-65-Schild als Straßenmarkierung auf dem Asphalt in den USA.
Die Interstate 65 verbindet den Mittleren Westen mit dem Süden der USA – und bildet die Hauptachse unseres Roadtrips von Chicago bis an den Golf von Mexiko © Wolfgang Greiner

Es gibt amerikanische Straßen, deren Nummer genügt, um Bilder hervorzurufen. Ganz besonders natürlich die Route 66: Neonreklamen, Motels, Diners, Wüste, Cadillac-Heckflossen. Im Jahr ihres 100. Geburtstags ist sie wieder allgegenwärtig. Aber dann gibt es da noch einen Highway, dessen Nummer rein zufällig sogar einen Zähler früher kommt: die 65.

Allerdings: Kein Song hat den Highway mit der Nummer 65 zum Mythos gemacht, und kaum ein europäischer USA-Reisender dürfte seinen Verlauf auswendig kennen. Dabei durchquert die Interstate 65 auf ihrem Weg von Gary im Norden Indianas nach Mobile in Alabama einen erstaunlich vielfältigen Ausschnitt der Vereinigten Staaten. Und wenn man ihre beiden Enden für einen Roadtrip ein wenig verlängert, wird daraus eine beinahe perfekte Nord-Süd-Reise: vom Ufer des Lake Michigan in Chicago bis zu den Stränden von Gulf Shores am Golf von Mexiko. Auch Visit the USA erzählt die Route inzwischen unter genau diesem Gedanken als „Lake Shores to Gulf Shores“.

Wegweiser zur Interstate 65 sowie zu den Tennessee State Routes 52 und 109.
Immer der 65 nach: Wegweiser zur Interstate 65 in Tennessee © Wolfgang Greiner

Die I-65 selbst ist allerdings keine hundert Jahre alt. Das Interstate-System, wie wir es heute kennen, erhielt durch den Federal-Aid Highway Act von 1956 Finanzierung, Standards und einen entscheidenden Ausbauimpuls. Gerade darin liegt vielleicht der interessantere Gegensatz zur Route 66: Während die historische Fernstraße für ein Amerika steht, das wir inzwischen nostalgisch verklären, gehört die Interstate zu jenem Verkehrsnetz, das das Land in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tatsächlich veränderte. Vielleicht ist die 65 deshalb gerade die richtige Straße, um sich im Jubiläumsjahr auf die Suche nach einem anderen Amerika zu machen. Sie führt nicht durch eine einheitliche Landschaft und folgt keinem einzigen Mythos. Sie verbindet Regionen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Ihre Gemeinsamkeit ist der Wandel.

Wo der See wie ein Meer aussieht

Am Anfang steht Wasser. Von den Ufern des Michigansees aus wirkt Chicago weniger wie der Ausgangspunkt einer Reise durch das Herzland Amerikas, sondern eher wie eine Stadt am Meer. Sandstrände liegen zwischen Hochhäusern, Radfahrer und Jogger folgen kilometerweit dem Seeufer, draußen ziehen Segelboote über ein Wasser, dessen gegenüberliegende Küste hinter dem Horizont verschwunden ist. Noch ist Amerika hier dicht und vertikal. Glas, Stahl und Verkehr bestimmen das Bild. In kaum einer anderen amerikanischen Stadt lässt sich zudem so gut nachvollziehen, wie Architektur ganze Epochen sichtbar macht: vom Chicago der frühen Wolkenkratzer bis zu den Hochhäusern der Gegenwart.

Lies hier mehr zu Chicago auf Roadtrip: Chicago: Skyline, Pizza und Proteste

Blick vom 360 Chicago auf die Strände und das türkisfarbene Wasser des Lake Michigan.
Lake Shore Drive, Stadtstrände und scheinbar endloses Wasser: Chicago am Lake Michigan ist der Ausgangspunkt unseres Roadtrips entlang der I-65 © Wolfgang Greiner

Dann geht es hinaus aus der Stadt, südöstlich um das Ende des Sees herum und nach Indiana. Die eigentliche I-65 beginnt hier, in Gary. Für einen Roadtrip lohnt es sich allerdings, ihren Anfang zunächst links liegen zu lassen und noch ein Stück weiter dem Lake Michigan nach Osten zu folgen. Im Indiana Dunes National Park ziehen sich Sanddünen, Wälder, Feuchtgebiete und Strände am Seeufer entlang. Der National Park Service bezeichnet Indiana Dunes aktuell als einen der biologisch reichsten Nationalparks; mehr als 1.100 einheimische Pflanzenarten kommen dort vor. 

Central Avenue Beach am Lake Michigan bei Sonnenuntergang im Indiana Dunes National Park.
Dünen, Sandstrand und Lake Michigan: Die Central Avenue Beach zeigt die ruhige Seite des Indiana Dunes National Park vor den Toren Chicagos © NPS/Victoria Stauffenberg

Hinter einem Dünenkamm kann Chicago plötzlich sehr weit entfernt wirken. Dann biegt die Straße nach Süden ab.

Gummies, Kühe und die neue Landwirtschaft

Wer Interstate fährt, sollte sich nie zu schade für einen Zwischenstopp sein, dessen Bedeutung sich erst auf dem Parkplatz erschließt. In Merrillville ist das beispielsweise die Albanese Confectionery. Berge von Gummies und Schokolade sind vielleicht kein kulturhistorischer Höhepunkt, aber sie gehören zu jener etwas überdimensionierten Konsumfreude, ohne die ein amerikanischer Roadtrip unvollständig wäre. Und sie erfüllen eine wichtige Regel: Ein guter Zwischenstopp muss nicht immer vernünftig sein.

Familie beim Probieren von Süßigkeiten im Albanese Candy Factory Outlet in Merrillville, Indiana.
Süßer Auftakt für den Roadtrip: Im Albanese Candy Factory Outlet in Merrillville warten Gummibärchen, Schokolade und andere Süßigkeiten aus eigener Produktion © Indiana Destination Development Corporation

Weiter südlich wird es ländlicher. Silos stehen neben Feldern, der Horizont wird breiter und irgendwann liegt praktisch direkt neben der Interstate eine Farm, die eher wie ein Themenpark aussieht. Fair Oaks Farms erzählt davon, wie sehr sich die Landwirtschaft verändert hat. Besucher können die moderne Milch- und Schweineproduktion kennenlernen, sich mit dem Pflanzenbau beschäftigen, Käse kaufen oder im Restaurant essen. Dahinter steckt aber ein interessanterer Gedanke: Landwirtschaft wollte hier nicht länger eine Welt sein, an der Reisende nur mit 70 Meilen pro Stunde vorbeifahren. Mitgründer Mike McCloskey erklärte einmal den Ausgangspunkt des Projekts mit einem einfachen Satz: „Our story of agriculture was not getting told.“ Genau deshalb begann Fair Oaks, Besucher hineinzulassen.

Das Albanese Candy Factory Outlet in Merrillville gehört zu den ungewöhnlicheren Stopps nahe der I-65 im Nordwesten Indianas. Das Familienunternehmen Albanese ist vor allem für seine Gummibärchen und andere Fruchtgummis bekannt, produziert aber auch Schokolade und zahlreiche weitere Süßigkeiten. Durch seine Lage nahe dem nördlichen Ende der I-65 bietet sich der Factory Store als früher Zwischenstopp auf dem Weg von Chicago Richtung Süden an.
Landwirtschaft zum Anfassen – und Probieren: Fair Oaks Farms direkt an der I-65 verbindet Einblicke in moderne Farmwirtschaft mit Käse, Eis und anderen Produkten aus eigener Herstellung © Indiana Destination Development Corporation

Für eine Reise auf der I-65 passt das erstaunlich gut. Denn auch das ländliche Amerika entlang der Interstate ist längst nicht mehr nur jenes romantisierte Land aus roten Scheunen und Maisfeldern. Moderne Agrartechnik, Energieproduktion, Tierhaltung und Tourismus greifen ineinander. Der Wandel findet nicht nur in den Städten statt.

Peanut Butter auf dem Burger

Etwas weiter südlich, in West Lafayette, sollte man Hunger haben. Das Triple XXX Family Restaurant serviert seit 1929 Burger, Root Beer und Frühstück am Tresen und gilt als das älteste Drive-in in Indiana. Seine berühmteste Kreation ist der Duane Purvis All-American Burger: Rindfleisch, Käse und – zur Irritation vieler Erstbesucher – Erdnussbutter. Das klingt nach einer Mutprobe, ist aber vor allem ein Stück Roadside Americana, wie man es sich für eine Strecke dieser Art wünscht. Ein paar Barhocker, Root Beer im Glas und ein Gericht, das außerhalb Indianas kaum jemand vermisst hätte, bis er es probiert.

Triple XXX Family Restaurant in West Lafayette, Indiana, mit historischem Diner-Innenraum und orange-schwarzer Fassade.
Ein Stück amerikanische Diner-Geschichte: Das Triple XXX Family Restaurant in West Lafayette serviert seit Generationen Burger und Root Beer © Indiana Destination Development Corporation

Mit jedem dieser Stopps verändert sich auch der Geschmack der Reise. Noch werden Burger und Frozen Custard serviert. Weiter südlich werden Bourbon, Hot Chicken, Barbecue, Pekannüsse, geräucherte Würste und schließlich Seafood hinzukommen. Man könnte die I-65 notfalls nur mit Hunger als Navigationssystem fahren.

Skyline von Downtown Indianapolis am White River mit Brücke und Spiegelungen im Wasser.
Indianapolis am White River: Indianas Hauptstadt ist einer der wichtigsten urbanen Stopps auf dem Roadtrip entlang der I-65 © Visit Indy

Indianapolis und das Auto

Indianapolis ist die erste große Stadt nach Chicago und beinahe zwangsläufig mit dem Automobil verbunden. Der Indianapolis Motor Speedway liegt westlich von Downtown und gehört zu jenen Orten, deren Dimension man erst versteht, wenn man davorsteht. Das Indianapolis 500 machte die Stadt zu einem der großen Namen der Motorsportwelt. Aber ausgerechnet hier lässt sich auch sehen, wie amerikanische Städte versuchen, Teile ihres Zentrums wieder für Menschen statt ausschließlich für Autos zu gestalten. Der Indianapolis Cultural Trail verbindet Innenstadtviertel, Kulturangebote und öffentliche Kunst auf einer rund 17 Kilometer langen Route, die sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden lässt.

IndyCar-Rennwagen beim Indianapolis 500 auf der Start-Ziel-Linie des Indianapolis Motor Speedway.
Motorsport-Ikone in Indiana: Das Indianapolis 500 lockt jedes Jahr Hunderttausende Fans zum Indianapolis Motor Speedway © Penske Entertainment

Die Indiana Avenue führt in eine andere Geschichte. Während der Segregation entwickelte sich das Viertel zu einem wichtigen Zentrum schwarzer Unternehmen, Nachtclubs und Musik. Jazzmusiker spielten hier, Geschäfte entstanden, und eine eigene kulturelle Infrastruktur wuchs heran. Die Stadt des großen Autorennens erzählt damit längst mehr als nur von Geschwindigkeit.

Indianapolis Cultural Trail mit Blick entlang der Indiana Avenue auf die Skyline von Downtown Indianapolis.
Auf zwei Rädern durch Indianapolis: Der Cultural Trail verbindet Stadtviertel, Kulturangebote und Sehenswürdigkeiten rund um Downtown © ComplexRational

Und dann wartet südlich von Indianapolis einer der überraschendsten Umwege der gesamten Reise.

Warum steht hier ein Saarinen?

Columbus, Indiana, hat knapp 50.000 Einwohner. Und Gebäude von Eero Saarinen, Eliel Saarinen, I. M. Pei, Kevin Roche und anderen Namen, bei denen Architekturstudenten normalerweise in Großstädte pilgern. Die Geschichte dahinter beginnt mit dem Unternehmer J. Irwin Miller und dem Motorenhersteller Cummins. Miller war überzeugt, dass gute Architektur die Qualität einer Stadt verändern könne. Die Cummins Foundation erklärte sich deshalb ab den 1950er-Jahren bereit, bei öffentlichen Bauprojekten die Architektenhonorare zu übernehmen – vorausgesetzt, die Auftraggeber wählten einen Planer aus einer Liste renommierter Architekten. So entstanden Schulen, Kirchen, Bibliotheken und öffentliche Gebäude, die Columbus zu einem der ungewöhnlichsten Architekturorte der USA machten. Eine Geschichte über Miller bringt diese Haltung wunderbar auf den Punkt. Als für seine Gemeinde über einen historisierenden Kirchenbau gesprochen wurde, soll er seiner Mutter entgegnet haben: „We are not gothic or early American.“ Also entstand etwas Neues.

North Christian Church in Columbus, Indiana, mit markantem Spitzdach und hohem Kirchturm.
Architektur statt Kleinstadtidylle: Die von Eero Saarinen entworfene North Christian Church gehört zu den Ikonen der Architekturstadt Columbus in Indiana © Carol M. Highsmith, Public Domain

Columbus ist damit beinahe die ideale Stadt für diese Route. Nicht weil sie ihre Vergangenheit besonders gut konserviert hätte, sondern weil sie irgendwann beschloss, dass Veränderung gestaltet werden kann. Und nach Saarinen und Pei wartet ein paar Blocks weiter Zaharakos. Der historische Soda Fountain serviert Eisbecher, Shakes und Floats in einer Umgebung, in der selbst ein mechanisches Orchestrion von 1908 noch zum Inventar gehört. Moderne Architektur und ein Sundae unter alten Lampen: Mehr Roadtrip braucht Columbus eigentlich nicht.

Historische Theke im Zaharakos Ice Cream Parlor in Columbus, Indiana, mit Kellnerin und Root Beer Float.
Eine Zeitreise mit Eis und Root Beer: Zaharakos serviert in Columbus seit 1900 amerikanische Soda-Fountain-Nostalgie © Jeff Hart, Creative Commons

Über den Ohio in ein anderes Amerika

Spätestens am Ohio River verändert sich die Reise erneut. Auf der anderen Seite liegt Kentucky und mit Louisville eine Stadt, deren Identität erstaunlich viele amerikanische Erzählungen miteinander verbindet. Churchill Downs steht für das Kentucky Derby, der riesige Baseballschläger vor dem Slugger Museum ist kaum zu übersehen, und das Muhammad Ali Center erinnert an einen der berühmtesten Söhne der Stadt.

Louisville Slugger Museum, Muhammad Ali Center und Interstate 65 auf dem Weg nach Louisville, Kentucky.
Baseball, Boxlegende und Interstate: Das Louisville Slugger Museum und das Muhammad Ali Center gehören zu den bekanntesten Stationen in Louisville © Wolfgang Greiner

Ein paar Blocks weiter beginnt Whiskey Row, wo hinter historischen Fassaden wieder Destillerien, Bars und Restaurants eingezogen sind. Auch am Fluss wurde alte Infrastruktur neu interpretiert. Über die Big Four Bridge fuhren einst Züge. Heute spazieren und radeln Menschen über den Ohio nach Indiana.

Beleuchtete Big Four Bridge über dem Ohio River bei Louisville in der Abenddämmerung.
Abends leuchtet die Big Four Bridge über dem Ohio River – die ehemalige Eisenbahnbrücke verbindet heute Louisville in Kentucky mit Jeffersonville in Indiana © Wolfgang Greiner

Doch spätestens südlich von Louisville sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, eine Interstate-Reise müsse auf der Interstate stattfinden. Die I-65 ist das Rückgrat. Die Geschichten liegen häufig ein paar Meilen daneben. Bardstown ist einer dieser Umwege. In den Hügeln rund um die Kleinstadt beginnt Bourbon Country, wo Whiskey in großen Lagerhäusern über Jahre hinweg in Eichenfässern reift. Ganz in der Nähe liegt der Bernheim Forest, in dessen Wäldern gewaltige Figuren des dänischen Künstlers Thomas Dambo zwischen den Bäumen auftauchen. Und wer noch etwas weiter abschweift, gelangt zum Abraham Lincoln Birthplace National Historical Park bei Hodgenville. Gerade im Jahr des 250-jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten gewinnt ein solcher Abstecher zusätzliches Gewicht.

Historisches Bardstown in Kentucky und Hinweisschild zum Abraham Lincoln Birthplace an der Interstate 65.
Kentucky abseits der Interstate: Bardstown lockt mit historischem Zentrum, wenig später weist die I-65 den Weg zum Geburtsort Abraham Lincolns © Wolfgang Greiner

Dann gibt es Kentucky Stonehenge bei Munfordville – eine jener Sehenswürdigkeiten, die vermutlich nur deshalb existieren, weil irgendwann jemand entschieden hat, dass Kentucky sein eigenes Stonehenge braucht. Chester Fryer sammelte über Jahre hinweg große Steine aus der Umgebung und arrangierte sie auf seinem Grundstück zu seiner persönlichen Version des prähistorischen Originals. Eine ausführlichere Erklärung ist möglicherweise gar nicht nötig.

Unter Kentucky

Ein paar Ausfahrten später verschwindet Amerika unter der Erde. Der Mammoth Cave National Park schützt das längste bekannte Höhlensystem der Welt. Mehr als 426 Meilen, rund 686 Kilometer, an Gängen wurden inzwischen vermessen – und immer wieder kommen neue hinzu. Von außen ist davon kaum etwas zu ahnen. Wälder bedecken die sanften Hügel, der Green River windet sich durch das Tal, Wanderwege folgen den Höhenzügen. Doch darunter liegt ein Labyrinth, das Menschen seit Tausenden von Jahren betreten. Das ist vielleicht eines der schönsten Motive der Reise: Wer nur auf die Straße schaut, verpasst eine ganze Welt.

Eingangsschild des Mammoth Cave National Park in Kentucky in herbstlicher Waldlandschaft.
Unter Kentuckys grünen Hügeln verbirgt sich eine andere Welt: Der Mammoth Cave National Park schützt das längste bekannte Höhlensystem der Erde © NPS

Bei einer Höhlentour verschwindet irgendwann das Tageslicht, die Temperatur sinkt und die Dimensionen verändern sich. Hallen öffnen sich, schmale Passagen führen tiefer in den Kalkstein, und irgendwo darunter fließt Wasser durch ein System, dessen vollständige Ausdehnung noch niemand kennt. Danach wirkt selbst die Interstate für einige Minuten beinahe hell und übersichtlich.

Höhlenräume und geführte Laternentour im Mammoth Cave National Park in Kentucky.
Abstieg in Kentuckys Unterwelt: Ranger führen Besucher durch die gewaltigen Höhlenräume von Mammoth Cave und bei Laternentouren durch die Great Onyx Cave © NPS

Corvette Country

In Bowling Green taucht ein vollkommen anderes amerikanisches Symbol auf. Seit 1981 werden hier Chevrolet Corvettes gebaut. Gleich neben der Interstate erzählt das National Corvette Museum die Geschichte eines Sportwagens, dessen Mythos kaum von der amerikanischen Idee der offenen Straße zu trennen ist. 1994 eröffnet, wurde das Museum zwanzig Jahre später selbst Teil einer bemerkenswerten Geschichte, als unter dem Skydome plötzlich der Boden einbrach und acht Corvettes in einem Sinkhole verschwanden. Selbst die Corvette lernte hier also etwas über Kentuckys Karstlandschaft. Heute gehört die Geschichte des Einsturzes zum Museum. Draußen rauscht die I-65 vorbei und wenige Kilometer entfernt reicht eines der größten Höhlensysteme der Erde unter die Landschaft. Auto und Geologie liegen erstaunlich nah beieinander.

National Corvette Museum in Bowling Green, Kentucky, aus der Luft mit zahlreichen Corvettes vor dem Museum.
Amerikanische Sportwagen-Ikone: Das National Corvette Museum in Bowling Green liegt nur wenige Minuten von der I-65 entfernt © Ryan Eichler/National Corvette Museum

Die Reise erhält einen Soundtrack

Südlich von Bowling Green nähert sich Tennessee. Nashville kündigt sich zunächst durch mehr Verkehr an. Dann erscheint die Skyline und aus einer Fahrt durch ländliches Amerika wird Music City. Country ist dabei nur das bekannteste Etikett. In der Stadt wird jeden Abend auf unzähligen Bühnen gespielt: Honky-Tonks am Broadway, kleine Songwriter-Clubs, Studios, Arenen und historische Säle.

Skyline von Downtown Nashville mit dem markanten AT&T Building und Brücke über den Cumberland River.
Nächster großer Stopp an der I-65: Nashville verbindet die Skyline einer boomenden Metropole mit der Musikgeschichte von Music City © Wolfgang Greiner

Das Country Music Hall of Fame and Museum erzählt einen Teil dieser Geschichte, das National Museum of African American Music einen anderen. Und über allem liegt derzeit auch die Erinnerung an Dolly Parton, die am 25. August 2026 im Alter von 80 Jahren starb: Tennessee will den Nashville International Airport nach der Country-Ikone benennen, während ihr neues SongTeller Hotel ihr Vermächtnis bereits mitten in Downtown sichtbar macht – und dort im Oktober mit „Dolly’s Life of Many Colors“ die weltweit größte Ausstellung zu ihrem Leben und ihrer Karriere eröffnen soll.

Country Music Hall of Fame and Museum in Downtown Nashville, Tennessee.
Ein Pflichtstopp für Musikfans: Die Country Music Hall of Fame in Downtown Nashville erzählt die Geschichte der Country Music und ihrer großen Stars © Wolfgang Greiner

Spätestens jetzt bekommt die Reise einen Soundtrack. Und der verändert sich weiter.

Interaktive Dolly-Parton-Installation bei einer Backstage-Tour durch die Grand Ole Opry in Nashville.
Begegnung mit einer Country-Ikone: Bei der Backstage-Tour durch die Grand Ole Opry wird Dolly Parton als interaktive Projektion lebendig © Wolfgang Greiner

Eine Autobahn bekommt Geschichte

Bevor Tennessee endet, lohnt es sich, der Straße selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Am 15. November 1958 wurde bei Ardmore, unmittelbar an der Grenze zu Alabama, ein 1,8 Meilen langer Abschnitt der I-65 eröffnet. Es war das erste Stück Interstate, das in Tennessee für den Verkehr freigegeben wurde. Die Strecke wirkt heute unspektakulär. Genau das macht sie interessant. Millionen Autofahrer rollen inzwischen über ein Straßensystem, das so selbstverständlich zum amerikanischen Alltag gehört, dass man seine revolutionäre Wirkung leicht vergisst. Interstates verkürzten Reisezeiten, veränderten Handelswege und ließen neue Hotels, Tankstellen, Restaurants und ganze Gewerbegebiete an ihren Ausfahrten entstehen. Gleichzeitig zerschnitten neue Stadtautobahnen bestehende Viertel und veränderten Innenstädte auf eine Weise, deren Folgen vielerorts bis heute diskutiert werden. Die I-65 ist deshalb nicht nur die Bühne dieser Reise. Sie ist selbst Teil der Geschichte.

Historische Luftaufnahme der Interstate 65 bei Ardmore, Tennessee, aus dem Jahr 1958.
Die I-65 in ihren Anfangsjahren: Historische Luftaufnahme der neuen Interstate bei Ardmore in Tennessee im Jahr 1958 © Public Domain

Alabama klingt plötzlich anders

Hinter der Staatsgrenze verändert sich zunächst erstaunlich wenig. Doch schon im Norden Alabamas öffnen sich links und rechts der I-65 zwei vollkommen unterschiedliche Welten. Wer genügend Zeit hat, kann nach Westen in Richtung Florence und Muscle Shoals fahren. Dort entstanden Aufnahmen, die Musikgeschichte schrieben – von Aretha Franklin und Wilson Pickett bei FAME bis zu den Rolling Stones im Muscle Shoals Sound Studio. Soul, Rhythm & Blues, Country und Rock liefen hier ineinander.

„Welcome to City of Muscle Shoals“-Schild mit dem Schriftzug „Hit Recording Capital of the World“ vor einem historischen Wohnwagen in Alabama.
Eine kleine Stadt mit riesiger Musikgeschichte: Muscle Shoals in Alabama nennt sich selbstbewusst „Hit Recording Capital of the World“ © Art Meripol/Alabama Tourism Department

Östlich der Interstate steht Huntsville dagegen für einen vollkommen anderen Sound der Moderne. Im U.S. Space & Rocket Center ragen Raketen in den Himmel, und die Stadt, deren Wirtschaft einst stark von Baumwolle und Textilien geprägt war, entwickelte sich zu einem Zentrum der amerikanischen Raumfahrt und Technologie. Beide Abstecher kosten Zeit. Beide erzählen aber genau das, worum es auf dieser Reise geht: Amerika bleibt nie lange dasselbe. Eine Tatsache, die gerade heutzutage Hoffnung weckt.

Raketen und Space Shuttle Pathfinder im U.S. Space & Rocket Center in Huntsville, Alabama.
Von Muscle Shoals zur „Rocket City“: Im U.S. Space & Rocket Center in Huntsville erzählen Raketen und Raumfahrzeuge von Alabamas wichtiger Rolle in der amerikanischen Raumfahrt © Alabama Tourism Department

… und schmeckt plötzlich anders

Hinter der Staatsgrenze verändert sich, wie gesagt, zunächst erstaunlich wenig. Doch schon bald verdichten sich die Geschichten. Und bald wird klar: kaum irgendwo auf dieser Reise liegen Essen, Musik, Industriegeschichte, Bürgerrechtsbewegung und Roadside Americana so dicht beieinander wie in Alabama.

Smoked Chicken Sandwich mit Alabama White Sauce in Decatur, Alabama.
Sieht nach wenig aus, ist aber ein Klassiker der regionalen BBQ-Küche: Smoked Chicken mit der für Nordalabama typischen Alabama White Sauce in Decatur © Sirsendu Mohanta

Ein erster lohnender Umweg führt nach Decatur, wo der Eisenbahnarbeiter Bob Gibson Anfang der 1920er-Jahre begann, an den Wochenenden Hühner in seinem Garten zu grillen. 1925 entstand daraus Big Bob Gibson Bar-B-Q – und mit ihm eine der ungewöhnlichsten Spezialitäten des Staates: eine weiße Barbecue-Sauce aus Mayonnaise, Essig und Gewürzen, die auf den ersten Blick fast so wirkt, als hätte jemand versehentlich zur falschen Flasche gegriffen. Gibson verwendete sie für geräuchertes Hühnchen, das nach dem Garen darin getaucht wurde. Heute gehört Alabama White Sauce zu den charakteristischen kulinarischen Eigenheiten des Bundesstaates. Big Bob Gibson Bar-B-Q feierte 2025 sein hundertjähriges Bestehen.

Von Deep Dish Pizza in Chicago über Peanut-Butter-Burger in Indiana und Bourbon in Kentucky sind wir inzwischen ziemlich weit gekommen. Und der Süden hat gerade erst angefangen zu kochen.

Ein Bayer baut sich seine Welt in Alabama

In Cullman lohnt sich der nächste Abstecher schon allein wegen seines Erbauers. Brother Joseph Zoettl wurde 1878 in Landshut, Bayern, geboren und kam als Jugendlicher in die Vereinigten Staaten. Im Benediktinerkloster St. Bernard Abbey in Alabama verbrachte er einen großen Teil seines Lebens mit einer Tätigkeit, die zunächst wenig mit seinem eigentlichen Klosteralltag zu tun hatte: Er baute Miniaturen. Aus Beton, Steinen, Glas, Muscheln und Fundstücken entstanden schließlich 125 kleine Bauwerke. Kirchen, Heiligtümer, Jerusalem, Rom – und Fantasiearchitektur, wie sie vermutlich nur entstehen kann, wenn jemand über Jahrzehnte unbeirrt an seiner eigenen Welt arbeitet.

Miniaturbauten der Ave Maria Grotto auf dem Gelände der St. Bernard Abbey in Cullman, Alabama.
Eine kleine Welt aus Stein und Beton: In der Ave Maria Grotto in Cullman schuf Benediktinermönch Joseph Zoettl über Jahrzehnte Miniaturen berühmter Bauwerke und religiöser Stätten © AlabamaSouthern/Wikimedia

Heute bilden diese Arbeiten die Ave Maria Grotto. Für deutsche Reisende ist der Ort gerade deshalb besonders reizvoll: Mitten in Alabama begegnet man einer erstaunlich kleinen Parallelwelt, die von einem Mann aus Niederbayern geschaffen wurde. Der Interstate hätte man einen solchen Umweg kaum zugetraut.

Nächtlicher Blick über die beleuchtete Skyline von Downtown Birmingham, Alabama.
Birmingham bei Nacht: Alabamas größte Metropole ist eine der zentralen Stationen auf dem Roadtrip entlang der I-65 © Matt Glascock

Birmingham: Wo Veränderung weh tat

Dann kommt Birmingham. Hier bekommt das Leitmotiv dieser Reise ein völlig anderes Gewicht. Kohle, Eisenerz und Kalkstein ließen die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts so schnell wachsen, dass sie den Beinamen „Magic City“ erhielt. Stahlwerke und Hochöfen bestimmten die Wirtschaft und das Stadtbild. Bei den Sloss Furnaces stehen die gewaltigen Anlagen noch heute – nicht mehr als arbeitendes Hüttenwerk, sondern als Industriedenkmal. Auch das ist Transformation.

Leuchtende Neonreklame des historischen Alabama Theatre in Downtown Birmingham.
Birminghams große Bühne seit 1927: Die leuchtende Neonreklame des historischen Alabama Theatre gehört zu den Wahrzeichen der Innenstadt © Art Meripol

Doch Birmingham bestand nie nur aus Stahl. In Downtown erinnert das 1927 eröffnete Alabama Theatre an eine ganz andere Epoche der Stadt. Der opulente ehemalige Stummfilmpalast trägt noch heute den Beinamen „Showplace of the South“, und seine mächtige Wurlitzer-Orgel aus dem Eröffnungsjahr kommt bei Filmvorführungen und Konzerten weiterhin zum Einsatz. Nur wenige Blocks entfernt bekommt die Geschichte der Stadt allerdings ein sehr viel ernsteres Gewicht.

Skulpturen zur Bürgerrechtsbewegung im Kelly Ingram Park vor der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama.
Erinnerungsort der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: Im Kelly Ingram Park in Birmingham erzählen Skulpturen von den Protesten des Jahres 1963 © Chris Granger/Alabama Tourism Department

Rund um die 16th Street Baptist Church, den Kelly Ingram Park und das Birmingham Civil Rights Institute liegen einige der bedeutendsten Schauplätze des amerikanischen Civil Rights Movement so dicht beieinander, dass man sie zu Fuß erreichen kann. Im Frühjahr 1963 demonstrierten schwarze Einwohner gegen die Segregation in der Stadt. Die Polizei setzte Hunde ein und versuchte, die Demonstrierenden, darunter viele Kinder und Jugendliche, mit Hochdruck-Feuerwehrschläuchen zu vertreiben. Die Bilder gingen durch die Vereinigten Staaten und um die Welt.

Gospelchor der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, in roten Chorgewändern.
Gospel in einem geschichtsträchtigen Gotteshaus: Der Chor der 16th Street Baptist Church in Birmingham, einem zentralen Ort der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung © Meg McKinney/Alabama Tourism Department

Martin Luther King Jr. wurde während der Proteste verhaftet. Im Gefängnis schrieb er seinen berühmten „Letter from Birmingham Jail“. Darin steht ein Satz, der weit über Birmingham hinausging: „Injustice anywhere is a threat to justice everywhere.“ Am 15. September desselben Jahres explodierte in der 16th Street Baptist Church eine Bombe. Vier Mädchen wurden getötet. Eine Straße der Veränderung muss auch von solchen Veränderungen erzählen. Und davon, dass Fortschritt selten so geradlinig verläuft wie eine Interstate.

Gedenktafel zu Martin Luther King Jr.s „Letter from Birmingham Jail“ vor dem Birmingham Police Department in Alabama.
In Birmingham schrieb Martin Luther King Jr. 1963 seinen berühmten „Letter from Birmingham Jail“ – heute erinnert eine Gedenktafel vor dem Police Department daran © BakedintheHole/Wikimedia

Montgomery: Von der Konföderation zum Civil Rights Movement

Nur rund anderthalb Fahrstunden weiter südlich liegt Montgomery. 1861 wurde die Stadt zur ersten Hauptstadt der Konföderierten Staaten von Amerika. Weniger als hundert Jahre später wurde sie zu einem der entscheidenden Ausgangspunkte der Bürgerrechtsbewegung.

Historische Gedenktafel zu Rosa Parks und dem Montgomery Bus Boycott in Montgomery, Alabama.
Ein Wendepunkt der Bürgerrechtsbewegung: In Montgomery erinnert eine Gedenktafel an Rosa Parks und den Busboykott, der 1955 nach ihrer Verhaftung begann © Ron Cogswell, Creative Commons

Im Dezember 1955 weigerte sich Rosa Parks hier, ihren Sitzplatz auf Anweisung des Busfahrers für einen weißen Fahrgast freizugeben. Der anschließende Montgomery Bus Boycott dauerte mehr als ein Jahr und machte einen jungen Pastor namens Martin Luther King Jr. zu einer national bekannten Stimme. Zehn Jahre später endete auf den Stufen des Alabama State Capitol der Marsch von Selma nach Montgomery. Dort formulierte King ein Ziel, das sich auch heute fast erschreckend zeitlos liest: „The end we seek is a society at peace with itself.“

Historischer Montgomery-Stadtbus, in dem Rosa Parks 1955 die Aufgabe ihres Sitzplatzes verweigerte, im Henry Ford Museum.
Der Bus, der Geschichte schrieb: In diesem Montgomery-Stadtbus weigerte sich Rosa Parks 1955, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast aufzugeben – heute steht er im Henry Ford Museum in Chicago © Wolfgang Greiner

Heute lässt sich diese Geschichte an vielen Orten der Stadt nachvollziehen. Das Rosa Parks Museum gehört dazu, ebenso die Dexter Avenue King Memorial Baptist Church. Besonders eindringlich sind jedoch die Einrichtungen der Equal Justice Initiative. Das Legacy Museum, das National Memorial for Peace and Justice und der Freedom Monument Sculpture Park setzen Sklaverei, Lynchjustiz, Segregation und moderne Ungleichheit in einen größeren historischen Kontext. Es ist kein leichter Halt. Aber ohne ihn wäre diese Reise unvollständig.

Jetzt wird die Interstate selbst zur Speisekarte

Hinter Montgomery verändert sich das Tempo wieder. Die großen Städte liegen zunächst hinter uns, und entlang der I-65 beginnt eine Abfolge von Orten, die kaum jemand als Hauptziel einer USA-Reise auswählen würde. Für einen Roadtrip sind sie gerade deshalb perfekt. In Fort Deposit erzählt Priester’s Pecans eine Geschichte, die fast archetypisch für amerikanische Roadside Businesses ist. Das Unternehmen entstand 1935 aus einer Tankstelle, an der Lee Priester Pekannüsse an Reisende verkaufte. Aus dem kleinen Nebengeschäft wurde über die Jahrzehnte ein Unternehmen, dessen Produkte weit über Alabama hinaus verschickt werden.

Mitarbeiter am Ausgabefenster von Real Pit Bar-B-Q in Greenville, Alabama.
Barbecue ohne Schnickschnack: Ein weiteres Highlight ist das Real Pit Bar-B-Q in Greenville, bei dem Pulled Pork, Ribs und andere BBQ-Klassiker direkt aus einem kleinen Walk-up-Kiosk neben der I-65 serviert werden © Art Meripol/Alabama Tourism

Weiter südlich wartet Greenville. Die Geschichte des Bates House of Turkey beginnt 1923 mit neun Truthahneiern, die die Urgroßeltern der heutigen Betreiberfamilie als Hochzeitsgeschenk erhielten. Daraus entwickelte sich eine Farm. Als 1970 die I-65 eröffnet wurde, eröffnete die Familie auch ihr Restaurant direkt an der neuen Straße. So etwas kann man nicht erfinden. Die Interstate brachte Reisende, die wiederum Hunger mitbrachten, und plötzlich gehörte ein Turkey Sandwich zur Infrastruktur einer neuen Verkehrsachse.

Noch etwas weiter südlich wird der nächste Stopp bereits durch den Geruch angekündigt.

Exit 96 riecht nach Hickory

Evergreen ist eine kleine Stadt. Wer die I-65 fährt, kennt sie möglicherweise trotzdem – wegen Conecuh Sausage. Das Familienunternehmen entstand 1947 und räuchert seine Würste bis heute über Hickory-Holz. Sein Factory Store liegt direkt an Exit 96. Dort werden nicht nur Kühlboxen mit Würsten beladen; Würste liegen auch auf dem Grill und können gleich vor Ort gegessen werden. Spätestens hier hat sich die Reise auch kulinarisch vollständig in den Süden verschoben. Chicago Deep Dish ist eine gefühlte Ewigkeit her. Das Root Beer aus Indiana ebenfalls. Jetzt riecht die Interstate nach Holzrauch.

Conecuh Sausage aus Alabama als gegrillte Wurst im Brötchen mit Senf und Ketchup.
Kultwurst aus Alabama: Conecuh Sausage stammt aus Evergreen unweit der I-65 und gehört für viele im Süden fest zur regionalen Küche

Wer noch einen weiteren musikalischen Umweg sucht, kann Richtung Georgiana fahren. Dort verbrachte Hank Williams einen Teil seiner Kindheit. Damit schließt sich ein Bogen, der die gesamte Route begleitet: vom Blues und Jazz des Nordens über Nashville und Muscle Shoals bis hin zu einem der einflussreichsten Country-Musiker der amerikanischen Geschichte. Je weiter wir nach Süden kommen, desto weniger scheint Musik entlang dieser Reise überhaupt eine einzelne Stilrichtung zu sein. Sie wird zur Geografie.

Hank Williams’ Boyhood Home in Georgiana, Alabama, mit historischem Hinweisschild vor dem weißen Holzhaus.
Bevor er zum Star in Nashville wurde, lebte Hank Williams in diesem Haus in Georgiana – heute erinnert ein Museum an die frühen Jahre der Country-Legende © Art Meripol/Alabama Tourism

Wo die Interstate ans Wasser kommt

Dann verändert sich die Landschaft ein letztes Mal. Die Luft wird feuchter, die Vegetation und das Licht wirken südlicher. Flüsse und Feuchtgebiete durchziehen die Gegend, bis schließlich Mobile auftaucht. Hier endet die eigentliche I-65. Aber bevor es an den Strand geht, lohnt sich ein Halt, der die historische Linie der Reise noch einmal bis weit hinter Birmingham und Montgomery zurückführt.

Historische Häuser in Downtown Mobile, Alabama, mit dem RSA Battle House Tower im Hintergrund.
Farbenfrohe Fassaden, historische Architektur und moderne Skyline: Downtown Mobile markiert das südliche Ende der Interstate 65 © Tad Denson/MyShotz.com

In Africatown erzählt das Heritage House die Geschichte der Clotilda, des letzten bekannten Schiffs, das versklavte Afrikaner illegal in die Vereinigten Staaten brachte. 1860, mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem die Einfuhr versklavter Menschen verboten worden war, erreichte die Clotilda die Mobile Bay. An Bord befanden sich 110 Menschen aus Westafrika. Nach dem Bürgerkrieg und ihrer Befreiung gründeten einige der Überlebenden eine eigene Community, die später Africatown genannt wurde. Das Wrack der Clotilda wurde 2019 identifiziert.

Wandgemälde der Clotilda, des letzten bekannten Sklavenschiffs der USA, in Mobile, Alabama.
Das Wandgemälde der Clotilda erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Mobiles – und an die Menschen, die 1860 illegal mit dem Schiff nach Alabama verschleppt wurden © Andi Martin/Alabama Tourism

Entscheidend ist, wie diese Geschichte heute erzählt wird. Die Ausstellung beginnt nicht mit dem Sklavenschiff. Sie beginnt in Westafrika. Kuratorin Meg McCrummen Fowler erklärt den Gedanken dahinter: „We wanted to start our story where their story starts.“ Die Menschen sollen zunächst als jene Individuen sichtbar werden, die sie waren, bevor sie versklavt wurden. Fowler formuliert noch einen anderen Gedanken, der fast für diese gesamte Reise gelten könnte: „Things that take up space in the physical landscape, eventually take up space in the cultural landscape.“ Straßen gehören dazu.

Mobile – und noch lange nicht am Ziel

Mobile selbst verdient mehr als eine Übernachtung auf dem Weg zum Strand. Die Hafenstadt trägt französische, spanische, britische, afrikanische und amerikanische Schichten in sich. Alte Viertel liegen unter mächtigen Eichen, maritime Geschichte trifft auf eine lebendige Food-Kultur und während New Orleans seinen Mardi Gras weltberühmt gemacht hat, wird in Mobile gern darauf hingewiesen, dass die Tradition hier älter ist.

Nächtliche Dauphin Street in Downtown Mobile mit historischen Fassaden und beleuchteter Skyline.
Ein Hauch von New Orleans – und doch war Mobile zuerst: Die Hafenstadt feierte bereits 1703 Mardi Gras und gilt als Heimat der ältesten organisierten Mardi-Gras-Tradition der USA © Wolfgang Greiner

Schon bei der Anfahrt über die Mobile Bay steht zudem eines der auffälligsten Relikte amerikanischer Militärgeschichte am Wasser. Die USS Alabama, ein im Zweiten Weltkrieg eingesetztes Schlachtschiff, sollte Anfang der 1960er-Jahre eigentlich verschrottet werden. Stattdessen holte der Bundesstaat die „Mighty A“ nach Mobile und eröffnete 1965 den Battleship Memorial Park. Heute können Besucher nicht nur das riesige Kriegsschiff, sondern auch das U-Boot USS Drum und weitere militärhistorische Exponate besichtigen.

Museumsschiff USS Alabama im Battleship Memorial Park an der Mobile Bay in Alabama.
Geschichte in XXL: Das Schlachtschiff USS Alabama liegt heute als Museumsschiff im Battleship Memorial Park an der Mobile Bay © Visit Mobile

Doch für unseren Roadtrip markiert Mobile einen anderen besonderen Moment: Die I-65 ist hier offiziell zu Ende. Unsere Reise aber noch nicht. Man könnte jetzt umdrehen oder nach Hause fliegen. Aber nach all den Kilometern vom Lake Michigan bis hierher wäre das fast absurd, denn eine gute Stunde weiter südlich liegt der Golf von Mexiko. Also weiter.

Zwei Kajakfahrer auf der Mobile Bay mit der Skyline von Mobile und dem RSA Battle House Tower im Hintergrund.
Stadt trifft Natur: Kajakfahrer erkunden die Feuchtgebiete der Mobile Bay mit der Skyline von Mobile am Horizont © Tad Denson/MyShotz.com

Wenn aus dem Highway eine Küstenstraße wird

Wer Zeit hat, sollte nicht die schnellste Verbindung wählen. Ein Abstecher nach Dauphin Island führt hinaus auf eine Barriereinsel an der Mobile Bay. Vögel nutzen sie auf ihren Zugrouten, Strände ziehen sich entlang der Küste und am östlichen Ende erinnert Fort Gaines an die militärische Geschichte der Bucht. Von Dauphin Island lässt sich die Mobile Bay mit der Autofähre überqueren. Auf der anderen Seite wartet Fort Morgan, das seit dem 19. Jahrhundert die Einfahrt zur Bucht bewacht; von dort folgt man der Küste weiter Richtung Gulf Shores. Weiße Sandstrände ziehen sich entlang des Wassers, Pelikane fliegen über die Küste, Boote verschwinden in Richtung Horizont.

Adirondack-Stühle auf der Terrasse der Lodge at Gulf State Park mit Blick auf Dünen und den Golf von Mexiko in Gulf Shores, Alabama.
Am Ziel der Reise: Von der Lodge at Gulf State Park reicht der Blick über die Dünen bis zum Golf von Mexiko – der entspannte Schlusspunkt unseres Roadtrips entlang der I-65 © Coleman Concierge

Doch auch hier wäre es schade, nur am Strand liegen zu bleiben. Der Gulf State Park reicht mit Seen, Dünen, Küstenwald und Feuchtgebieten weit ins Hinterland. Mehr als 45 Kilometer des Hugh S. Branyon Backcountry Trail erschließen diese Landschaft zu Fuß oder mit dem Rad – und nur wenige Minuten vom Strand entfernt kann plötzlich ein Alligator neben dem Weg liegen.

Wer nach all der Geschichte dieser Reise noch ein letztes Stück Roadside Americana sucht, fährt weiter Richtung Florida State Line. Dort steht seit 1964 das Flora-Bama, halb Strandbar, halb Musikclub und längst eine Institution der Golfküste. Der Name ist wörtlich zu nehmen: Das Roadhouse liegt unmittelbar an der Grenze zwischen Alabama und Florida. Livemusik gehört ebenso dazu wie Austern und jener leicht anarchische Golfküstengeist, der kaum weiter entfernt sein könnte vom Hochhaus-Amerika am Ausgangspunkt dieser Reise.

Eingang des legendären Flora-Bama an der Grenze von Alabama und Florida bei Perdido Key.
Genau auf der Grenze: Das rustikale Flora-Bama ist seit 1964 eine Institution an der Golfküste zwischen Orange Beach in Alabama und Perdido Key in Florida © Wolfgang Greiner

Man kann Kajak fahren, angeln, mit Delfinen hinausfahren – oder schließlich doch einfach Schuhe und Autoschlüssel im Hotelzimmer liegen lassen. Nach all den Städten, Farmen, Höhlen, Musikstudios, Kirchen, Museen, Barbecue-Restaurants und Interstate-Ausfahrten ist Nichtstun plötzlich eine ziemlich gute Aktivität.

Chicago scheint nun sehr weit entfernt.

Von Lakeshore zu Seashore

Vielleicht versteht man erst hier, warum die I-65 keine zweite Route 66 sein muss. Ihr fehlen die endlosen Reihen historischer Motels und Neonreklamen, die jeder bereits aus Filmen kennt. Sie besitzt keinen einheitlichen Mythos und wahrscheinlich wird niemand einen Song schreiben, in dem sich Indianapolis, Mammoth Cave, Birmingham und Evergreen elegant reimen. Ihre Stärke ist etwas anderes.

Interstate 65 bei Nacht mit Lichtspuren des Verkehrs und der beleuchteten Skyline von Nashville im Hintergrund.
Die I-65 führt mitten hinein nach Music City: Nächtlicher Verkehr vor der beleuchteten Skyline von Nashville. Auch die I-65 kann leuchten! © Cessna86/Wikimedia Commons, Public Domain

Am Lake Michigan beginnt die Fahrt zwischen Wolkenkratzern und Stadtstränden. Dann kommen die Dünen Indianas, Farmland und Indianapolis, moderne Architektur in einer unerwarteten Kleinstadt und Root Beer an einem Tresen von 1929. Hinter dem Ohio warten Bourbon und Höhlen, Corvettes und Nashville, White Barbecue Sauce und ein bayerischer Mönch, der mitten in Alabama seine eigene Miniaturwelt erschuf.

Dünen und Sandstrand an der Kemil Beach im Indiana Dunes National Park am Lake Michigan.
Der eine große See dieser Reise: Dünen und Strand an der Kemil Beach im Indiana Dunes National Park am Lake Michigan © NPS/Victoria Stauffenberg

Noch weiter südlich führt dieselbe Straße durch Orte, an denen Menschen die Vereinigten Staaten verändert haben – Birmingham und Montgomery – und schließlich nach Mobile, wo Africatown eine Geschichte bewahrt, die bis zur Sklaverei zurückreicht und zugleich von der Fähigkeit einer Gemeinschaft erzählt, nach der Befreiung etwas Eigenes aufzubauen.

Auch auf dem Teller lässt sich die Strecke verfolgen: von Chicago Pizza über Burger und Bourbon bis hin zu Hot Chicken, Barbecue, Pekannüssen, Turkey, Hickory-geräuchertem Sausage und schließlich Shrimps und Austern am Golf. Und der Soundtrack wechselt gleich mit: Blues, Jazz, Country, Soul, Rhythm & Blues, Rock. Vielleicht verändert die Musik sogar ein wenig die Art, wie man fährt.

Die I-65 verbindet all diese Dinge nicht deshalb, weil sie zusammengehören. Sie verbindet sie, weil eine Straße quer durch Amerika zwangsläufig durch verschiedene Amerikas führt. Genau darin liegt ihr Reiz. Während die Route 66 ihren hundertsten Geburtstag feiert und wieder einmal von einer vergangenen Ära erzählt, zeigt diese Reise, dass der amerikanische Roadtrip längst nicht nur von Nostalgie lebt. Manchmal ist die spannendere Straße jene, die nicht ständig zurückblickt.

Wellen am Sandstrand des Gulf State Park in Gulf Shores, Alabama, bei Sonnenuntergang.
Vom Lake Michigan bis zum Golf von Mexiko: Am Strand des Gulf State Parks in Gulf Shores erreicht unser Roadtrip entlang der I-65 sein südliches Ziel © Chris Granger

Nach mehr als 1.500 Kilometern, dank zahlloser Umwege – die eigentliche I-65 von Gary bis Mobile ist ungefähr 1.430 Kilometer lang –, endet die Reise schließlich so, wie sie begonnen hat. Am Wasser. Nur dass aus dem Lake Michigan inzwischen der Golf von Mexiko geworden ist. Aus Lakeshore wurde Seashore. Und dazwischen hat sich beinahe alles verändert – so wie sich dieses Land immer wieder verändert hat und weiter verändern wird. Bei jedem Besuch, mit jedem Blick. Manches bewahrt es, anderes lässt es hinter sich, vieles erfindet es neu. Vielleicht gehört gerade die Gewissheit, dass Amerika nie auf Dauer so bleibt, wie man es gerade vorfindet, zu den schönsten Gründen, immer wieder zurückzukehren.

Fahrt auf der Interstate 65 über die General W.K. Wilson Jr. Bridge nördlich von Mobile, Alabama.
Auf der I-65 über den Mobile River: Die markanten Stahlbögen der General W.K. Wilson Jr. Bridge begleiten Autofahrer kurz vor Mobile © formulanone/Wikimedia Commons

Info: Roadtrip entlang der Interstate 65

Route: Von Chicago am Lake Michigan über Indiana, Kentucky und Tennessee nach Alabama und weiter bis Gulf Shores am Golf von Mexiko. Die I-65 beginnt in Gary, Indiana, und endet in Mobile, Alabama.

Highlights: Indiana Dunes National Park, Indianapolis, Architekturstadt Columbus, Louisville, Mammoth Cave National Park, Bowling Green mit National Corvette Museum, Nashville, Muscle Shoals, Birmingham, Montgomery, Mobile und die Strände von Gulf Shores.

Gesamtroute: Rund 1.500 Kilometer von Chicago bis Gulf Shores. Für eine Reise mit mehreren Stopps sollte man mindestens 10 bis 14 Tage einplanen.

Weitere Informationen:
⁠• Visit the USA – United Stories / Lake Shores to Gulf Shores
⁠• Visit Indiana
⁠• Kentucky Tourism
⁠• Tennessee Tourism
⁠• Alabama Tourism

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