Wer bei New York nur an die Wolkenkratzer der gleichnamigen Metropole denkt, sollte sich auf den Weg machen: zu überraschend vielfältigen Landschaften, wilder Natur und Gärten, die von Künstlern zu begehbaren Kunstwerken gestaltet wurden.
INHALT
- North Salem: Vom Big Apple zu echten Äpfeln
- Millbrook: Ein Garten, der den Blick lenkt
- Hyde Park: Geschichte wächst weiter
- Hyde Park: Eine Pionierin hinter der Mauer
- Mohonk Mountain House: Warum fährt man eigentlich weg?
- Saratoga Springs: Die Quellen von Saratoga
- Olana: Wenn die Landschaft selbst zum Kunstwerk wird
- Aurora: Als die Seen noch Straßen waren
- Corning: Eine kleine Stadt mit großer Wirkung
- Corning Glass Museum: 3.500 Jahre und ein ziemlich heißer Werkstoff
- Keuka Lake: Der Geschmack eines Jahres
- Letchworth State Park: Natur für alle
- Letchworth State Park: Abendessen mit Wasserfall – und Ballonfahrt
- Buffalo: Noch einmal Stadt – aber anders
- Ein anderes New York
- Reiseinfos
Es ist eine Zukunft, die inzwischen ziemlich alt geworden ist. Weiße Betonbögen schwingen sich über tiefrote Teppiche, breite Fensterfronten geben den Blick auf das Vorfeld frei und durch lange, röhrenförmige Gänge gelangten einst Passagiere zu ihren Flugzeugen. Als Eero Saarinen 1962 am heutigen John F. Kennedy International Airport das TWA Flight Center eröffnete, verkörperte es die Aufbruchsstimmung des Jetzeitalters. Fliegen war glamourös; die Welt schien kleiner zu werden, und New York war eines ihrer großen Tore. Heute starten die Flugzeuge nebenan von einem der geschäftigsten Flughäfen der USA, während Saarinens Terminal als TWA Hotel weiterlebt. Die Architektur hat nichts von ihrer Wirkung verloren. Man möchte ständig irgendwo stehen bleiben, nach oben schauen, durch eine der geschwungenen Öffnungen gehen oder sich vorstellen, wie es hier ausgesehen haben muss, als TWA noch mit Lockheed Constellations und später mit Boeing 707 um die Welt flog.

Manhattan liegt nur wenige Kilometer entfernt. Normalerweise wäre es das selbstverständliche Ziel nach einer Landung am JFK. Wir aber fahren am nächsten Morgen in die andere Richtung. Das andere New York beginnt erstaunlich schnell. Der Verkehr lichtet sich, Vororte gehen in kleinere Orte über, Waldstücke werden größer, Farmen tauchen auf. Unsere Reise führt durch das Hudson Valley und weiter über Saratoga Springs zu den Finger Lakes, bevor sie ganz im Westen des Bundesstaats an der tiefen Schlucht des Genesee River endet. Dazwischen liegen Obstgärten und Weinberge, historische Landsitze, Seen und Wasserfälle – vor allem aber Landschaften, die seit Generationen von Menschen genutzt, gestaltet, gemalt, geschützt und immer wieder neu interpretiert werden.

Vom Big Apple zu echten Äpfeln
Dass unser erster Halt ausgerechnet auf einer Apfelfarm liegt, ist fast ein wenig zu passend. Auf dem Harvest Moon Farm & Orchard in North Salem wachsen auf den Hügeln rund um den Hof unzählige Apfelbäume. Was vor gut einem Jahrzehnt als Farm unter neuen Eigentümern begann, ist inzwischen auch ein Agritourismusbetrieb: Im Sommer und Herbst kommen Besucher zum Selberpflücken, am Wochenende gibt es Live-Musik, Pizza und Food Trucks, und im Herbst dreht sich vieles um Äpfel und Cider. Der wird hier nicht nur ausgeschenkt, sondern auch produziert. Die Äpfel werden gepresst, der Saft vergoren, anschließend gekühlt, gefiltert und je nach Sorte weiterverarbeitet. Knapp 38.000 Liter Hard Cider entstehen nach Angaben unseres Guides jährlich – inzwischen genug, dass der Produktionsraum allmählich zu klein wird. Die Basis bildet ein trockener Cider, aus dem Varianten mit Hopfen, roter Bete oder zusätzlichem frischem Apfelsaft entstehen.

Dass Landwirtschaft hier nicht zur hübschen Kulisse für Wochenendausflügler geworden ist, zeigt sich spätestens beim Essen. Küchenchef Gabe Sather stellt kleine Burger auf den Tisch, deren Rindfleisch von den eigenen, ausschließlich grasgefütterten Rindern stammt, dazu Grilled Cheese mit Gruyère, Äpfeln, Zwiebeln und scharfer Paprikamarmelade, einen Salat mit Birnen und natürlich jene in Zimtzucker gewälzten Cider Donuts, ohne die ein Herbsttag im Nordosten der USA kaum vollständig scheint. Was gerade nicht auf der eigenen Farm wächst, versucht man aus New York oder von anderen Farmen der Region zu beziehen.

Der „Big Apple“ ist nun endgültig weit weg. Stattdessen geht es darum, welche Apfelsorte den besten Biss hat. Gabe schwört auf Snapdragon, knackig und ein wenig süß. Honeycrisp hat sich wiederum nicht ohne Grund durchgesetzt: süß, knackig, unkompliziert. Selbst ein Apfel wird hier plötzlich zum Ausdruck einer Landschaft. Noch ahnen wir allerdings nicht, dass uns wenige Kilometer weiter ein Ort erwartet, an dem die Landschaft tatsächlich zum Kunstwerk wird.
Ein Garten, der den Blick lenkt
Wer Innisfree Garden zum ersten Mal betritt, sollte vielleicht eines gerade nicht tun: nach dem großen Aussichtspunkt suchen. Es gibt ihn nicht. Oder genauer: Es gibt sehr viele davon, nur kündigt sich keiner als solcher an. Ein Weg verschwindet zwischen Bäumen, irgendwo taucht Wasser auf, Felsen rahmen plötzlich einen Ausschnitt des Sees ein. Dann öffnet sich der Blick, um wenige Schritte später wieder zu verschwinden. Hinter der nächsten Kurve verändert sich der Maßstab erneut.
Kate Kerin arbeitet seit Jahren als Landschaftsarchitektin an unterschiedlichsten Projekten im Nordosten der USA. Doch Innisfree, erzählt die Landscape Curator bei unserem Rundgang, habe etwas mit ihr gemacht, das andere Gärten nicht geschafft hätten. „This garden speaks to me in a way that others haven’t yet.“

Mit rund 75 Hektar ist Innisfree groß genug, um sich darin zu verlieren. Und genau das gehört zum Konzept. Seine Geschichte beginnt mit Walter und Marion Beck, die hier im frühen 20. Jahrhundert ihren Landsitz aufbauten. Walter Beck war Künstler. Die zunächst angelegten englischen Gärten erschienen ihm jedoch irgendwann als falsche Antwort auf die unregelmäßige, felsige Landschaft des Hudson Valley. Entscheidenden Einfluss hatten schließlich die chinesische Landschaftsmalerei und die Idee, einen großen Garten nicht als ein einziges Panorama, sondern als Folge in sich geschlossener Bilder zu erleben. Beck nannte diese kleinen Räume „Cup Gardens“. Manche werden durch Felsen begrenzt, andere durch Pflanzen, Wasser oder Geländeformen. Sie können winzig sein oder sich scheinbar bis zum Horizont öffnen. Der Landschaftsarchitekt Lester Collins, der ab Ende der 1930er-Jahre mit den Becks arbeitete und Innisfree über Jahrzehnte weiterentwickelte, verband sie zu einer Landschaft, die weniger wie eine Abfolge klassischer Gartenbeete als vielmehr wie eine Choreografie wirkt.

Kerin beschreibt es mit einem ungewöhnlich schönen Bild: „I think of the space as kind of breathing.“ Der Garten zieht sich zusammen und öffnet sich wieder. Der Blick wird fokussiert, schweift in die Ferne, verliert sich und findet einen neuen Anker. Kerin vergleicht das mit Meditation: Gedanken wandern ab, man holt sie zurück. In Innisfree übernimmt die Landschaft einen Teil dieser Arbeit. „The garden is doing it for you.“ Das klingt zunächst fast esoterisch. Beim Gehen versteht man ziemlich schnell, was sie meint. Eine dichte Wand aus Weißkiefern und Sträuchern scheint den Weg zu begrenzen. Was man nicht sieht: Nur wenige Meter dahinter liegt der See. Werden größere Gehölze entfernt, öffnet sich aus dem vermeintlich geschlossenen Grün wieder ein langer Blick über das Wasser. An anderer Stelle genügt es, eine Fläche einmal im Jahr zu mähen, damit krautige Pflanzen die Oberhand über Gehölze behalten. Farne, Seggen, Iris und andere Pflanzen übernehmen einen großen Teil der gestalterischen Arbeit selbst.
Gerade darin liegt eine der überraschend modernen Seiten dieses Gartens. Collins versuchte nicht, die Natur dauerhaft in eine starre Form zu zwingen. Er suchte nach Pflanzengesellschaften und natürlichen Prozessen, die das gewünschte Bild mit möglichst wenigen Eingriffen erhalten ließen. In einem ehemaligen Feuchtgebiet wird aus einer vermeintlich schwierigen Stelle ein Bog Garden, andernorts wandern Pflanzen selbstständig weiter und verändern das Bild. Vieles sieht zufällig aus, obwohl dahinter jahrzehntelange Beobachtung steckt.

„The most work we do is once a year“, sagt Kerin über manche dieser Flächen. Besucher müssten all das gar nicht wissen. „It’s just beautiful.“ Vielleicht ist genau das die größte Leistung von Innisfree. Während klassische formale Gärten oft beeindrucken, weil man die menschliche Hand überall erkennt, soll sie hier häufig verschwinden. Selbst die Felsen, die wie bewusst gesetzte Skulpturen wirken, stammen aus dem Gelände.
Auch das Wasser gehört zum System. Nährstoffreiches Wasser aus tieferen Bereichen des Sees wird genutzt, um Pflanzen und Rasenflächen zu versorgen. Collins dachte schon früh über Bodenfruchtbarkeit, Wasserqualität und natürliche Kreisläufe nach. Das Prinzip wirkt erstaunlich aktuell: nicht gegen einen Ort zu arbeiten, sondern herauszufinden, was er von selbst besonders gut kann.

Die kinderlosen Becks wollten, dass ihr Garten eines Tages öffentlich zugänglich wird. Nach ihrem Tod setzte Collins ihre Arbeit fort. Heute kümmern sich nur wenige saisonale Mitarbeiter um die rund 75 Hektar. Vielleicht fällt deshalb irgendwann gar nicht mehr auf, wo Natur endet und Garten beginnt. Man läuft einfach weiter. Und schaut genauer hin. Und irgendwann zieht man beeindruckt weiter.
Mehr zum Innisfree Garden in unserem RoadTrip-Stops-Beitrag
Geschichte wächst weiter
Bei unserem nächsten Halt – in Hyde Park – gewinnt die Beziehung zwischen Mensch und Landschaft eine neue Dimension. Hier geht es nicht mehr in erster Linie um Gartenkunst, sondern um einen Ort, der Privatleben, Politik und amerikanische Geschichte miteinander verbindet. Franklin D. Roosevelt wurde 1882 in Springwood geboren und kehrte sein Leben lang dorthin zurück. Das Anwesen am Hudson war Elternhaus, Rückzugsort und während seiner Präsidentschaft immer wieder auch Arbeitsplatz. Staatsgäste kamen nach Hyde Park, politische Gespräche fanden hier statt, und gleichzeitig blieb es jener Ort, den Roosevelt seit seiner Kindheit kannte. Als sein Vater James das Anwesen 1867 kaufte, gehörten rund 45 Hektar dazu. Bis zu Franklin D. Roosevelts Tod 1945 war der Familienbesitz auf fast 6,5 Quadratkilometer angewachsen. Roosevelt selbst sorgte noch zu Lebzeiten dafür, dass sein Zuhause später der Öffentlichkeit erhalten bliebe.

Heute führt uns Ranger Rick Jenkins nicht nur zu Springwood und dem Rosengarten, in dem Franklin und Eleanor Roosevelt begraben liegen. Fast interessanter ist, was ein kleines Stück weiter noch immer wächst. Der Home Garden war kein Ziergarten, sondern Teil der Versorgung des Anwesens. Gemüse und Obst gehörten hier ebenso selbstverständlich zum Leben wie die Wälder und Felder ringsum. Heute werden dort wieder historische und für das Hudson Valley typische Gemüsearten angebaut. Was geerntet wird, landet nicht in einer Museumsküche, sondern wird über die lokale Organisation Dutchess Outreach an Menschen in der Region weitergegeben. Geschichte wird hier nicht nur konserviert. Sie produziert Lebensmittel. Das ist ein sympathischer Gedanke an einem Ort, an dem die großen historischen Ereignisse fast zwangsläufig alles andere überlagern. Roosevelt führte die USA durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg und gehört zu den prägendsten Präsidenten des Landes. Doch in Hyde Park kommt man ihm auch über Bäume, Gemüsebeete und jene Landschaft näher, die ihm persönlich wichtig war.

Vielleicht passt deshalb eine Bemerkung von Rick Jenkins besonders gut zu diesem Ort. Als wir ihn nach den aktuellen Herausforderungen für den National Park Service fragen, will er sich zu den politischen Umständen nicht grundsätzlich äußern. Er erklärt lieber, was seine Aufgabe hier bedeutet: „We’re the National Park Service, we’re in the forever game.“ Bewahren für immer. Das klingt fast vermessen. In Hyde Park versteht man zumindest, was damit gemeint ist.
Mehr zu Hyde Park und Springwood in unserem RoadTrip-Stops-Beitrag
Eine Pionierin hinter der Mauer
Nur wenige Schritte von Springwood entfernt liegt ein Garten, den man leicht übersehen könnte. Bellefield gehörte einst den Newbolds, Nachbarn und Freunden der Roosevelts. Hinter einer Mauer liegt dort ein vergleichsweise kleiner, formaler Garten – und eines der Werke einer Frau, die sich ihren Platz in einer damals fast ausschließlich von Männern dominierten Profession erkämpfen musste.

Beatrix Farrand war 1899 die einzige Frau unter den Gründungsmitgliedern der American Society of Landscape Architects. Da Frauen die etablierten Ausbildungswege ihres Fachs kaum offenstanden, organisierte Farrand einen großen Teil ihrer Ausbildung selbst, studierte Pflanzen, Gartenbau und Gestaltung und wurde schließlich zu einer der bedeutendsten amerikanischen Landschaftsarchitektinnen ihrer Zeit.
Bellefield entstand ab 1911. Wer gerade aus Innisfree kommt, könnte den Kontrast kaum größer finden. Hier gibt es Mauern, Achsen und klar definierte Gartenräume. Pflanzen sind nach Farben komponiert, Wege bewusst geführt. Doch auch Farrand spielt mit der Wahrnehmung: Je weiter man sich vom Haus entfernt, desto kleiner werden die einzelnen Gartenbereiche. Eine erzwungene Perspektive lässt den Garten länger erscheinen, als er tatsächlich ist. Dabei bedeutet Restaurierung nicht, einen bestimmten historischen Moment einzufrieren. Strukturen und Pflanzungen werden bewahrt, gleichzeitig muss ein lebender Garten mit Krankheiten, invasiven Pflanzen und verlorenen Arten umgehen. Seit 2024 ergänzt zudem ein neuer Native Plant Garden die historische Anlage.

Wenige Minuten weiter nördlich wird der menschliche Gestaltungswille monumentaler. Frederick und Louise Vanderbilt kauften ihr Anwesen in Hyde Park 1895. Unterhalb des Herrenhauses mit Blick über den Hudson wurden bestehende Gartenelemente zu einer aufwendigen formalen Anlage weiterentwickelt, deren Terrassen und Beete sich stark an europäischen Vorbildern orientierten.
Nach Innisfree, Springwood und Bellefield ist es noch einmal eine ganz andere Vorstellung davon, wie Menschen sich Landschaft aneignen und sie nach ihren Vorstellungen formen.
Warum fährt man eigentlich weg?
Die Straße steigt an, der Wald wird dichter. Dann liegt plötzlich Wasser zwischen den Bäumen und Felsen. Daneben erhebt sich ein Gebäude, das ein wenig so aussieht, als hätten sich ein viktorianisches Grand Hotel, ein Schloss und eine sehr amerikanische Vorstellung von Sommerfrische darauf geeinigt, gemeinsam an einem Bergsee zu wohnen. Das Mohonk Mountain House ist schwer in ein einziges Bild zu fassen. Türme, Giebel, Veranden und Anbauten erzählen davon, dass dieses Haus über Generationen hinweg gewachsen ist. Seit Albert Smiley 1869 hier ein kleines Inn mit zehn Zimmern und das umliegende Land kaufte, entwickelte seine Familie den Ort immer weiter. Heute wird Mohonk noch immer von Nachfahren der Smileys geführt.

Aber vielleicht ist das Gebäude gar nicht das Interessanteste an Mohonk. Es ist der Weg nach draußen. Unser Guide erklärt uns eine Idee, die Albert Smiley und seine Familie bei der Entwicklung des Resorts verfolgten. Die Gäste des späten 19. Jahrhunderts kamen aus Städten, waren an Komfort gewöhnt und sollten trotzdem hinaus in eine Landschaft, die vielen zunächst ungewohnt wild erschien. Also machte Mohonk den Übergang schrittweise: Vom Zimmer geht es auf den Balkon, von dort auf die Veranda, in den formalen Garten, auf einen Weg und schließlich in den Wald. Selbst die kleinen hölzernen Pavillons, die bis heute an Aussichtspunkten zwischen Felsen und Bäumen stehen, hatten dabei eine Funktion. Sie waren gewissermaßen winzige Außenposten der Zivilisation. Man konnte von einem zum nächsten laufen, sich dort setzen, weiterblicken – und war irgendwann viel tiefer in der Natur, als man vielleicht ursprünglich vorgehabt hatte. Die Landschaft wurde nicht bloß erschlossen. Der Weg in sie hinein wurde choreografiert.

Ab 1879 entstanden rund um Mohonk kilometerlange Carriage Roads. Sie sollten nicht möglichst schnell von A nach B führen, sondern Aussichten eröffnen und Gäste durch die Landschaft locken. Noch heute bilden sie ein weitläufiges Wander- und Outdoor-Netz. Dazwischen stehen Schilder mit zwei bemerkenswert einfachen Worten: „Slowly and quietly“. Langsam und leise. Im Jahr 2026 klingt das fast revolutionärer als im 19. Jahrhundert.
Mohonk war von Beginn an von den Quäker-Wurzeln der Smiley-Familie geprägt. Alkohol, Glücksspiel und selbst Kartenspiele passten lange nicht zum Konzept. Die Menschen sollten nicht hierherkommen, um sich im Haus abzulenken. Sie sollten hinausgehen. Unser Guide bringt diese Philosophie auf eine Frage herunter: „Why do you go away? This is why you go away. It’s out here.“ Er zeigt dabei nicht auf das Hotel. Er zeigt hinaus. Das funktioniert noch immer. Rund um den Gletschersee führen Wege in den Wald und hinauf auf die Shawangunk Ridge, vorbei an den charakteristischen hellen Konglomeratfelsen. Ruderboote liegen am See, im Winter wird das Wegenetz zum Revier für Langlauf und Schneeschuhwandern.

Trotz aller Geschichte ist Mohonk kein Museum. Bis heute gibt es in den Gästezimmern bewusst keine Fernseher. WLAN dagegen schon. Die Botschaft ist nicht: „Die moderne Welt muss draußen bleiben.“ Eher: Man muss sie nicht jede Minute anschauen.
Am Abend wird das Licht über dem See weicher. Die Felsen spiegeln sich im Wasser, und hinter den Bäumen verschwinden die letzten Sonnenstrahlen. Menschen sitzen in Schaukelstühlen auf der Veranda und schauen einfach hinaus. Nach einem Tag voller Landschaftsarchitektur ist ausgerechnet hier der vielleicht überzeugendste Gedanke der einfachste: Manchmal genügt es, einen Menschen nach draußen zu locken.
Mehr zum Mohonk Mountain House in unserem RoadTrip-Stops-Beitrag
Die Quellen von Saratoga
Auf dem Weg nach Norden wartet in Saratoga Springs eine Landschaft, deren Geschichte buchstäblich aus dem Boden sprudelt. Mineralquellen machten den Ort bereits im 19. Jahrhundert zu einem der bekanntesten Kurorte der USA. Man trank das Wasser, das teilweise einen sehr hohen Gehalt an gelösten Mineralstoffen wie Eisen oder Natriumchlorid hat, badete darin – und begann schließlich, seine natürliche Kohlensäure kommerziell zu gewinnen. Um 1880 waren mehr als 200 Mineralbrunnen in Betrieb. Die intensive Nutzung bedrohte die Quellen so sehr, dass der Staat New York Anfang des 20. Jahrhunderts eingriff und große Flächen erwarb, um sie zu schützen.

Aus der Rettung einer natürlichen Ressource entstand später der heutige Saratoga Spa State Park. Als Franklin D. Roosevelt Gouverneur von New York war, ließ er europäische Heilbäder untersuchen. Anfang der 1930er-Jahre entstand daraufhin ein großzügiger Spa-Komplex nach europäischen Vorbildern: mit klassischer Architektur, Alleen, Badehäusern, Hall of Springs, Victoria Pool und dem Gideon Putnam Hotel.

Die Roosevelt Baths eröffneten 1935. Heute gehört der historische Kern des Parks als National Historic Landmark zu den bemerkenswertesten erhaltenen amerikanischen Beispielen dieser Kurtradition. Am eindrucksvollsten sind tatsächlich die Quellen und die alten Badegebäude. In den Roosevelt Baths & Spa kann man die Tradition noch immer selbst ausprobieren. Das natürlich kohlensäurehaltige Mineralwasser kommt kalt aus unterirdischen Quellen und wird für die Bäder mit warmem Süßwasser auf eine angenehme Temperatur gebracht.

Wir übernachten gleich nebenan im Gideon Putnam, das 1935 als Hotel für Kurgäste eröffnet wurde. Seine Säulen, historischen Fotografien und zahlreichen Anspielungen auf Saratogas berühmte Pferderenntradition vermitteln unübersehbar den Anspruch eines Grand Hotels. In der Realität wirkt das Haus heute eher charmant rustikal als wirklich mondän. Interessanter ist ohnehin das Ensemble draußen vor der Tür. Denn die eigentliche Geschichte dieses Ortes erzählen die Quellen und die monumentalen Gebäude, die um sie herum entstanden sind. Dass sie heute noch sprudeln, ist keineswegs selbstverständlich: Erst ihr Schutz machte es möglich, dass aus einer beinahe übernutzten natürlichen Ressource ein bis heute lebendiger Kur- und Landschaftspark werden konnte.

Wenn die Landschaft selbst zum Kunstwerk wird
Am nächsten Morgen folgen wir dem Hudson wieder ein Stück nach Süden. Unser nächstes Ziel liegt hoch über dem Fluss – und diesmal war es ein Künstler selbst, der die Landschaft nach seinen Vorstellungen formte. Frederic Edwin Church hatte dabei einen gewissen Vorteil gegenüber anderen Landschaftsgestaltern: Er wusste ziemlich genau, wie ein perfekter Ausblick aussehen sollte. Schließlich verdiente er sein Geld damit, solche Ansichten auf die Leinwand zu bannen. Church gehörte zu den bedeutendsten amerikanischen Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts und war ein Schüler von Thomas Cole, dem Wegbereiter jener Kunstrichtung, die später als Hudson River School bekannt wurde. Seine Motive suchte er allerdings keineswegs nur vor der Haustür. Er reiste nach Südamerika, malte Vulkane in Ecuador und Eisberge im Nordatlantik, besuchte Europa und den Nahen Osten. Als Church 1860 „Heart of the Andes“ nach Europa brachte, war er bereits international bekannt. Und dann begann der Landschaftsmaler, selbst Landschaft zu gestalten.

Church’s Olana genanntes Anwesen oberhalb des Hudson River umfasst rund 100 Hektar. Das berühmte Wohnhaus mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus viktorianischer Architektur und persisch beziehungsweise nahöstlich inspirierten Ornamenten ist sein auffälligstes Bauwerk. Doch wer Olana nur wegen des Hauses besucht, verpasst einen wesentlichen Teil des Kunstwerks. „Olana is not a house“, sagt Sean Sawyer, Präsident der Olana Partnership, als wir ankommen. „Olana is an entire place.“ Church arbeitete über Jahrzehnte an diesem Ort. Er ließ Bäume pflanzen und Wälder anlegen, bewirtschaftete Teile des Landes als Farm, schuf Wiesen und einen etwa vier Hektar großen künstlichen See. Vor allem aber ließ er mehr als acht Kilometer Kutschwege durch das Gelände ziehen. Sie sollten nicht möglichst effizient von einem Ort zum anderen führen, sondern Bilder erzeugen. Mal verschwindet der Hudson hinter Bäumen, dann öffnet sich plötzlich ein weiter Blick über den Fluss. Ein Stück weiter rahmen Äste die Catskill Mountains am Horizont. Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund – Begriffe aus der Malerei funktionieren hier plötzlich in drei Dimensionen. Der Besucher bewegt sich durch eine Abfolge von Ansichten, deren Perspektiven Church bewusst komponierte.

„This entire landscape is the work of art.“ Der Satz könnte als Überschrift über Olana stehen. Denn Church konnte nicht nur das Bild, sondern auch dessen Vordergrund verändern: einen Baum pflanzen, einen See schaffen, einen Weg so führen, dass sich die Landschaft nicht auf einmal offenbarte, sondern nach und nach. Trotzdem wirkt Olana heute über weite Strecken hinweg erstaunlich natürlich. Erst wenn man weiß, wie intensiv Church den Ort gestaltete, beginnt man genauer hinzusehen.

2026 bekommt diese Geschichte zusätzliche Aktualität: Es ist Churches 200. Geburtstag. Die Ausstellung „Frederic Church: Global Artist“ richtet deshalb auch den Blick auf seine internationale Perspektive. Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Kolumbien und Ecuador, nach Labrador und Neufundland sowie in den Nahen Osten. Ornamente und architektonische Ideen am Wohnhaus, Pflanzen, Kunstgegenstände und Ansichten erzählen auch davon, was Church anderswo gesehen hatte. Es ist eine bemerkenswerte Umkehrung: Church reiste um die Welt, um Landschaften zu malen – und brachte anschließend Teile dieser Welt zurück an den Hudson. Seit 2024 empfängt zudem ein neues Besucherzentrum die Gäste, mit Massivholz errichtet, weitgehend elektrisch betrieben und so in die Landschaft gesetzt, dass es sich dem historischen Ensemble unterordnet.

Auch Olana ist damit kein eingefrorenes Denkmal. Was ist hier eigentlich noch Natur – und was Gestaltung? Die Antwort wird zunehmend unwichtig. Vielleicht ist das gerade die Kunst.
Als die Seen noch Straßen waren
Weiter westwärts verändert sich New York erneut. Die Berge treten zurück, der Himmel scheint größer zu werden und schließlich taucht Wasser auf. Sehr viel Wasser: Die Finger Lakes ziehen sich wie lange, schmale Finger durch den Westen des Bundesstaats. Elf größere Seen gehören zur von Gletschern geformten Landschaft. Heute denkt man bei der Region an Wein, kleine Orte am Wasser, Wandern und Ferienhäuser. Im 19. Jahrhundert hatten die Seen allerdings eine ganz andere Bedeutung: Sie waren Verkehrswege. Das lässt sich besonders gut in Aurora am Ostufer des Cayuga Lake erkennen. Heute wirkt der Ort mit seinen alten Häusern, großen Bäumen und gepflegten Gärten fast wie eine idealisierte amerikanische Kleinstadt am See. Rund 600 Menschen leben hier. Doch Aurora war einmal ein geschäftiger Umschlagplatz. Durch die Verbindung der Finger Lakes mit dem Erie Canal konnten landwirtschaftliche Produkte aus der Region weit über den lokalen Markt hinaus transportiert werden.

Wohlhabende Kaufmannsfamilien errichteten ihre Häuser so, dass sie vom Wasser aus sichtbar waren. Denn wer in Aurora ankam, kam lange Zeit nicht über die Straße, sondern über den See. Unser Guide erzählt von einem Haus der Morgan-Familie, dessen mächtige Säulen demonstrativ zum Wasser weisen. Es gehörte einem jüngeren Bruder des einflussreichen Geschäftsmanns Edwin Barber Morgan. „It’s kind of the younger brother syndrome“, kommentiert unser Guide lachend.

Auch das Aurora Inn erzählt von dieser Zeit. Edwin Barber Morgan ließ das Gebäude 1833 errichten. Später gehörte er zu den ersten Investoren der New York Times und war eng mit Henry Wells verbunden, dessen Name bis heute in Wells Fargo weiterlebt. Das kleine Aurora war damals stärker mit den großen Wirtschaftsströmen des Landes verbunden, als seine heutige Beschaulichkeit vermuten lässt.
Als der Seeverkehr an Bedeutung verlor, verlor auch Aurora viel von seiner früheren Glanzzeit. Gebäude verfielen, Geschäfte verschwanden. Selbst das 1868 gegründete Wells College, das den Ort über Generationen geprägt hatte, musste 2024 schließen. Dass Aurora heute trotzdem erstaunlich lebendig wirkt, hängt mit einer Frau zusammen, deren bekannteste Geschäftsidee wenig mit Dorfentwicklung zu tun hatte: Pleasant Rowland erfand American Girl. Rowland hatte selbst am Wells College studiert und entwickelte später die erfolgreichen historischen Mädchenfiguren samt Büchern, bevor sie American Girl 1998 an Mattel verkaufte. Einen Teil ihres Vermögens investierte sie anschließend in Aurora. Über Jahre hinweg finanzierte und begleitete sie die Restaurierung historischer Gebäude, zunächst in Verbindung mit dem Wells College, später über die heutigen Inns of Aurora. Aus alten Wohnhäusern wurden kleine Hotels, andere Gebäude erhielten neue Funktionen.

Unser Guide erzählt, Rowland habe irgendwann geglaubt, ihre Aufgabe in Aurora sei abgeschlossen. Als sich die Situation erneut änderte, entschied sie sich jedoch zum Weitermachen: „My work is not done here.“ Ob Rowland diesen Satz tatsächlich exakt so formulierte, lässt sich aus unserer Führung nicht als Primärzitat belegen. Als Erzählung über Aurora trifft er jedoch gut, was man beim Spaziergang durch den Ort sieht.
Die verschiedenen Inns verteilen sich über das Dorf; jedes Haus hat seinen eigenen Charakter. Alte Wohnhäuser, Gärten und öffentliche Räume sind Teil eines Gesamtkonzepts geworden. Natürlich kann man darüber diskutieren, was geschieht, wenn privates Kapital einen so großen Einfluss auf die Entwicklung eines kleinen Ortes hat. Ebenso schwer lässt sich übersehen, wie viele historische Gebäude dadurch erhalten geblieben sind.

Am Abend liegt der Cayuga Lake ruhig vor uns. Kaum etwas erinnert daran, dass hier einmal Dampfschiffe mit landwirtschaftlichen Produkten unterwegs waren und dieser See nicht in erster Linie eine Kulisse, sondern Infrastruktur war. Manchmal muss sich eine Landschaft gar nicht verändern. Es reicht, wenn wir Menschen ihr eine vollkommen neue Bedeutung geben.
Eine kleine Stadt mit großer Wirkung
Manchmal genügt es, in Corning nach oben zu schauen. „Look up, look up, look up“, fordert uns Megan O’Toole tags darauf immer wieder auf, während wir über die Market Street laufen. Sie stammt aus Kalifornien, lebt aber seit rund 25 Jahren hier und bezeichnet Corning längst als ihre Wahlheimat. Wer nur geradeaus schaut, sieht Cafés, Restaurants, Galerien und kleine Geschäfte. Wer Megans Rat folgt, entdeckt darüber eine zweite Stadt: verzierte Backsteinfassaden, Gesimse, Terrakotta und unterschiedliche Ziegelmuster, die von jener Zeit erzählen, als Corning noch eine ziemlich rußige Industriestadt war.

Dass die Market Street heute so geschlossen wirkt, ist keineswegs selbstverständlich. 1972 trafen die Überreste von Hurrikan Agnes die Region, der Chemung River trat über die Ufer und große Teile der Innenstadt standen unter Wasser. Die Katastrophe beschleunigte die Bemühungen, die historischen Gebäude zu erhalten und die Innenstadt neu zu beleben. 1974 wurde die Market Street Restoration Agency gegründet.
Corning wäre nur eine hübsch restaurierte amerikanische Main Street, wenn da nicht dieses eine Material wäre: Glas. Cornings Geschichte rund ums Glas beginnt allerdings nicht in Corning. 1851 stieg Amory Houghton bei den Bay State Glass Works in East Cambridge, nahe Boston, ein. Nach einer Zwischenstation in Brooklyn zog das Unternehmen 1868 nach Corning. Glasschleifer und Glasbläser kamen, Zulieferer entstanden, und Corning bekam den Beinamen Crystal City.

Glas war hier kein touristisches Thema. Es war Arbeit, Industrie und Lebensgrundlage. Und es wurde zum Ausgangspunkt für Innovationen, die weit über den Ort hinausreichten. Corning produzierte Glas für Eisenbahnsignale und Glaskolben für Thomas Edisons elektrische Beleuchtung, später kamen hitzebeständiges Kochgeschirr und Spezialglas für Wissenschaft und Industrie hinzu. 1970 gelang Forschern des Unternehmens ein entscheidender Durchbruch bei verlustarmen optischen Glasfasern – einer Grundlage der modernen digitalen Kommunikation. Und dann gibt es noch die Geschichte mit Steve Jobs. Als Apple nach einem besonders dünnen, klaren und widerstandsfähigen Glas für das erste iPhone suchte, wurde eine ältere Corning-Entwicklung wieder interessant. Daraus entstand Gorilla Glass, das heute in Milliarden elektronischer Geräte eingesetzt wird. Die oft erzählte Version, Jobs persönlich sei einfach nach Corning gekommen und habe dort die Lösung gefunden, ist etwas zu schön, um sie ungeprüft zu übernehmen. Richtig ist aber: Die Zusammenarbeit mit Apple gab den entscheidenden Anstoß, das besonders widerstandsfähige Glas in kürzester Zeit für Smartphones in Großserie zu produzieren.

Megan fasst die Dimension dieser Geschichte wesentlich einfacher zusammen: „It’s a small town, but it has a big impact.“ Wir sind weit entfernt vom Silicon Valley und anderen Orten, die man spontan mit technologischem Fortschritt verbindet. Und doch führen unsichtbare Linien von dieser kleinen Stadt zu Eisenbahnen, Glasfasern und Smartphones auf der ganzen Welt. Dabei wäre es falsch, Corning auf Technik zu reduzieren. „Corning, as much as it is advanced science, it is also art“, sagt Megan. Galerien, Glas im öffentlichen Raum und das Rockwell Museum erzählen von der anderen Seite der Stadt. Das eigentliche Gedächtnis der Glasgeschichte liegt allerdings nur ein paar Minuten entfernt.
3.500 Jahre und ein ziemlich heißer Werkstoff
Das Corning Museum of Glass besitzt eine der weltweit bedeutendsten Glassammlungen. Rund 3.500 Jahre Glasgeschichte lassen sich hier verfolgen – von frühen Gefäßen aus Ägypten und dem Nahen Osten über römisches Glas und venezianische Meisterwerke bis zu zeitgenössischen Installationen. Wer vorher durch Corning gelaufen ist, betrachtet die Sammlung anders. Glas erscheint nicht mehr nur als schönes Material, sondern als roter Faden durch Zivilisationsgeschichte, Wissenschaft und Alltag. Techniken und Rezepturen veränderten sich über Jahrtausende, neue Herstellungsverfahren eröffneten immer wieder neue Möglichkeiten. Die entscheidende Frage blieb dieselbe: Was kann man mit diesem Material noch machen?

2026 feiert das Museum sein 75-jähriges Bestehen. Dazu sammelt es 75 Geschichten aus der Community: Erinnerungen an ein bestimmtes Objekt, einen Besuch oder eine persönliche Verbindung zum Haus. Eine Mitarbeiterin erklärt uns, warum das wichtig ist: „Without visitors, without collectors and donors, we don’t stay here, right?“ Besonders interessant ist im Jubiläumsjahr auch „Tough Stuff: Women in the American Glass Studio“. Die Ausstellung richtet den Blick auf Künstlerinnen, die insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren die amerikanische Studio-Glass-Bewegung mitprägten, in deren Geschichtsschreibung jedoch lange weniger sichtbar waren als ihre männlichen Kollegen.

Nach so viel Glas könnte man problemlos noch Stunden im Museum verbringen. Doch draußen wartet ein völlig anderes Material auf uns: Erde.
Der Geschmack eines Jahres
Der Keuka Lake unterscheidet sich schon auf der Karte von seinen Nachbarn. Während die meisten Finger Lakes lang und schmal von Nord nach Süd verlaufen, teilt er sich an seinem nördlichen Ende in zwei Arme. An den Hängen rund um den See wachsen Reben. Die Finger Lakes haben sich vor allem mit kühlklimatischen Rebsorten international einen Namen gemacht. Riesling spielt dabei eine Hauptrolle. Wer aus Deutschland kommt, bewegt sich hier auf erstaunlich vertrautem Terrain: kalte Winter, kurze Vegetationsperioden, Hanglagen am Wasser und die Frage, was ein bestimmter Jahrgang aus diesen Bedingungen macht.

Bei Vineyard View Winery in Keuka Park beginnt unser Besuch allerdings nicht mit Riesling, sondern mit Vino. Der Hund, der auf diesen Namen hört, gehört offenbar genauso selbstverständlich zum Betrieb wie Reben, Tanks und Verkostungsraum. Kurz darauf stehen wir mit Winzerin Paige Vincent und ihrer jungen Kollegin Amanda zwischen den Tanks.

Vineyard View ist Teil eines Familienbetriebs in fünfter Generation. Die Familie Folts baut seit 1893 Trauben an; die Winery selbst eröffnete 2013. Was Paige über Wein erzählt, klingt zunächst weniger nach Önologie als nach Landwirtschaft: „You certainly don’t have a fifth-generation farm by abusing the land that you’re working on.“ Sie spricht über Integrated Pest Management, Boden, Wasser und Begrünung zwischen den Rebzeilen. Wer über Generationen auf demselben Boden leben wolle, müsse verstehen, wie er funktioniert. Auch im Keller verfolgt Paige eine möglichst zurückhaltende Philosophie. Sie möchte keine Weine erzeugen, die jedes Jahr identisch schmecken. „We’re not making a cookie-cutter product.“ Und dann formuliert sie einen Satz, der vielleicht besser als jeder andere erklärt, warum Wein auf diese Reise gehört: „We want our 2024 Riesling to speak to 24. We want our 22 to speak to 22. It really ought to be a snapshot.“ Ein Schnappschuss eines Jahres. Plötzlich ist die Landschaft nicht mehr nur etwas, durch das wir fahren oder das wir betrachten. Man kann sie schmecken. Wärme, Regen, Frost und Reife hinterlassen ihre Spuren. Paige beschreibt die Rolle der Winzerin mit einem schönen Vergleich. Man sei ein wenig wie die Begrenzungen auf einer Bowlingbahn: Man verhindere, dass die Kugel in der Rinne lande, wolle ihr aber nicht jeden Zentimeter des Weges vorschreiben. Für die Finger Lakes bedeutet das auch, die eigenen klimatischen Stärken zu akzeptieren. Riesling ist dafür das offensichtlichste Beispiel, Cabernet Franc gewinnt ebenfalls an Bedeutung.

Und dann ist da Amanda. Sie kam direkt nach der Highschool über das Viticulture-and-Enology-Programm des Finger Lakes Community College in die Branche, absolvierte 2024 während der Lese ein Praktikum bei Vineyard View – und blieb. Heute arbeitet sie im Weinberg, im Keller und im Tasting Room. Mit 21 ist sie gerade alt genug, um die Weine, an deren Entstehung sie selbst beteiligt ist, in den USA auch legal zu trinken.
Draußen fällt der Blick über die Reben Richtung Keuka Lake. Am nächsten Tag zeigt uns unser letzter großer Stopp der Reise noch eine andere Möglichkeit, Landschaft zu gestalten: so, dass möglichst viele Menschen sie erleben können.
Natur für alle
Der Name verspricht nicht gerade Understatement: Grand Canyon of the East. So wird der Letchworth State Park gerne genannt. Vergleiche mit berühmteren Naturwundern sind im amerikanischen Tourismus nicht ungewöhnlich, und meistens ist man gut beraten, sie nicht allzu wörtlich zu nehmen. Auch Letchworth ist kein zweiter Grand Canyon. Muss es aber gar nicht sein. Der Genesee River hat hier eine tiefe Schlucht in die Landschaft geschnitten, eingerahmt von dicht bewaldeten Hängen und Felswänden, die bis zu rund 180 Meter aufragen. Drei große Wasserfälle liegen im Park; mehr als 100 Kilometer Wanderwege durchziehen das Gebiet. Nach Gärten, Landsitzen, Weinbergen und kleinen Städten wirkt die Landschaft plötzlich größer und wilder. Doch unser stärkster Eindruck von Letchworth beginnt nicht an einem Wasserfall, sondern auf einem rund 1,6 Kilometer langen Weg durch den Wald. Der Autism Nature Trail, kurz ANT, wurde für Menschen im Autismus-Spektrum und mit unterschiedlichen sensorischen Bedürfnissen entwickelt. Gleichzeitig ist er ausdrücklich für alle gedacht. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied in der Formulierung. Beim Rundgang wird daraus ein ziemlich großer. Denn der Trail versucht nicht, Menschen mit besonderen Bedürfnissen irgendwie in ein bestehendes Naturerlebnis einzupassen. Das Naturerlebnis wurde von Anfang an so konzipiert, dass möglichst viele Menschen daran teilhaben können.

Entlang des Rundwegs befinden sich verschiedene Stationen. An der Sensory Station lassen sich natürliche Materialien anfassen und riechen, der Music Circle lädt dazu ein, eigene Klänge zu erzeugen. Es gibt Möglichkeiten zur Bewegung, ruhigere Bereiche zum Zurückziehen – und dazwischen immer wieder einfach Wald. Nichts wirkt wie ein medizinisches Programm oder wie ein separater Bereich für eine kleine Gruppe. Vielmehr stellt der Trail eine grundsätzliche Frage: Warum gestalten wir Naturerlebnisse nicht häufiger so, dass unterschiedliche Menschen sie auf unterschiedliche Weise erleben können? Davon würde man sich mehr wünschen.

Auch der Autism Nature Trail ist eine gestaltete Landschaft. Nur steht diesmal nicht die perfekte Aussicht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wer sie erleben kann. Es ist vielleicht die zeitgemäßeste Form der Landschaftsgestaltung, die uns auf dieser Reise begegnet.
Abendessen mit Wasserfall – und Ballonfahrt
Dabei bietet Letchworth mehr als genug klassische Postkartenmotive. Das merken wir spätestens am Glen Iris Inn. Das ehemalige Landhaus von William Pryor Letchworth liegt unmittelbar oberhalb der Middle Falls und dient seit 1914 als Gasthaus. Wer modernen Luxus erwartet, ist hier möglicherweise am falschen Ort. Das Haus wirkt eher charmant rustikal, ein bisschen aus der Zeit gefallen – und genau das passt erstaunlich gut.

Ohnehin ist der größte Luxus dieses Hauses nicht das Interieur. Es ist die Lage: Nur wenige Schritte vom Restaurant entfernt stürzt der Genesee River über eine breite Felskante in die Tiefe. Die Gischt steigt auf, das Donnern des Wassers liegt über der Umgebung und der Fluss verschwindet anschließend wieder zwischen den bewaldeten Wänden der Gorge. Nach dem Abendessen noch einmal schnell zum Wasserfall zu gehen, bedeutet hier tatsächlich nur wenige Schritte.

Wenige Stunden später sehen wir denselben Ort aus einer ganz anderen Perspektive. Die Familie Teitsworth fährt seit Jahrzehnten Ballon. Balloons Over Letchworth geht auf das 1977 gegründete Familienunternehmen Liberty Balloon Company zurück, und schon beim Vorbereiten unseres Ballons wird deutlich, dass hier keine anonyme Tourismusattraktion vor uns liegt. Die Teitsworths wirken wie Menschen, für die das Ballonfahren weniger Beruf als Familienleidenschaft geworden ist.

Für eine richtige Fahrt reicht unser Abend nicht aus. Unser Ballon bleibt am Boden vertäut. Das klingt zunächst ein wenig nach einem Trostpreis. Bis der Brenner faucht. Die Hülle richtet sich auf, der Korb wird leicht und plötzlich liegt der Boden einige Meter unter uns. Das Seil hält uns in der Nähe des Startplatzes, doch schon diese geringe Höhe reicht aus, um die Dimensionen der Landschaft neu zu sortieren. Wald wird zu einem grünen Teppich. Die Schlucht zeichnet eine tiefe Linie durch die Landschaft. Und dort unten liegen die Wasserfälle des Genesee River, die wir kurz zuvor noch von ihren Ufern aus betrachtet haben.

Nach ein paar Minuten geht es wieder hinunter, die nächste Gruppe soll vor der Dunkelheit noch einen kurzen Flug genießen können. Natürlich macht gerade das Lust auf mehr. Auf eine richtige Ballonfahrt, bei der kein Seil die Richtung vorgibt und allein der Wind entscheidet, wohin die Reise geht. Doch für diesen Abend reicht der kurze Perspektivwechsel. Dann wird es dunkel und wir fahren nach Buffalo.
Noch einmal Stadt – aber anders
Rund eine Stunde später stehen wir vor zwei mächtigen Türmen, die sich über einem Gebäude erheben, das in der Dunkelheit eher wie eine Festung als wie unser Hotel für die letzte Nacht aussieht. Nach sechs Tagen zwischen Gärten, Wäldern, Seen und Schluchten sind wir zurück in einer Großstadt. Doch selbst hier lässt uns das Thema Landschaft nicht los. The Richardson Hotel ist Teil des rund 17 Hektar großen Richardson Olmsted Campus, dessen Geschichte in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Die Gebäude wurden von Henry Hobson Richardson entworfen, einem der bedeutendsten amerikanischen Architekten seiner Zeit; für die Landschaft zeichneten Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux verantwortlich – jene beiden Männer, die zuvor bereits den Central Park in Manhattan gemeinsam gestaltet hatten.

Das Ensemble entstand allerdings nicht als Hotel. Hier befand sich das Buffalo State Asylum for the Insane. Als 1880 die ersten Patienten einzogen, gehörte die Anlage zu einem neuen Ansatz in der Behandlung psychisch kranker Menschen. Grundlage war das Konzept des amerikanischen Psychiaters Thomas Story Kirkbride: Statt Patienten lediglich wegzusperren, sollten Architektur, Tageslicht, Frischluft und eine ruhige, grüne Umgebung zu ihrer Genesung beitragen. Richardson entwarf die Gebäude, Olmsted und Vaux die umgebende Landschaft. Architektur und Natur sollten gemeinsam wirken. Was im 19. Jahrhundert als fortschrittlich galt, wurde von späteren Entwicklungen in der Psychiatrie überholt. 1974 verließen die letzten Patienten die historischen Gebäude, große Teile der Anlage standen anschließend jahrzehntelang leer. Erst im 21. Jahrhundert begann ihre umfassende Restaurierung. Heute befinden sich im zentralen Towers Building und in zwei angrenzenden ehemaligen Krankenhausflügeln unter anderem die 88 Zimmer des Richardson Hotels.

Damit schließt sich für unsere Reise beinahe ungewollt ein Kreis. Wieder begegnet uns die Überzeugung, dass eine gestaltete Umgebung etwas mit Menschen macht – diesmal an einem Ort, an dem Grün bereits vor fast 150 Jahren Teil eines therapeutischen Konzepts war. Wir hätten uns für diesen Schlusspunkt allerdings einen zusätzlichen Tag gewünscht. Denn erst am nächsten Morgen wird richtig deutlich, wo wir gelandet sind. Das Richardson liegt mitten in einem der interessantesten Kulturviertel Buffalos. Gleich nebenan liegen das Buffalo AKG Art Museum und das Burchfield Penney Art Center, ein Stück weiter beginnt der ebenfalls von Olmsted und Vaux gestaltete Delaware Park. Rund um die Elmwood Avenue lockt Elmwood Village mit viktorianischen Häusern, kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants. Für all das bleibt diesmal keine Zeit. Das ist ärgerlich – und gleichzeitig vielleicht das beste Argument dafür, Buffalo nicht bloß als Übernachtungsort vor dem Rückflug einzuplanen. Mit der Theodore Roosevelt Inaugural National Historic Site und Frank Lloyd Wrights Darwin D. Martin House wäre die Liste schnell noch länger. Und wer nach sechs Tagen New York State noch immer nicht genug von spektakulärem Wasser hat, erreicht von Buffalo aus auch die Niagara Falls. Eigentlich wäre Buffalo also kein Ende, sondern der Anfang der nächsten Reise.

Ein anderes New York
Am JFK Airport hatten wir sechs Tage zuvor die Stadt verlassen, bevor wir überhaupt richtig in ihr angekommen waren. Manhattan lag zum Greifen nahe, doch wir fuhren in die entgegengesetzte Richtung.
Seitdem hat sich nicht nur die Landschaft immer wieder verändert, sondern auch unser Blick darauf. Aus Gärten wurden Kunstwerke, ein Maler komponierte Landschaften, Seen dienten als Verkehrswege und ein Jahrgang wurde zum geschmacklichen Schnappschuss von Wetter, Boden und Arbeit. In Letchworth zeigte schließlich ein Weg durch den Wald, dass es bei Landschaftsgestaltung auch darum gehen kann, wer Natur überhaupt erleben kann.
„Natur“ war auf dieser Reise erstaunlich selten einfach nur Natur. Menschen haben sie bewirtschaftet, geformt, gemalt, geschützt und zugänglich gemacht. Manchmal so behutsam, dass ihre Hand kaum noch zu erkennen ist, manchmal mit monumentalem Gestaltungswillen. Und nun stehen wir ausgerechnet in Buffalo wieder in einer Landschaft von Frederick Law Olmsted.
Die Wolkenkratzer Manhattans haben wir auf dieser Reise kein einziges Mal gesehen. Vermisst haben wir sie auch nicht. Denn hinter der berühmtesten Skyline der USA verbirgt sich noch ein anderes New York. Eines aus Gärten und Wäldern, Flüssen und Seen, Weinbergen und Wasserfällen, kleinen Städten und überraschend viel Kunst.
Man muss nur in die andere Richtung fahren.


Reiseinfos: New York State
Route: New York/JFK – Hudson Valley – Hyde Park – Mohonk – Saratoga Springs – Olana – Finger Lakes – Corning – Keuka Lake – Letchworth State Park – Buffalo. Die Reise lässt sich gut als Roadtrip mit Mietwagen planen; für die im Artikel beschriebene Route sollte man mindestens 8 bis 10 Tage einplanen.
Beste Reisezeit: Spätes Frühjahr bis Herbst. Im Mai stehen viele Gärten in voller Frühlingsblüte, im Sommer locken Seen und Outdoor-Aktivitäten, im Herbst kommen Weinlese und Indian Summer hinzu.
Nicht verpassen: Innisfree Garden, die historischen Anwesen in Hyde Park, Mohonk Mountain House, Saratoga Spa State Park, Olana, Corning Museum of Glass, die Weinregion der Finger Lakes und Letchworth State Park.
Anreise: New York/JFK eignet sich als Startpunkt, Buffalo als Ziel. Alternativ lässt sich die Strecke als Rundreise zurück nach New York City planen.
Weitere Informationen: I LOVE NY – offizielle Tourismusseite des Bundesstaats New York
Die im Artikel beschriebene Reise führte vom Großraum New York durch das Hudson Valley und über Saratoga Springs und die Finger Lakes bis nach Letchworth und Buffalo.
RoadTrip dankt der New York State Division of Tourism sowie der Wiechmann Tourism Service GmbH für die Unterstützung.



